Wettkampf um Pole-Position im KI-Wettbewerb ist kein ESC

KI treibt das RZ-Wachstum weltweit. Deutschlands RZ-Betreiber investieren 2025 12 Milliarden Euro. Der Energiebedarf steigt auf 21,3 Milliarden kWh, Tendenz steigend. Doch ist das genug oder bleibt Deutschland auf der Strecke?

Bild: GettyImages / Credits: MF3d

KI treibt auch das Wachstum deutscher Rechenzentren. Rund 15 Milliarden Euro investierten die Betreiber 2025 in Deutschlands Rechenzentren und erhöhten die Kapazität um 70 Prozent. Die Anzahl der KI-Rechenzentren vervierfachte sich. Spitzenreiter ist nach wie vor Frankfurt am Main. Aber Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg holen auf.

Laut der aktuellen Bitkom-Studie Rechenzentren in Deutschland: Aktuelle Marktentwicklungen – Update 2025 gibt es in Deutschland derzeit 100 Rechenzentren mit einer Anschlussleistung von mehr als 5 Megawatt Leistung. Ein Jahr zuvor waren es noch 48.

Künstliche Intelligenz und Cloud-Computing treiben den Ausbau von Rechenzentren voran. Etwa die Hälfte (49 Prozent) der deutschen RZ-Kapazitäten entfällt auf Cloud-Infrastrukturen. Anders als in den USA oder China gibt es in Deutschland jedoch noch keine Mega-Rechenzentren, die ausschließlich für KI-Anwendungen betrieben werden. Auch die IT-Systeme in deutschen Rechenzentren sind im Vergleich zu Datacentern im Ausland deutlich kleiner.

Bis zum Jahr 2030 sollen sich die KI-Kapazitäten vervierfachen – von derzeit 530 Megawatt auf 2.020 Megawatt Anschlussleistung. Anfang 2026 will man erstmals die Marke von 3.000 Megawatt und 2030 von 5.000 Megawatt überschreiten.

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Quelle: Bitkom

Im internationalen Vergleich verliert Deutschland trotz der hohen Rechenzentrumsdichte (Deutschland hat weltweit die meisten Rechenzentren sowohl nach Einwohnerzahl als auch nach Landesfläche) den Anschluss (sic!). In China belief sich die Anschlussleistung 2024 auf 38 Gigawatt; in den USA waren es sogar 48 Gigawatt. Und auch sonst verläuft die Entwicklung Deutschlands im Vergleich zu anderen Ländern eher stockend.

„Künstliche Intelligenz wird zum entscheidenden Faktor für die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft und unserer Verwaltung“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Deutschland muss sicherstellen, dass wir über ausreichend leistungsfähige Rechenzentren verfügen. Ohne Rechenzentren keine KI. Nur so können wir unsere digitale Souveränität stärken und zu den internationalen Technologieführern aufschließen. "

Die USA verfügten 2024 bereits über zehnmal so viele Rechenzentrumskapaziäten, wie sie in Deutschland bis 2030 geplant sind. Jedes Jahr werden in den USA mehr als viermal so viele Kapazitäten hinzugebaut, wie in Deutschland überhaupt installiert sind. Rohleder fordert: „Beim Thema Rechenzentren müssen Bund und Länder all in gehen und die Investitionshürden radikal senken. Hier entscheidet sich, ob Deutschland zur Datenkolonie wird oder auch im digitalen Zeitalter ein souveränes Land bleibt.“

Deutschland kleckert weiter, während der Rest der Welt klotzt

Die Zahlen klingen erstmal nicht schlecht. 2025 investierten die Betreiber rund 15 Mrd. Euro in ihre Infrastruktur: 12 Milliarden Euro wurden in IT-Hardware und 3,5 Milliarden Euro in Gebäude und technische Gebäudeausrüstung investiert. U. a. flossen ca. 2,5 Milliarden Euro in Geräte und Anlagen der Klimatechnik, der Stromversorgung und anderer Gebäudetechnik.

