Trendbriefing Physical AI: Die Invasion der Service-Roboter

Wo Service-Roboter bereits Alltag sind – und welche Rolle Deutschland spielt

Bildquelle: Getty Images / Credits: adventtr

Das Trendbriefing dieser Woche widmet sich nur einem Thema: Physical AI. Kaum ein Technologiefeld entwickelt sich derzeit so rasant und findet zugleich so schnell den Weg aus Laboren und Pilotprojekten in den realen Einsatz. Was noch vor kurzem wie Zukunftsmusik wirkte, taucht heute in Logistikzentren, Kliniken, Hotels, auf Werksgeländen und in Serviceumgebungen auf – in Form von Systemen, die sehen, navigieren, greifen, transportieren, unterstützen und mit Menschen interagieren.

Genau diese Dynamik macht das Thema größer als einen bloßen Trendrandvermerk. Physical AI verdient einen eigenen Beitrag, weil sich hier ein Technologiewechsel abzeichnet, der nicht nur neue Anwendungen hervorbringt, sondern auch Erwartungen an Effizienz, Arbeitsteilung und Mensch-Maschine-Interaktion verändert.

Während Industrieroboter seit Jahrzehnten Standard in Fabriken sind, dringen nun Service-Roboter mit verkörperter KI („Physical AI“) in Bereiche vor, in denen sie direkt mit Menschen interagieren.

Von der Reinigung bis zur Pflege

Die Nachfrage ist da: Laut einem Bericht der International Federation of Robotics (IFR) wurden 2024 weltweit über 205.000 Serviceroboter verkauft – ein Plus von 30 % gegenüber dem Vorjahr.

Rund 80 % des gesamten Marktvolumens entfielen auf den asiatisch-pazifischen Raum. Europa rangiert mit 16 % noch vor dem amerikanischen Kontinent (4 %).

Gut die Hälfte aller professionellen Service-Roboter wird im Bereich Transport und Logistik abgesetzt. Weitere Einsatzfelder sind Medizin, insbesondere Labore und Chirurgie, sowie Gastronomie, Einzelhandel und Facility‑Management. Letzte setzen vor allem auf autonome Bodenreinigung und Assistenzsysteme, die selbst in engen und stark frequentierten Innenbereichen LiDAR‑gestützt sicher navigieren.

Auch in deutschen Krankenhäusern bewegen sich bereits mobile Reinigungs- und Serviceplattformen durch Flure, erledigen wiederkehrende Aufgaben automatisiert und melden Statusdaten digital zurück – etwa via App oder Leitstand. Systeme von Nilfisk oder Avidbots’ Neo-Roboter sind darauf ausgelegt, große Flächen effizient und autonom zu putzen; je nach Hersteller bis zu 10 000 m² pro Tag, ununterbrochen in 8- bis 10-Stunden-Schichten.

In der Gastronomie übernehmen u. a. autonome Frittenstationen ungeliebte und gefährliche Aufgaben. In Hotels und öffentlichen Einrichtungen begegnet man Service-Robotern, die Gäste begrüßen oder Gepäck transportieren. Solche Assistenzsysteme sind keine „Alleskönner“, sondern spezialisierte Helfer für definierte Aufgaben.

Auf Messe- und Industriegeländen patrouillieren autonome Fahrzeuge mit Kameras und Sensoren – z. B. für Sicherheitsrundgänge; meist in Pilotprojekten und in geschützten Bereichen, um Erfahrungen im realen Einsatz zu sammeln.

Auch humanoide Roboter schaffen es zunehmend von der Messefläche in die reale Produktionspraxis.

Lesen Sie im ersten Teil unserer Trendbriefing-Serie zu Physical AI:

“Hallo, ich bin Pepper. Willkommen auf der it-sa.” (Quelle: it-sa Events © NürnbergMesse / Heiko Stahl)

Erinnern Sie sich noch an den tanzenden Nao? IT-SA-Besucher haben vielleicht noch seinen Kollegen Pepper vor dem geistigen Auge oder die Service-Katzen am Hornet-Security-Stand.

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Service-Katze auf der GITEX 2025 in Berlin.

Dienstleistungsroboter sind bereits in vielen Bereichen aktiv – auch außerhalb der Messehallen. Entwicklungsfirmen prognostizieren, dass Personalengpässe und steigende Sicherheitsanforderungen langfristig zu mehr Automatisierung in diesem Bereich führen. Der Trend ist klar: Roboter übernehmen repetitive und Standardaufgaben, Menschen kümmern sich um Sonder- und Feinarbeiten.

