Der digitale Hunger nach Megawatt: Wie Deutschlands Rechenzentren zur Energiefrage werden
Grüne Bits, großer Strombedarf – Rechenzentren werden in Deutschland zum Testfall dafür, wie sich Digitalisierung, Energieeffizienz und Wärmewende sinnvoll verbinden lassen.
Der steigende Bedarf an Rechenleistung – getrieben durch KI, Cloud-Computing und High-Performance-Computing – erhöht den Druck auf Stromnetze, Standorte und Regulierung. Rechenzentren sind damit nicht mehr nur Infrastrukturen der Digitalisierung, sondern auch ein wachsender Faktor der Energie- und Wärmewende. Ein Blick auf Rechtsrahmen, Marktdynamik und ausgewählte Praxisprojekte in Deutschland.
Deutschland verfügt über eine der größten Rechenzentrumslandschaften Europas. Laut Bitkom sind 2025 rund 2.000 Rechenzentren mit mehr als 100 Kilowatt Anschlussleistung installiert; die gesamte IT-Anschlussleistung liegt bei 2.980 Megawatt. Getrieben von Cloud- und KI-Anwendungen dürfte sie bis 2030 auf mehr als 5.000 Megawatt steigen. Besonders dynamisch wächst der KI-Bereich: Seine Kapazitäten sollen sich bis 2030 vervierfachen.
„Deutschland braucht mehr Rechenpower“, fordert Bundesdigitalminister Karsten Wildberger. Eine eigene hochleistungsfähige Recheninfrastruktur stärkt die Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
Der Ausbau schlägt sich jedoch im Energiebedarf nieder. Nach Angaben des Bitkom lag dieser 2025 bei 21,3 Milliarden Kilowattstunden; für 2030 wird ein weiterer deutlicher Anstieg erwartet. Zum Vergleich: Das Borderstep Institut verwies für 2022 auf einen Stromverbrauch der Rechenzentren von rund 17 Milliarden Kilowattstunden.
Die Richtung ist damit klar: Rechenzentren werden energiepolitisch relevanter – und ihr Betrieb wird zunehmend zu einer Frage von Effizienz, Grünstrombezug und Wärmenutzung. Mit der Rechenzentrumsstrategie will die Bundesregierung Ziele und Maßnahmen bündeln.
Das EnEfG setzt den Takt
Der regulatorische Druck auf Betreiber hat in Deutschland deutlich zugenommen. Zentrale Grundlage ist das Energieeffizienzgesetz (EnEfG), das für Rechenzentren konkrete Vorgaben zu Strombezug, Effizienz und Abwärmenutzung formuliert.
Betreiber müssen ihren Strombedarf seit Januar 2024 zu mindestens 50 Prozent bilanziell aus erneuerbaren Energien decken.
Ab dem 1. Januar 2027 schreibt das EnEfG 100 Prozent vor.
Hinzu kommen verbindliche Vorgaben für die Energieverbrauchseffektivität (PUE) und für die Nutzung von Abwärme:
- Neubauten (Inbetriebnahme ab 1. Juli 2026): Sie müssen dauerhaft einen PUE-Wert von höchstens 1,2 erreichen. Zudem gilt eine stufenweise Pflicht zur Wiederverwendung der entstehenden Energie: mindestens 10 Prozent ab Juli 2026, 15 Prozent ab Juli 2027 und 20 Prozent ab Juli 2028. Diese Werte müssen spätestens zwei Jahre nach Inbetriebnahme im Jahresdurchschnitt erreicht werden.
- Bestandsanlagen: Für Rechenzentren, die vor dem 1. Juli 2026 in Betrieb sind oder bis dahin in Betrieb gehen, gilt ab dem 1. Juli 2027 ein PUE von höchstens 1,5 und ab dem 1. Juli 2030 von höchstens 1,3.