Weitere Investitionen sind geplant. Die Deutsche Telekom will eine Milliarde Euro in den Ausbau eines KI-Rechenzentrum investieren. Bereits 2022 plante die Schwarz-Stiftung bereits den Bau eines Innovation Park Artificial Intelligence (IPAI) in Heilbronn. Der erste Spatenstich erfolgte im Oktober. Von 3 Mrd. Euro Gesamtkosten ist die Rede. Hauptinvestor ist die Schwarz-Gruppe. Auch das Land Baden-Württemberg beteiligt sich. Die Tagesschau berichtet von weiteren Partnern, u. a. SAP, Telekom, Porsche, Stihl und Würth.

Im internationalen Vergleich lesen sich die Beträge jedoch wie Nachkommastellen und der deutsche Rechenzentrumsmarkt wird trotz aller Ambitionen an Bedeutung verlieren. Insbesondere die USA und China ziehen davon. Neue Player wie Indien oder Kasachstan holen schnell auf.

NVIDIA will OpenAI mit bis zu 100 Milliarden US-Dollar bei der Bereitstellung einschließlich Rechenzentrums- und Stromkapazität unterstützen. Erst letzten Freitag kündigte Meta an, in den nächsten drei Jahren 600 Milliarden Dollar in Infrastruktur wie Rechenzentren sowie Arbeitsplätze für künstliche Intelligenz zu investieren (Quelle: Reuters). Zuvor kündigte der Social-Media-Riese sein Projekt Hyperion an. Die Entwicklungskosten für Gebäude und langlebige Infrastruktur inkl. Strom, Kühlung und Konnektivität sollen etwa 27 Milliarden Dollar betragen. Wie OpenAI hat auch Meta Pläne zur Entwicklung einer Superintelligenz. Auch Elon Musk treibt mit seinem Unternehmen xAI den Ausbau von KI-Rechenzentren massiv voran – ganz zu schweigen von den Investitionen der Hyperscaler Microsoft, Google und AWS.

In Asien kündigte Alibaba Anfang 2025 einen Invest von 53 Mrd. USD in den Ausbau seiner KI-Infrastruktur an. Laut Tech Wire Asia plante China 2025 bis zu 98 Milliarden US-Dollar in den Ausbau seiner KI-Infrastruktur zu investieren. Das würde einem Wachstum von 48 % entsprechen. Der Staat wäre mit 56 Milliarden US-Dollar der größte Investor. Für 2026 rechnet Goldman Sachs nur von den führenden Internetfirmen mit Investitionen von weiteren 70 Mrd. USD. China konzentriert sich vor allem auf strategische Bereiche wie autonomes Fahren oder das Gesundheitswesen.

Letzteres ist auch für Google interessant: Gemeinsam mit dem Versicherungsriesen Vitality plant der Suchmaschinenbetreiber Vitality AI auf den Markt zu bringen. Maureen Costello, Vizepräsidentin für Großbritannien, Irland und Subsahara-Afrika bei Google Cloud, ist überzeugt: „Das Potenzial von KI im Gesundheitswesen ist riesig, von der Beschleunigung des wissenschaftlichen Fortschritts über die Verbesserung der Früherkennung von Krankheiten und der Behandlungsplanung bis hin zur besseren Unterstützung von medizinischem Fachpersonal und der Bereitstellung der richtigen Tools und Infos für mehr Menschen, damit sie gesünder leben können. Durch die Integration der fortschrittlichen KI-Funktionen von Google Cloud, einschließlich Gemini-Modellen, mit den Daten und Erkenntnissen von Vitality über gesündere Lebensgewohnheiten bietet diese Partnerschaft eine spannende Möglichkeit, hochrelevante Gesundheitsversorgung in großem Maßstab anzubieten.“ Die Zusammenarbeit setzt die jahrzehntelange Partnerschaft zwischen Vitality und Fitbit fort und baut auf einer großen aktiven Basis vernetzter Fitbit-Nutzer auf.

