KI: Zwischen Wunsch und Realität auf dem Zauberberg
Big-Tech-Vertreter äußern sich in Davos zur Zukunft der KI
Das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) 2026 in Davos, das unter dem übergeordneten Thema „A Spirit of Dialogue“ stand, markierte in Bezug auf Künstliche Intelligenz (KI) einen fundamentalen Umschwung. War die Diskussion in den Jahren 2023 und 2024 noch von einem staunenden „Entdeckungsgeist“ und 2025 von einer Phase der „experimentellen Pilotierung“ geprägt, so wird 2026 als das Jahr das Jahr der praktischen Anwendung sein.
Die fast 3.000 Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, die sich im Schweizer Alpenort versammelten, debattierten nicht mehr über das Ob der Technologie, sondern über die brutale Ökonomie des Wie. Vertreter führender Technologieunternehmen äußerten sich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos in diesem Jahr deutlich nüchterner zur Zukunft der KI. Statt ausschließlich optimistische Zukunftsvisionen zu zeichnen, rücken die Entscheider zunehmend auch Herausforderungen wie geopolitische Spannungen, Energieknappheit und wirtschaftliche Übertreibungen in den Mittelpunkt.
Die Branche reflektiert damit die aktuelle wirtschaftliche Lage und erkennt an, dass die Entwicklung und Nutzung von KI nicht nur Chancen, sondern auch bedeutende Hürden birgt. Themen wie die gleichmäßige Verteilung der Vorteile von KI, die Verfügbarkeit von Ressourcen und die praktische Nutzbarmachung der Technologie stehen im Fokus der Diskussionen.
So entsteht ein differenzierteres Bild, das sowohl die Potenziale als auch die Risiken und Grenzen des KI-Fortschritts in den Blick nimmt. Die Kommentare der Chefs von Amazon, Microsoft, Anthropic, OpenAI und anderen, von denen viele auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos abgegeben wurden, zeigen einen Wandel in der Darstellung: Weg von optimistischer Unvermeidbarkeit hin zur Anerkennung geopolitischer Spannungen, Energieknappheit, Wirtschaftsblasen und dem Wettlauf um die echte Nutzbarkeit der KI.
Ein Gespenst geht um in Big-Tech
Larry Fink, CEO von BlackRock, überraschte in seiner Eröffnungsrede mit einer Kritik am Kapitalismus: „In fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist dieser Reichtum auf einen weitaus geringeren Anteil der Bevölkerung konzentriert, als es eine gesunde Gesellschaft letztendlich verkraften kann.” (Quelle: Business Insider)
Auch Microsoft-Chef Satya Nadella verglich die Verbreitung von KI mit der Einführung des PCs, warnte jedoch, dass die Diffusionsgeschwindigkeit global extrem ungleich sein wird, abhängig vom Kapital und von der Infrastruktur.
"Die Vorteile der KI müssen gleichmäßiger verteilt sein.”
„Wir als globale Gemeinschaft müssen an einen Punkt gelangen, an dem wir KI nutzen, um etwas Nützliches zu tun, das die Lebensbedingungen von Menschen, Gemeinschaften, Ländern und Branchen verändert”, sagte Nadella.
Microsoft-Gründer Bill Gates sieht die Chancen und sich selbst in der Verantwortung: „KI kann eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung des Zugangs zu hochwertiger Gesundheitsversorgung spielen.“ Die Gates Foundation und OpenAI kündigten mit Horizon1000 ein Projekt an, bei dem mit KI bis 2028 die Gesundheitsversorgung in Tausenden von Kliniken in ganz Afrika verbessert werden soll.