Strategien und Initiativen: Die Vision der Sektorkopplung
Jenseits der Regulierung wächst der Druck, Rechenzentren systemisch zu denken: als flexible Stromverbraucher, als potenzielle Abwärmequellen und als Infrastruktur, deren Standortwahl immer stärker von Netzanbindung und Energieverfügbarkeit abhängt. In der Praxis bedeutet das vor allem drei Dinge: einen möglichst hohen Anteil erneuerbarer Energien, effizientere Kühlung und – wo wirtschaftlich und technisch sinnvoll – die Einbindung in lokale Wärmenetze.
- Lastflexibilität: Durch ein intelligentes, automatisiertes Lastmanagement können Großrechenzentren ihren Rechenbedarf (und damit den Stromverbrauch) drosseln oder verschieben, wenn im Netz Flaute herrscht, respektive hochfahren, wenn Überschüsse aus Wind- und Solaranlagen vorliegen.
- Abwärmenutzung: Besonders in verdichteten Regionen gewinnt die Kopplung von Rechenzentren mit Nah- und Fernwärmenetzen an Bedeutung. Entscheidend ist dabei weniger das Schlagwort als die Umsetzbarkeit vor Ort: verfügbare Wärmesenken, passende Temperaturniveaus, tragfähige Geschäftsmodelle und ausreichend schnelle Genehmigungsprozesse.
Vom Windrad bis zum Fernwärmenetz – Pioniere mit Nähe zu Erzeugung und regionaler Infrastruktur
Besonders anschaulich wird der Wandel an Projekten, die unterschiedliche Wege zur nachhaltigeren Rechenzentrumsinfrastruktur zeigen: von der räumlichen Nähe zur erneuerbaren Erzeugung über die Nutzung von Abwärme bis hin zu großskaligen Campus- und Brownfield-Entwicklungen.
windCORES (WestfalenWIND IT, Raum Paderborn): Das Konzept verlagert Rechenleistung direkt an den Ort der Stromerzeugung: in den Turm von Windenergieanlagen. Das mehrgeschossige Projekt windCORES II wurde im September 2024 in Betrieb genommen. Ende 2025 erhielt die Marke windCORES den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2026. Das Projekt übernahm die Vorbildrolle für die Idee, digitale Infrastruktur und erneuerbare Erzeugung räumlich enger zusammenzubringen.
Google Cloud-Region (Hanau / Frankfurt): Google hat sein Rechenzentrum in Hanau Ende 2023 eröffnet. Konzernweit verfolgt das Unternehmen das Ziel, Rechenzentren und Bürostandorte bis 2030 rund um die Uhr mit CO2-freier Energie zu betreiben. Für den Standort in Deutschland verweist Google auf entsprechende Beschaffungs- und Matching-Strategien für saubere Energie. Das Projekt steht damit exemplarisch für den Ansatz der Hyperscaler, ihre Stromversorgung langfristig, regional diversifiziert und zunehmend granular zu organisieren.
NTT Data & Mainova (Hattersheim bei Frankfurt): In Hattersheim zeigt ein konkretes Quartiersprojekt, wie sich Rechenzentrumsabwärme in die kommunale Wärmeversorgung einbinden lässt. NTT DATA liefert aus seinem Rechenzentrum Abwärme mit rund 30 Grad Celsius. Mainova hebt diese über Großwärmepumpen auf 70 bis 75 Grad Celsius an und will damit künftig über 600 Haushalte versorgen. Ergänzt wird das Konzept durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Rechenzentrums mit knapp 100 Kilowattpeak, die einen Teil des Strombedarfs der Wärmepumpen deckt.
Vantage Data Centers (Campus Offenbach & Berlin-Brandenburg): Vantage baut seine deutschen Standorte weiter aus. Der Campus FRA1 in Offenbach ist auf 56 Megawatt kritische IT-Last ausgelegt; als lokaler Energiepartner wird EVO genannt. Für den Campus BER1 in Brandenburg nennt das Unternehmen ebenfalls 56 Megawatt. Die Projekte stehen für eine Entwicklung hin zu größeren Standorten mit hohen Effizienzanforderungen und Kühlkonzepten, die auf niedrigen Wasserverbrauch und bessere PUE-Werte zielen.