Auch in Indien sind die Investitionen in KI gestiegen und haben über 20 Milliarden Dollar erreicht. Finanziert wird der Ausbau aus öffentlichen und privaten Mittel, darunter 15 Milliarden Dollar nur von Google. Indien dürfte damit Deutschland in der Weltrangliste bei den Gesamtinvestitionen in KI überholt haben.

Und es gibt weitere Herausforderer. Kasachstan plant, einen Teil seines Staatsvermögens in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz zu investieren – mit zusätzlicher Unterstützung von Unternehmen wie GK Hyperscale Ltd. aus Singapur. GK will sich mit 1,5 Milliarden US-Dollar am Bau von zwei großen Rechenzentren mit einer Gesamtleistung von 200 Megawatt in den kasachischen Regionen Akmola und Karaganda beteiligen.

Weitere 1,2 Milliarden US-Dollar sollen in den Erwerb und die Modernisierung eines Kraftwerks investiert werden, das die neue Infrastruktur versorgen soll. Außerdem sollen der Bau eines Windparks und eines Energiespeichersystems unterstützt werden, um eine stabile Stromversorgung zu gewährleisten.

Wie The Times of Central Asia berichtet, sagte der Minister für digitale Entwicklung, Innovation und Luft- und Raumfahrtindustrie, Zhaslan Madiev, auf der Messe AlmatyFair.ai: „Dieses Projekt wird aufgrund seines Umfangs und seiner Qualität globale Technologieriesen wie Microsoft, Google und Amazon sowie Unternehmen anziehen, die sich auf Big Data und KI spezialisiert haben“, sagte Madiev. „Es wird die Position Kasachstans als digitaler Knotenpunkt in Zentralasien stärken und den Ausbau der IT-Dienstleistungsexporte vorantreiben.“

Verfügbarkeit und Kosten von Energie werden zum K.O.-Kriterium

Zwar werden die Server immer effizienter, dennoch steigt der Energiebedarf – vor allem im Licht der wachsenden Bedeutung künstlicher Intelligenz. Rohleder bestätigt: „Die Energieeffizienz von Rechenzentren hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, und sie wird angesichts steigender Stromkosten und wachsender Anforderungen durch KI weiter an Bedeutung gewinnen. Es liegt im ureigenen Interesse der Betreiber, den Stromverbrauch zu optimieren. Effizientere IT-Systeme und Gebäudetechnik senken nicht nur die Kosten, sondern schonen auch die Umwelt. Energieeffizienz ist nicht nur ein technisches Ziel, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.“

Rund zwei Drittel des Strombedarfs der Rechenzentren entfallen auf die IT-Infrastruktur der Rechenzentren: Server, Speicher und Netzwerktechnik. Das übrige Drittel entfällt auf die Gebäudeinfrastruktur, einschließlich Kühlung oder einer unterbrechungsfreien Stromversorgung. Standortfaktoren wie die Verfügbarkeit von Stromnetzanschlusskapazitäten sowie von grünem Strom gewinnen für die RZ-Betreiber an Bedeutung.

Noch ist die Verfügbarkeit von Rechenleistungen in den 16 Bundesländern höchst unterschiedlich verteilt. Das größte Rechenzentrums-Cluster mit gut 1.100 MW Anschlussleistung befindet sich in Hessen im Großraum Frankfurt. Es folgen mit Abstand Bayern (420 MW), Nordrhein-Westfalen (378 MW), Baden-Württemberg (233 MW) und Berlin (146 MW).

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Quelle: Bitkom

Die geringste installierte Rechenleistung haben derzeit Mecklenburg-Vorpommern (20 MW), Bremen (19 MW) und das Saarland (17 MW). Das könnte sich aber bald ändern: In der Gemeinde Dummerstorf in Mecklenburg-Vorpommern soll ein Rechenzentrum mit einer IT-Anschlussleistung von 1.000 MW entstehen.