„In ärmeren Ländern mit einem enormen Mangel an Gesundheitspersonal und einer unzureichenden Infrastruktur des Gesundheitssystems kann KI eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung des Zugangs zu hochwertiger Gesundheitsversorgung spielen“, schreibt Gates in einem Blogbeitrag. „Ich glaube, dass diese Partnerschaft mit OpenAI, Regierungen, Innovatoren und Gesundheitspersonal in Subsahara-Afrika ein Schritt in Richtung der Art von KI ist, die wir mehr brauchen: Systeme, die Menschen auf der ganzen Welt helfen, generationenübergreifende Herausforderungen zu lösen, von denen sie zuvor einfach nicht wussten, wie sie sie angehen sollten.“
Zurück in Davos: In einer weiteren Äußerung plädierte Microsoft-CEO Satya Nadella für eine breite, produktivitätsorientierte Einführung von KI auf der Grundlage einer Vielzahl von Modellanbietern anstelle eines einzigen dominanten Modells. „Damit es sich nicht um eine Blase im eigentlichen Sinne handelt, müssen die Vorteile viel gleichmäßiger verteilt sein.”
Nadella räumte jedoch gleichzeitig ein, dass die Energiekosten darüber entscheiden werden, welches Land im Wettlauf um die Entwicklung dieser Technologie die Nase vorn haben wird und sagte, dass, wenn KI nicht für alle von Nutzen ist, „wir schnell sogar die gesellschaftliche Akzeptanz verlieren werden, etwas wie Energie, die eine knappe Ressource ist, zu nutzen, wenn [die Technologie] nicht zu einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung, der Bildungsergebnisse, der Effizienz des öffentlichen Sektors und der Wettbewerbsfähigkeit des privaten Sektors in allen Bereichen führen.“
Andy Jassy, CEO von Amazon, äußerte sich ebenfalls zu Energieengpässen und sprach von Amazons Investitionen in erneuerbare Energien sowie von „einzigartigen Maßnahmen im Bereich der Kernenergie“.
Jassy merkte aber auch an, dass die größten Geschäfte der Branche zwischen KI-Labors und Cloud-Anbietern den Anschein von gegenseitiger Gefälligkeit haben, die darauf abzielt, den Marktwert während des Wettlaufs um Ressourcen zu stärken. „Die KI-Labore verbrauchen derzeit Unmengen an Rechenleistung“, sagte er gegenüber CNBC. „Sie benötigen also viel Rechenleistung, aber sie benötigen auch Geld für diese Rechenleistung. Und deshalb versuchen sie, Wege zu finden, um diese Rechenleistung zu finanzieren.“
Cristiano Amon, CEO von Qualcomm, hält es aufgrund von Anforderungen an Latenz und Datenschutz sowie den hohen Energiekosten für unmöglich, jede KI-Anfrage in die Cloud zu senden. Laut ihm gehöre die Zukunft der „On-Device AI“ – also KI, die lokal auf Smartphones, in Autos oder Küchengeräten läuft.
"KI außer Rand und Band.“
Dario Amodei, CEO von Anthropic, überraschte viele der in Davos Versammelten mit einer breiten Front gegen die Entscheidung der US-Regierung, den Export von Nvidias H200 und AMDs fortschrittlichen KI-fähigen Chips nach China zuzulassen. Er bezeichnete diesen Schritt als „verrückt“ und verglich ihn mit dem „Verkauf von Atomwaffen an Nordkorea“. Almodei bezog sich dabei auf die Diskussion darüber, was passiert, wenn KI die kognitiven Fähigkeiten des Menschen erreicht oder übertrifft und Menschen die Kontrolle verlieren.
Er argumentierte, dass „der Verzicht auf den Verkauf von Chips an China eine der wichtigsten Maßnahmen ist, die wir ergreifen können, um sicherzustellen, dass wir Zeit haben, dieses Problem zu lösen.”
Amodei widersprach damit den Aussagen von Nvidia-Chef Jensen Huang, der sich vehement für die Aufhebung des Embargos eingesetzt hatte.
„Kapitalintensiver Leerlauf“
Der Fokus von OpenAI scheint sich von allgemeiner künstlicher Intelligenz (AGI) hin zur Praktikabilität zu verlagern. Ähnlich wie Nadella sagte OpenAI-CFO Sarah Friar, dass 2026 das Jahr der praktischen Anwendung sein werde, wobei sie eher Anwendungen in den Bereichen Gesundheit, Wissenschaft und Unternehmen als futuristische Schlagzeilen meinte. „Die Priorität liegt darin, die Lücke zwischen dem, was KI heute ermöglicht, und der Art und Weise, wie Menschen, Unternehmen und Länder sie täglich nutzen, zu schließen”, erklärte sie in einem Blogbeitrag. Auch Friar argumentiert jedoch, dass die Verbreitung von Anwendungsfällen direkt proportional zur verfügbaren Rechenleistung sein werde.
