KI als Herausforderung für Einstiegsjobs: Ist alles ganz anders?

Die Aussage „KI vernichtet Junior-Jobs” lässt wichtige Nuancen außer Acht. Aber so oder so: Sie brauchen eine Strategie.

BIld: KI

Unternehmen sind bestrebt, KI zu integrieren, um eine Reihe betrieblicher und leistungsbezogener Vorteile zu erzielen. Das stellt herkömmliche Rollenmodelle infrage. Die Auswirkungen von KI auf menschliche Rollen sind Gegenstand einer besonders lebhaften Debatte – insbesondere auf Einstiegsebene. Bev White und Andrew Neal von der Personalvermittlung Nash Squared kennen die Herausforderungen sowohl für Organisationen als auch für junge Talente.

KI hat das Potential, viele sich wiederholende, administrative Aufgaben zu übernehmen. Das könnte dazu führen, dass ganze Bereiche von Einsteigerpositionen wegfallen, die traditionell den Einstiegspunkt für junge Talente in eine Vielzahl von Karrieren darstellen.
Einen Vorgeschmack auf die Auswirkungen liefern große Technologieunternehmen, die bereits auf auf KI verweisen, um große Teile ihrer Belegschaft abzubauen: IBM kündigte im November an, Tausende von Mitarbeitern zu entlassen. In Belgien will das Unternehmen im Rahmen eines neuen Transformationsplans mehr als 10 % seiner Belegschaft abbauen. Zudem gibt es gibt es branchenweit Berichte über einen Rückgang der Nachfrage nach Junior-Programmierern aufgrund von KI, da sich die Tätigkeit zunehmend zu einer Aufsichtsfunktion wandelt.

Auch professionelle Dienstleistungsunternehmen reduzieren ihre Einsteigerstellen. Accenture strich 11.000 Stellen und forderte Mitarbeiter zum Gehen auf, die KI nicht benutzen wollen oder können. Versicherungen kündigten 2025 einen massiven Stellenabbau an. So könnten z. B. bei einer Tochter der Allianz 1.500 Stellen vor allem in Callcentern gestrichen werden. Einfache Anfragen sollen von KI übernommen werden.

Ist wirklich KI schuld?

Die Situation ist in der Tat differenziert zu betrachten. Bei diesen Veränderungen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, darunter Konjunkturzyklen und Marktbedingungen: Es geht keineswegs nur um KI.
So gingen beispielsweise die Umsätze von Unternehmensberatungen (ein großer Teil des Bereichs professioneller Dienstleistungen) im Vereinigten Königreich im Jahr 2024 zurück bzw. verzeichneten in den letzten 12 Monaten nur ein sehr moderates Wachstum.

Große professionelle Dienstleistungsunternehmen wie die Big Four reagierten auf diese Marktbedingungen, indem sie Absolventen und Einsteigern weniger Stellen anboten.

Auf der anderen Seite ist zu erwarten, dass mit der rasanten Weiterentwicklung der KI und ihrer zunehmenden Integration in die Systeme und Prozesse von Unternehmen die Auswirkungen auf die Aufgabenbereiche von Menschen zunehmen werden – und dies dürfte am stärksten auf Einstiegsebene zu spüren sein, wo ein Großteil der Tätigkeiten von Menschen für die Automatisierung reif ist.

Dazu könnte auch die Branche der Personalvermittlung zählen. Berater, die am Anfang ihrer Karriere stehen, verbringen traditionell einen Großteil ihrer Zeit mit manuellen Aufgaben wie der Suche nach zu besetzenden Stellen, der Recherche von Marktinformationen, der Erstellung von Listen potenzieller Kandidaten und der Sichtung/Auswahl von Bewerbungen. Der Bedarf an Mitarbeitern für diese Aufgaben wird mit der Entwicklung von KI-Lösungen sinken.