Empfang & Service

Weltweit testen Unternehmen soziale Empfangsroboter wie Pepper – auch wenn er gar nicht mehr hergestellt wird. Dieser rund 1,20 m große, humanoide Roboter ist u. a. in Cafés wie dem Pepper PARLOR im japanischen Shibuya im Einsatz: Über Sprach- und Gestensteuerung kann Pepper Kunden begrüßen, Bestellungen aufnehmen oder einfache Gespräche führen.

Auch in anderen Bereichen werden ähnliche Systeme getestet. BMC experimentierte bereits 2024 mit Software für intelligente Empfangsroboter z. B. für Bürokomplexe in seinem Innovation Lab.

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Serviceroboter in den BMC Innovation Labs.

Das deutsch-norwegische KI-Unternehmen WAIYS mit Sitz in Dresden bietet modulare künstliche Intelligenz für Unternehmensabläufe an – mit besonderem Fokus auf die Immobilienbranche. Mit hyperrealistischen humanoiden Robotern will man komplexe KI-Technologie hautnah erlebbar machen und Möglichkeiten für den Einsatz im Kundenservice, im Empfangsbereich oder in der Bildung aufzeigen.

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Ameca gab auf der GITEX 2025 in Berlin Antworten auf die Fragen der Besucher.

Mehrere Anbieter bieten inzwischen maßgeschneiderte Lösungen für Flughäfen und Bahnhöfe an, um das Passagiererlebnis zu verbessern und Wartezeiten zu reduzieren. Weltweit testen Fluggesellschaften den Einsatz von humanoiden Robotern nicht nur im Passagierservice, sondern auch bei der Gepäckabfertigung und für die Flugzeugreinigung.

Gastronomie

Die meisten klassischen Service- und Lieferroboter (wie z.B. Abräum- oder Getränkeroboter in Restaurants) werden von asiatischen Herstellern wie Keenon oder Pudu gebaut. Sie werden in Deutschland über spezialisierte Systemhäuser wie Terra Robotics oder Giobotics vertrieben und gewartet.

Facility-Management

Für Gebäudedienstleister sind autonome Reinigungsgeräte mittlerweile fester Bestandteil der Strategie. Große Betreiber nutzen Roboter, um z. B. Flure und Hallen über Nacht vollautomatisch zu wischen – inklusive digitaler Dokumentation und Cloud-Monitoring.

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Der Wischsaugroboter sorgt für saubere Gänge im Marktkauf in Prenzlau.

Der iKitBot ist ein autonomer Reinigungsroboter für den gewerblichen Einsatz – entwickelt, um große Innenflächen effizient zu säubern. Er kann selbständig im Aufzug fahren oder mit automatischen Türen kommunizieren und wird typischerweise in Büros, Hotels, Kliniken, Einkaufszentren oder Logistikbereichen eingesetzt.

Gesundheitswesen & Pflege

In der Medizin und Pflege ergänzen Roboter zunehmend das Fachpersonal. Während in Operationssälen hochpräzise Assistenzsysteme längst Klinikstandard sind, werden in der Pflege vor allem Serviceroboter zur Entlastung bei körperlichen Tätigkeiten sowie soziale Roboter für Betreuungsaufgaben eingesetzt. Zwar können die autonomen Helfer keine menschliche Zuwendung ersetzen, aber sie beschleunigen Routineaufgaben und schaffen dem Fachpersonal Freiräume.

PARO ist ein therapeutischer Roboter in Form einer kleinen Plüschrobbe. PARO reagiert auf Berührungen und Geräusche und wird gezielt zur Beruhigung und Aktivierung von Patienten mit Demenz in zahlreichen Pflegeheimen eingesetzt.

Serviceroboter (z.B. von KEENON, Temi oder Care-O-bot) navigieren autonom durch Pflegeeinrichtungen und übernehmen Botengänge wie die Essensausgabe oder den Transport von Wäsche und Medikamenten. Jeeves vom Münchner Startup Robotise kann ebenfalls selbständig Aufzug fahren.

Soziale Roboter wie Pepper, Navel oder Oscar sind humanoide Roboter oder kleine Begleitroboter, die sich mit Bewohnern unterhalten, an Termine erinnern, Musik abspielen und Stimmungswechsel erkennen. Sie werden beispielsweise in der Evangelischen Heimstiftung in Mannheim getestet.