Führungskräfte bei Google und Anthropic sind nach der Euphorie der letzten Jahre inzwischen realistischer in ihren Erwartungen. Ihre Beobachtungen im eigenen Unternehmen zeigen Auswirkungen in erster Linie auf Einstiegspositionen. Almodei sagte, “dass KI die Hälfte aller Einstiegsjobs für Büroangestellte vernichten könnte“.
Mohamed Kande, Global Chairman von PwC, lieferte mit den Ergebnissen des 29. Global CEO Survey den statistischen Beweis für diese neue Nüchternheit. Während die Investitionsbereitschaft ungebrochen hoch ist, enthüllte Kande, dass 56 Prozent der Unternehmen bislang „nichts“ aus ihren KI-Investitionen herausholen konnten. Diese Zahl wirkte wie ein Weckruf in den Konferenzsälen. Sie verdeutlicht, dass der bloße Erwerb von Technologie ohne das fundamentale „Groundwork“ – die Bereinigung von Daten, die Modernisierung der Cloud-Infrastruktur und das Change Management – kapitalintensiver Leerlauf bleibt. Kande formulierte es drastisch: „Sie nutzen KI nicht, um dasselbe zu tun, was Sie heute tun. Sie müssen sich selbst disruptieren.“
Roland Busch, CEO von Siemens, nutzte seine Präsenz, um die Vision einer „Industrial AI“ zu propagieren, die weit über Chatbots hinausgeht.
NVIDIA-Gründer Jensen Huang wiederholte sein Plädoyer von der Consumer-Electronics-Messe CES für ‘physische Intelligenz’ und sieht Robotik als “eine einmalige Chance für europäische Länder.“
Alle sind realistisch. Alle?
Elon Musk, X, ist überzeugt: “Bis Ende dieses Jahres könnte es KI geben, die intelligenter ist als jeder Mensch.” (Quelle: Euronews)
Eine aggressive These, die auch Almodei in Davos vertrat. Er begründet seine Position mit den Fortschritten der letzten 12 Monate, insbesondere im Bereich des autonomen Codings.
Die Warnung des kanadischen Informatikers Yoshua Bengio könnte fast so etwas wie eine Antwort darauf sein: „Viele Menschen interagieren mit ihnen [KI-Agenten, Anm. d. Red.] in der falschen Annahme, dass sie wie wir sind. Und je intelligenter wir sie machen, desto mehr wird dies der Fall sein, und es gibt Menschen, die sie so gestalten wollen, dass sie wie wir aussehen ... Aber es ist nicht klar, ob das gut sein wird.“ Bengio gilt als einer der „Godfathers of AI“.
Auch der britische KI-Forscher Demis Hassabis räumte ein, dass die Fortschritte in digitalen, verifizierbaren Domänen wie Mathematik und Programmieren „bemerkenswert“ seien, doch sah er noch signifikante Hürden in der physischen Welt und der echten wissenschaftlichen Kreativität. Hassabis prägte in Davos den Begriff der „gezackten Intelligenz“ (jagged intelligence). Demnach können KI-Modelle in einigen Bereichen brillant, in anderen aber „katastrophal schlecht“ sein.
Mustafa Suleyman, CEO von Microsoft AI, brachte eine neue Dringlichkeit in die Sicherheitsdebatte und formulierte Superintelligenz sogar als Anti-Goal. Er argumentierte, dass die bisherige Diskussion über „Alignment“ (die Ausrichtung der KI auf menschliche Werte) ein Holzweg sei, solange das Problem des „Containment“ (die technische Kontrolle und Eindämmung) nicht gelöst ist. Er warnte davor, Systeme zu bauen, deren Handlungsfähigkeit die menschlichen Kontrollmechanismen übersteigt.
Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag unserer Schwester-Website Computing.