Was der Chef kann, kann eine KI schon lange
Wie KI das Org-Chart verändert, wer aktuell am stärksten bedroht ist und welche Skills es braucht, um nicht von KI ersetzt zu werden
Immer mehr Unternehmensverantwortliche lassen sich von künstlicher Intelligenz vertreten, wenn es hektisch – oder unangenehm – wird. Doch das sind nicht die einzigen von KI bedrohten Berufe. Vor allem für einfache Verwaltungsangestellte oder Sachbearbeiter sieht es schlecht aus. Und auch das mittlere Management hat Grund zur Sorge.
Bereits 2025 ließ der Zahlungsdienstleister Klarna einen KI-Avatar seines CEOs von der Leine. Kürzlich folgte ein KI-Klon des CMOs, der “das Gejammer in Meetings nicht mehr hören“ wollte. Zuvor sorgte Mark Zuckerberg für Schlagzeilen mit seiner Ankündigung, sich (mal wieder) virtuell zu klonen. Und die drei scheinen tatsächlich nur die Spitze einer größeren Eisscholle zu sein.
Eine aktuelle Umfrage des Bitkom ergab, dass sich tatsächlich fast jeder Dritte vorstellen kann, von KI herumkommandiert zu werden: 29 Prozent halten ihre Vorgesetzten durch eine KI für ersetzbar.
Interessanterweise halten sich nicht einmal ein Viertel der Angestellten (23 %) selbst für abkömmlich. Dabei sind genau sie es, die derzeit am meisten zittern müssen.
Accenture, Meta, Oracle, Block, eBay: Bis Mai 2026 fielen allein in der Tech-Branche weltweit bereits zehntausende Arbeitsplätze dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) zum Opfer oder wurden im Zuge von KI-Restrukturierungen gestrichen.
Auch deutsche Konzerne nennen KI zunehmend als Grund für Personalabbau, darunter Allianz Partners (über 1000 Stellen), SAP (bis zu 10.000) und Bosch (über 7000). 800.000 könnten es in den nächsten Jahren werden.
Forschende des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung glauben zwar, dass KI ebenso viele Stellen schaffen wie vernichten wird. Unternehmensberater der Boston Consulting Group sind allerdings überzeugt, dass KI mehr Jobs vernichten bzw. verändern wird, als neue entstehen.
Betroffen sind insbesondere Mitarbeitende in der Verwaltung, im Kundendienst, in der Sachbearbeitung und Datenerfassung sowie in der Softwareentwicklung. Vor allem Einsteigerjobs sind gefährdet – und immer öfter auch das mittlere Management.
Wegfall der Informations-Drehscheibe
Tatsächlich dürfte KI im mittleren Management einen der radikalsten Umbrüche bewirken. Dort übernimmt die Technologie genau jene Aufgaben, die bisher den Kern dieser Rolle ausmachten: Koordination, Berichterstattung und operative Kontrolle.
Die Rolle des reinen Informationsvermittlers wird überflüssig. Bisher verbrachten mittlere Manager viel Zeit damit, Daten von unten nach oben zu aggregieren und Strategien von oben nach unten zu kommunizieren. Heute liefern smarte Dashboards dem Top-Management Daten in Echtzeit; KI-gestützte Wissensdatenbanken und Bots beantworten Fragen schneller als eine ganze Armada an Managern. KI-Agenten können zudem Informationen über verschiedene Tools und Domains hinweg verknüpfen und Silos aufbrechen.
Auch klassische Überwachungs- und Dispatchingfunktionen (Soll-Ist-Vergleiche, Schichtplanung, Ressourcenallokation) werden zunehmend von Algorithmen übernommen, die diese Aufgaben objektiver und effizienter erledigen. Das verändert die Rolle grundlegend.
Der Manager wird vom Kontrolleur zum Mentor und Konfliktlöser. Er muss Teams motivieren, Talente fördern und die psychologische Sicherheit im Team gewährleisten – Dinge, die KI nicht leisten kann. Zudem muss er die Ängste der Belegschaft abbauen und die neuen Tools operativ im Alltag verankern. In hybriden Teams (Mensch und KI) moderiert er die Zusammenarbeit und reduziert Reibungsverluste.
Zudem rücken mittlere Manager näher an die strategische Ebene heran, da sie die KI-Ergebnisse interpretieren und kontextualisieren müssen. So liefert KI beispielsweise Szenarien (z. B. „Was passiert, wenn wir die Produktion umstellen?“), aber der Manager muss die finale Entscheidung unter Berücksichtigung von Unternehmenskultur und Ethik treffen.
Future-proof Skills
Unabhängig von Ebene oder Berufphase sind aktuell drei Kompetenzfelder entscheidend, um langfristig gefragt zu bleiben:
- KI-Literacy (technisches Verständnis). Man muss kein Programmierer sein, sollte aber wissen, wie sich KI-Werkzeuge sinnvoll bedienen lassen. Dazu zählen Prompt Engineering – also die Fähigkeit, präzise Anweisungen an KI-Modelle zu geben, um hochwertige Ergebnisse zu erhalten – ebenso wie „AI Tool Fluency“, der sichere Umgang mit branchenspezifischen KI-Tools. Ebenfalls wichtig ist Datenkompetenz (Data Literacy): Wer Daten lesen und interpretieren kann, ist besser in der Lage, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen und zu bewerten.
- „Human-Only“-Skills (Soft Skills). Alles, was Empathie und komplexe soziale Dynamiken erfordert, bleibt schwer ersetzbar. Weil KI zudem häufig halluziniert, sind kritisches Denken und Verifikation gefragt – also Menschen, die Fakten prüfen und die Sinnhaftigkeit von KI-Outputs bewerten können. Gleichzeitig gewinnen emotionale Intelligenz (EQ) und soziale Kompetenz an Wert, etwa in Verhandlungsführung, Teamleitung, Konfliktmanagement und empathischer Kundenbetreuung. Hinzu kommt ethische Urteilsfähigkeit: Unternehmen brauchen Mitarbeitende, die den verantwortungsvollen Einsatz von KI mit Blick auf Datenschutz, Fairness und Bias-Vermeidung beurteilen und mitgestalten können.
- Adaptivität und Meta-Skills. Weil die Halbwertszeit von Wissen sinkt, wird die Fähigkeit zu lernen wichtiger als das Wissen selbst. Learning Agility beschreibt dabei die Bereitschaft und Geschwindigkeit, sich alle paar Monate in neue technologische Updates einzuarbeiten. Auch komplexes Problemlösen bleibt zentral: KI erkennt zwar Muster, scheitert aber oft an völlig neuen, unstrukturierten Problemen, die kreative Transferleistungen erfordern. Change-Management wird zur Schlüsselkompetenz – also Transformationsprozesse im Unternehmen zu begleiten und Kolleginnen und Kollegen bei der Einführung neuer Tools mitzunehmen.
Fazit
Das mittlere Management wird demokratisiert. Tools nehmen Managern die Verwaltung von Arbeit ab. Dadurch wird Zeit frei für das, was eine KI (noch) nicht kann: komplexe zwischenmenschliche Probleme lösen, strategische Visionen entwickeln und das Team emotional führen. Wer sich auf Empathie, Strategie und KI-Steuerung konzentriert, wird wertvoller denn je. Wer nur Prozesse verwaltet, ist durch KI direkt ersetzbar.