An weiteren Systemen wie dem Pflegeroboter GARMI (entwickelt an der TU München) wird intensiv geforscht, um in Zukunft konkrete körperliche Hilfestellungen beim Aufstehen oder Umlagern im häuslichen Umfeld zu ermöglichen

Logistik & Zustellung

Roboter sind schon heute das Rückgrat moderner Logistikzentren. Sie übernehmen monotone, schwere oder fehleranfällige Aufgaben – von autonomen Transporten über Lagerhaltung bis hin zur Kommissionierung. Unterschieden wird zwischen drei Robotertypen:

Auf der „letzten Meile“ gab es in Deutschland seit 2016 mehrere Pilotprojekte mit Lieferrobotern des Startups Starship Technologies (u. a. Hermes, Mediamarkt und zuletzt REWE und Netto – ohne Hund) oder dem von der Deutschen Post entwickelten Begleitroboter PostBOT. In der Öffentlichkeit scheiterten die rollenden Lieferzwerge bisher gerne an Passanten, Schlaglöchern oder dem Wetter.

Inzwischen sind die Roboter auf mehr als 60 US-Universitäts-Campi im Einsatz, um Studierenden Essen zu liefern. In Großbritannien beliefern die Roboter in mehreren Städten in Kooperation mit Supermärkten zehntausende Haushalte. Finnland hat die größte landesweite Abdeckung in Europa. Dort sind die Roboter in fast 50 Städten unterwegs. In Deutschland werden Lieferroboter primär innerbetrieblich eingesetzt, etwa beim Chemiekonzern Wacker oder am Bayer-Standort in Bergkamen.

Sicherheit & Überwachung

In der physischen Sicherheit laufen mobile Patrouillenroboter mit Kameras und Wärmebildsensoren autark durch die Areale und melden Auffälligkeiten. Auch bei der Bahn sind die autonomen Robodogs Realität.

Bei DB Sicherheit hat Spot seine Probezeit begonnen; bei DB Cargo sollen seine Kollegen die Streckenkontrolle in für Menschen schwer oder nur unter Gefahr erreichbaren Bereichen übernehmen. Die smarten Watchdogs sind jedoch eher Beobachter als aktive Eingreifer.

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Dieser Robodog ruht sich vor dem kalifornischen Samsung-Campus von seiner letzten Runde aus.

Vor allem in China sind humanoide Polizeiroboter in belebten öffentlichen Bereichen im Einsatz und regeln den Verkehr, überwachen Menschenmengen, helfen Touristen oder gehen gemeinsam mit menschlichen SWAT-Beamten auf Streife.

Deutsche Hersteller im Aufbruch

Deutsche Entwickler – ein Mix aus Start-ups und Industrieunternehmen – gestalten den Wandel mit.

KUKA aus Augsburg ist einer der weltweit führenden Hersteller von fahrerlosen Transportsystemen (FTS) und autonomen mobilen Robotern (AMR) für die Industrie- und Lagerlogistik. Selbst in Bars findet man seine “Arme”.

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KUKA als Barkeeper in Prag.

Auch bisher eher branchenfremde Unternehmen streben eine wichtige Rolle in der Robotik an. Automobilzulieferer Schaeffler positioniert sich als Zulieferer für humanoide Roboter. Für die Metzinger NEURA Robotics will Schaeffler Schlüsselkomponenten (z. B. Aktuatoren) für den humanoiden Roboter 4NE1 liefern; bis 2035 soll eine mittlere vierstellige Anzahl an NEURA-Robotern in den eigenen Werken eingesetzt werden. Andreas Schick, Schaeffler-Vorstand für Produktion, betont: „Humanoide Robotik ist ein wichtiges Wachstumsfeld für uns.”

David Reger, Gründer von NEURA, ist überzeugt: „Mit Schaeffler zeigt einer der größten, erfahrensten Industrieplayer Deutschlands, dass man auf neue Technologien nicht warten darf, sondern sie aktiv voranbringen muss.“ NEURA selbst verfolgt ambitionierte Ziele: Bis 2030 will das Unternehmen 5 Millionen kognitive und humanoide Roboter ausliefern.

Weitere relevante Player sind:

Trenbriefing-Serie Service-Roboter

In den nächsten Teilen unserer Research-Reihe erfahren Sie, wie welche internationalen Player es gibt, wie physical AI in der Industrie verändert und was all diese Entwicklungen für die Gesellschaft und Organisationen bedeutet.