Schwarz Digits / STACKIT (Lübbenau): In der Lausitz plant Schwarz Digits bis Ende 2027 ein groß dimensioniertes Rechenzentrum auf dem Gelände eines ehemaligen Kraftwerks. Das Unternehmen bezeichnet das Projekt als strategischen Baustein für digitale Souveränität in Deutschland und Europa. Lübbenau steht damit für einen Ansatz, der Brownfield-Entwicklung, große Skalierung und die Perspektive einer späteren Abwärmenutzung an einem energiegeprägten Standort miteinander verbindet.
„Für uns ist Lübbenau mehr als nur ein Rechenzentrumsstandort; es ist ein zentraler Ankerpunkt für die gelebte digitale Souveränität Europas”, betonte Rolf Schumann, Co-CEO Schwarz Digits.
GreenTEC Campus / Windcloud (Enge-Sande, Schleswig-Holstein): Auf dem GreenTEC Campus in Enge-Sande betreibt Windcloud ein Rechenzentrumsmodell, das erneuerbare Energie, Standortnähe und Abwärmenutzung zusammendenkt. Nach Unternehmensangaben wird das Rechenzentrum mit erneuerbarer Energie versorgt; die entstehende Abwärme wird vor Ort unter anderem für eine Algenfarm genutzt. Das Projekt ist damit ein frühes Beispiel für die Verbindung von Rechenzentrumsbetrieb, regionaler Energieerzeugung und kreislauforientierter Nutzung von Nebenströmen.
NetCologne (Köln): In Köln hat NetCologne bereits im September 2024 nach nur zehn Monaten Bauzeit ein nachhaltiges Rechenzentrum eröffnet. Laut RheinEnergie bietet der Standort auf rund 1.000 Quadratmetern Platz für bis zu 380 Serverschränke. Betrieben wird das Rechenzentrum mit 100 Prozent Ökostrom von RheinEnergie; hinzu kommen eine Photovoltaikanlage auf dem Dach sowie eine begrünte Fassade.
Das Projekt im Rheinland steht exemplarisch für einen regionalen Ansatz, der digitale Infrastruktur, lokale Energieversorgung und bauliche Nachhaltigkeit zusammenführt. „Ein Großteil der von Rechenzentren verbrauchten elektrischen Energie fällt als Abwärme an und wird an die unmittelbare Umgebung abgegeben. Diese Wärme blieb bislang in der Regel ungenutzt“, sagt Manuel Gerdsmeyer, Key Account Manager im Bereich Energiedienstleistungen und Fernwärme bei der RheinEnergie. „Hier steckt riesiges Potenzial: Mit der Abwärme könnten hunderttausende Wohnungen, etwa über Nahwärmenetze, klimafreundlich beheizt werden.“
Fazit: Kein Rechenzentrum ohne Kraftwerk
Rechenzentren lassen sich in Deutschland nicht mehr losgelöst von Energie- und Wärmeinfrastrukturen betrachten. Das EnEfG setzt verbindliche Leitplanken für Effizienz, erneuerbaren Strom und Abwärmenutzung. Gleichzeitig wächst der Druck, neue Kapazitäten dort zu schaffen, wo Netze, Energiebezug und kommunale Planung mithalten können.
Die Praxisbeispiele zeigen, dass es dafür nicht den einen Masterplan gibt. windCORES steht für die räumliche Nähe von IT und erneuerbarer Erzeugung, Projekte im Rhein-Main-Gebiet für die Einbindung von Abwärme in Quartiere und Wärmenetze, große Campusentwicklungen wie bei Vantage für die industrielle Skalierung unter verschärften Effizienzvorgaben.
Entscheidend wird sein, ob der Ausbau von Rechenkapazität und Strominfrastruktur sowie die kommunale Wärmeplanung künftig besser aufeinander abgestimmt werden. Genau dort entscheidet sich, ob Deutschland zugleich Digitalstandort und nachhaltiger Rechenzentrumsmarkt sein kann.