Wenn Rechenzentrumsbetreiber zu Energieversorgern werden

KI und Digitalisierung werden nicht aus Mangel an Halbleitern scheitern.

Bildquelle: Getty Images / Credits: Gorodenkoff

Hohe Preise für Industriestrom sind weltweit ein Problem. In den USA sind laut Bloomberg die monatlichen Kosten in den letzten fünf Jahren um 267 % gestiegen – und zwar vor allem in Regionen mit vielen Rechenzentren. Der Preis pro MWh 2025 betrug durchschnittlich 16 USD. In San Francisco zahlten Kunden mit 21 USD den höchsten Preis; in Buffalo war er mit 11 USD am niedrigsten.

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Von Industriestrompreisen wie in den USA können Industriekunden In Deutschland nur träumen. Je nach Größe und Vertrag zahlten Unternehmen Preise von 117 bis 183 Euro pro MWh. Die kleinsten Unternehmen mussten übrigens am tiefsten in die Tasche greifen: Je geringer die Abnahmemenge desto mehr kostete die MWh. Für besonders Abnehmer konnte der Preis für die Megawattstunde auch schon mal unter 100 Euro fallen.

Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Selbst mit dem im Januar 2026 eingeführten geförderten Industriestrompreis zahlen Unternehmen immer noch 50 MWh. Zudem soll der geförderte Betrag auch nur für energieintensive Unternehmen gelten – also die, die vorher schon weniger zahlen mussten.

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Zurück in die USA: Dort treibt vor allem der Bau energiehungriger KI-Rechenzentren den Preis nach oben. Stromerzeugung sowie Betrieb und Ausbau der Stromnetze kosten Geld. Steigende Kosten geben die Betreiber an alle Kunden weiter – auch Privathaushalte.

Das sorgt für Gegenwind. Im ganzen Land blockieren oder verbieten Gemeinden den Bau geplanter Rechenzentren – darunter einige, die sich zuvor schon gegen neue Wind- und Solarparks gewehrt haben. Laut Heatmap wurde im letzten Jahr der Bau von 25 Rechenzentren abgesagt.

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Rechenzentrumsprojekte, die nach anhaltenden lokalen Protesten gestrichen wurden (Quelle: Heatmap)

Microsoft veranlasste diese Entwicklung zu einem proaktiven Schritt. Zu Beginn des Jahres versprach der Software-Riese, dass Verbraucher nicht mehr bezahlen sollen, wenn Rechenzentren in der Nähe ihrer Gemeinden eingerichtet werden.

„Wir versprechen jeder dieser Gemeinden, dass wir als Unternehmen dafür aufkommen werden, dass unsere Rechenzentren Ihre Strompreise nicht in die Höhe treiben“, soll Brad Smith, Präsident und stellvertretender Vorsitzender von Microsoft, gesagt haben.

Der Tech-Gigant startet dazu eine neue Initiative zum Aufbau einer sogenannten Community-First-KI-Infrastruktur.

Microsoft kündigte an, mehr Wasser nachzufüllen, als es verbraucht, und eng mit den Versorgungsunternehmen zusammenzuarbeiten. So sollen langfristige Prognosen zum Strombedarf geteilt und Strom verbindlich im Voraus bestellt werden. Wo neue Übertragungsleitungen oder Umspannwerke erforderlich sind, will das Unternehmen die Modernisierungen selbst finanzieren.

„Gerade wenn Tech-Unternehmen so profitabel sind, ist es sowohl unfair als auch politisch unrealistisch, dass unsere Branche die Öffentlichkeit auffordert, die zusätzlichen Stromkosten für KI zu tragen“, schrieb Brad Smith, Vice Chair und President von Microsoft in einem Blogpost.

Darüber hinaus versprach Smith laut einer Meldung von CNBC: „Wir werden nicht in eine lokale Gemeinde gehen und sie bitten, eine lokale Grundsteuerermäßigung oder -befreiung zu schaffen, um ein Rechenzentrum von Microsoft anzulocken.“

In Deutschland bereits Realität

Das bemerkenswerteste Projekt des Jahres 2025 war zweifellos das Vorhaben von Schwarz Digits, der IT-Sparte der Schwarz Gruppe (Mutterkonzern u. a. von Lidl und Kaufland). Mit dem Bau eines gigantischen KI-Rechenzentrums in Lübbenau im Spreewald will der Einzelhandelsriese seine Cloud-Sparte STACKIT zu einer echten souveränen Alternative zu US-Hyperscalern wie AWS, Azure oder Google Cloud ausbauen.

Mit Lübbenau verbindet die Schwarz Gruppe eine 30-jährige Partnerschaft. Der ehemals wichtige Industriestandort wandelte sich in den 90er-Jahren zu einem nicht minderbedeutenden Wirtschaftsstandort. Die Schwarz-Gruppe betreibt in der Stadt der Gurken und Kahnfahrten das zweitgrößte Kaufland-Logistikzentrum Deutschlands mit über 1.100 Beschäftigten.