Verlagerung des Fokus auf Fähigkeiten

Der entscheidende Punkt ist, dass KI die Anforderungen der Unternehmen an ihre Mitarbeiter verändern wird – sie wird sie jedoch nicht überflüssig machen. Wir werden weiterhin Nachwuchskräfte in der Personalvermittlung benötigen, genauso wie sie in der Technologiebranche, im Bereich der professionellen Dienstleistungen und in anderen Branchen benötigt werden. Der Schwerpunkt wird sich jedoch verlagern – weg von Lernaufgaben und Prozessen hin zur Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und Eigenschaften, die großartige Fachkräfte und Führungskräfte ausmachen: strategisches Denken, Kreativität, Ethik und Moral sowie Empathie.
Gleichzeitig wird die Fähigkeit des Einzelnen, KI-Antworten zu verstehen und zu interpretieren, von entscheidender Bedeutung sein. Unternehmen werden nach Talenten suchen, die diese menschlichen Fähigkeiten schneller erwerben können – die Messlatte wird höher gelegt, da die meisten Angehörigen der Generation Z bereits recht versiert im Umgang mit KI-Werkzeugen ist.
Daraus folgt, dass KI den besten Talenten die Möglichkeit eröffnet, schneller in höhere und besser bezahlte Positionen aufzusteigen. Mit Hilfe von KI-Tools könnten kluge und fähige Fachkräfte beispielsweise eine Position, für die derzeit in der Regel drei Jahre Erfahrung erforderlich sind, bereits nach nur einem Jahr ausfüllen.

Die Erfahrungslücke schließen

Allerdings gibt es ein offensichtliches Problem. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass Lernen am Arbeitsplatz. praktische Erfahrungen, Fehlerkultur, Reflexion und der Austausch mit anderen ein wichtiger Teil der Kompetenzbildung ist. Es sind die gelebten und gelernten Erfahrungen, die großartige Fachleute und Führungskräfte ausmachen.
Es stellt sich daher die Frage, wie junge Talente dieses unverzichtbare Wissen am Arbeitsplatz entwickeln können – zumal die zunehmende Verbreitung hybrider Arbeitsmodelle die persönliche Kontaktzeit mit Kollegen und Vorgesetzten reduzieren. Jungen Berufseinsteigern fehlt somit ein wichtiger Teil des Lern- und Lehrprozesses.
Dies ist ein Thema, mit dem sich Unternehmen derzeit intensiv auseinandersetzen müssen, um vorausschauend zu handeln und in den kommenden Jahren ein Qualifikationsvakuum, auch auf Führungsebene, zu verhindern.

Image
Description
“Es sind die gelebten und gelernten Erfahrungen, die großartige Fachleute und Führungskräfte ausmachen.” – Andrew Neal ist Chief People Officer bei Nash Squared.

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Bewältigung dieses Problems liegt sicherlich in der Aus- und Weiterbildung. Die Ausbildung junger Talente muss sich verändern, wobei der Schwerpunkt von Aufgaben und Prozessen auf Erfahrungen und Fähigkeiten verlagert werden muss.
Die Technologie selbst kann hier eine große Rolle spielen, da sie das Potenzial hat, situationsbezogene simulierte Erfahrungen für Auszubildende zu schaffen, die sie durch ein Live-Szenario führen, in dem KI die Rolle eines Kunden oder anderer Interessengruppen übernimmt und ihnen hilft, diese gelernte Erfahrung zu entwickeln.
Ein Beispiel dafür sind Formel-1-Rookies, die viel Zeit in einem Simulator verbringen – einem sicheren Ort, an dem sie lernen, sich selbst herausfordern und auch mal einen Unfall bauen können.
Die Vorstellung von einer Virtual-Reality-Ausbildung im Metaverse mag extrem erscheinen. Aber jede Organisation, die in Zukunft erfolgreich sein will, muss Ausbildungs- und Entwicklungsmechanismen entwickeln, die Nachwuchstalenten helfen, ihre Fähigkeiten und Grundkenntnisse auszubauen – anstatt ihnen einfach nur beizubringen, wie man Prozess X oder Y durchführt.

Verantwortung in der Vorstandsetage übernehmen

Die Auswirkungen davon sind weitreichend und sollten für Vorstände auf der ganzen Welt ein vorrangiges Thema sein. In den Vorstandsetagen muss diskutiert und geklärt werden, welche Aufgaben die Mitarbeiter im Unternehmen erfüllen müssen – auch auf Einstiegsebene und wie das Unternehmen aktuelle und zukünftige Talente einstellt, bewertet und fördert, welche Fähigkeiten und Eigenschaften dafür erforderlich sind und wo bzw. wie KI unterstützen kann. Sobald die Strategie festgelegt ist, ist es entscheidend, dass jeder Teil des Unternehmens sie in seinem jeweiligen Bereich umsetzt.

Image
Description
"Nichts zu tun ist keine Option.” – Bev White ist CEO bei Nash Squared.

Jede industrielle Revolution verändert den Arbeitsmarkt. Die KI-Revolution ist da keine Ausnahme. Setzen Sie diese Themen auf Ihre Führungsagenda. Nichts zu tun ist keine Option. Der Wandel ist allgegenwärtig, und die erfolgreichsten Unternehmen werden diejenigen sein, die frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um ihn zu antizipieren und jetzt darauf zu reagieren.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Schwester-Website Computing.