Nun soll Lübbenau zu einem der leistungsfähigsten KI-Cluster Europas werden. Das geplante Rechenzentrum soll in der Endausbaustufe bis zu 100.000 Grafikprozessoren (GPUs) beherbergen, die primär für das Training und den Betrieb großer KI-Sprachmodelle (LLMs) genutzt werden.

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Mockup des geplanten 200-MW-RZ in Lübbenau (Bildquelle: Schwarz Digits)

Bis Ende 2027 soll auf dem Gelände des 1996 stillgelegten Braunkohlekraftwerks ein modernes Rechenzentrum entstehen. Für das Brownfield-Projekt wird die Industriebrache zurückgebaut, Materialien aufbereitet und wiederverwendet, das Gelände renaturiert. Der Strom soll zu 100% aus erneuerbaren Energien kommen. Eine eigene Photovoltaikanlage mit 580 kWp Leistung soll jährlich rund 520.000 kWh grünen Strom erzeugen. Mit einem ausgeklügelten Regenwassermanagement will man die komplette Versickerung und Rückhaltung auf dem Gelände sicherstellen. Die Abwärme der flüssiggekühlten Server wird in das städtische Fernwärmenetz eingespeist und soll bis zu 75.000 Haushalte mit Fernwärme versorgen. Dabei profitiert der Standort von der einst für das Braunkohlekraftwerk gebauten Infrastruktur: Die Anbindung an das Stromverteilungs- und Übertragungsnetz ist noch vorhanden und funktionsfähig.

Auf dem Weg zum GW-RZ

2025 sorgte die Ankündigung von NVIDIA und OpenAI, Gigawatt-Rechenzentren bauen zu wollen, für Furore. Seitdem wollen alle ein KI-Monster-RZ und übertrumpfen sich gegenseitig in ihren Plänen. Dabei ist die Idee gar nicht so neu, wie sie anfangs schien.

Bereits seit 2024 kursieren im Internet Gerüchte über den Bau eines 1,2 GW-Rechenzentrums im mecklenburgischen Dummerstorf, einer kleinen Gemeinde mit nicht einmal 8.000 Einwohnern vor den Toren Rostocks.

Kein Gerücht ist das in Sines (Portugal) geplante 1,2 GW-Rechenzentrum. Der erste Teil des SINES Data Campus (SINES DC) ist bereits in Betrieb.

Theoretisch existiert auch mit Elon Musks Colossus bereits ein GW-RZ. Praktisch fehlt xAI das Geld für den Kauf der für den Betrieb benötigten ca. 230.000 GPUs – unter anderem. SemiAnalysis kennt die Details.

Eine Nummer größer darf’s für Mark Zuckerberg sein. Meta plant derzeit ein 5GW-Rechenzentrum: Hyperion. Anders als Musk hat Zuck zuerst nach Investoren gesucht.

Weitere Kandidaten sind Microsofts Fairwater oder das Projekt Rainier von AWS und Anthropic.

KI verändert die globale Stromlandschaft

Das Rennen um das leistungsfähigste Rechenzentrum wird nicht anhand der Rechenkapazität entschieden. Kritischer als die Beschaffung der dazu benötigten GPUs (oder LPUs oder TPUs …) ist die Frage: Woher kommt der Strom?

So wie das RZ in Lübbenau soll auch das imaginäre Datacenter in Dummerstorf ausschließlich mit erneuerbarer Energie betrieben werden.

Weltweit ist Kohle als Rohstoff für die Energieerzeugung auf dem Rückzug. Selbst in China und Indien, die zusammen für mehr als die Hälfte der weltweit produzierten Kohleenergie verantwortlich sind, sank der Anteil trotz steigendem Strombedarfs.

Laut einer vom Centre for Research on Energy and Clean Air für Carbon Brief durchgeführten Analyse ist der Rückgang vor allem auf das Rekordwachstum im Bereich der sauberen Energien zurückzuführen. China überschritt als weltweit erstes Land die 1.000-GW-Marke bei der Solarleistung.

Elon Musk kaufte kurzerhand ein ehemaliges Erdgaskraftwerk in der Nähe seines neuen Rechenzentrums in Memphis, Tennessee. und nahm Anlage nach jahrzehntelangem Leerstand wieder in Betrieb.

Meta setzt auf Kernkraft, um seine titanischen Projekte zu betreiben. Die Verträge mit dem Kernkraftwerksbetreiber sind bereits unterschrieben.

Sam Altman setzt auf einen Mix aus Kernenergie und Solarstrom und investierte in entsprechende Startups. Die von ihm präferierte Fusion-Technologie steckt allerdings noch in den Kinderschuhen.

Das alles kommt Ihnen bekannt vor? Fast: Ende der 90er Jahre gab es eine ähnliche Entwicklung, als jeder Stadtnetzbetreiber zum Hoster und Internet Service Provider mutierte.

Letztlich ist das Ganze wahrscheinlich sowieso irrelevant, denn …

Die letzte große Herausforderung könnte in der Tat darin bestehen, genügend qualifizierte Fachkräfte zu finden, die das nächste GW-RZ bauen und einrichten: Elektriker, Maurer, Installateure, … In Großbritannien haben Jugendliche das erkannt, und immer mehr folgen dem Beispiel von Maryna Yaroshenko.