Überhaupt überzeugt der Norden mit den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sowie die Region Berlin-Brandenburg mit ihrer Flächenverfügbarkeit als Rechenzentrums-Standorte. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder ist überzeugt: “Wer heute Raum für Rechenzentren schafft, legt die Basis für das digitale Ökosystem von morgen.“ Er betont: „Rechenzentren sind ein wichtiger Standortfaktor für die Entwicklung einer Region. Länder und Kommunen sollten Rechenzentren gezielt in ihre Regionalstrategien einbeziehen und geeignete Flächen ausweisen. Rechenzentren ziehen technologieorientierte Unternehmen an und stärken die regionale Wertschöpfung”

Ein weiterer Vorteil sind die vielen existierenden Windparks sowie Solarstrom- und Biogasanlagen. Speziell die Windparks könnten schnell zum Ausbau der Rechenleistung beitragen, wie Vorreiter windCORES beweist. Im Oktober kündigte die Do-IT-Now-Gruppe eine strategische Zusammenarbeit für Rechenzentren im Turm einer Windkraftanlage an. Marko Merkel, CEO der deutschen Do IT Now GmbH, schrieb auf LinkedIn: “Gemeinsam verbinden wir Innovationen im Bereich erneuerbare Energien mit High-Performance-Computing-Know-how, um die Zukunft nachhaltiger, souveräner und leistungsstarker KI-Infrastrukturen zu gestalten. Angesichts der steigenden KI-Workloads geht es nicht mehr nur um Rechenleistung, sondern um verantwortungsvolle Energie.”

Die direkte Verbindung von Energieerzeuger und -abnehmer könnte zudem die Lösung für Deutschlands drittgrößten Standortnachteil werden – nach Bürokratie und Nebenkosten. Die im europäischen Vergleich sehr hohen Energiepreise stellen aus Bitkom-Sicht einen substanziellen Wettbewerbsnachteil dar. Rechenzentren und Betreiber von Telekommunikationsnetzen sollten bei den Stromkosten entlastet werden, flankiert von Maßnahmen für eine bedarfsgerechte und koordinierte Verteilung von Stromnetzanschlüssen. „Ein erfolgreicher Rechenzentrumsstandort setzt eine stabile, nachhaltige Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen voraus“, betont Rohleder.

Doch nicht nur die Stromkosten holen Deutschlands Ambitionen jäh auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Verfügbarkeit von Baugrund oder Baugenehmigungsverfahren und Erschließungszeiträume von derzeit bis zu zehn Jahren könnten dafür sorgen, dass Deutschland maximal Letzter im KI-Rennen wird – wenn es nicht schon vorher auf der Strecke bleibt. Anders als beim ESC gibt es nämlich keinen garantierten Platz auf der Teilnehmerliste.

Entbürokratisierung. Jetzt!

Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen dringend vereinfacht und beschleunigt werden. In Deutschland dauern Planungs- und Genehmigungsverfahren für neue Rechenzentren rund sechs Monate länger als gesetzlich vorgesehen und deutlich länger als im EU-Durchschnitt. Bitkom fordert zudem eine Überarbeitung des regulatorischen Rahmens. Insbesondere müssten praxisferne deutsche Sonderwege durch das Energieeffizienzgesetz mit den europäischen Rahmenbedingungen harmonisiert werden. Das betrifft sowohl Vorgaben zur Energie-Verbrauchseffektivität als auch zum Anteil an wiederverwendeter Energie. „Ohne starke Rechenzentren verliert Deutschland den Anschluss an den internationalen Wettbewerb“, warnt Rohleder. „Sie sind die Basis digitaler Souveränität. Wer in leistungsfähige und zukunftsfähige Infrastruktur investiert, verbessert nicht nur die Resilienz von Wirtschaft und Verwaltung, sondern legt auch die Basis für Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit in einer zunehmend KI-getriebenen Welt.“

Rohleder sieht die Politik in Zugzwang: „Die USA und China legen die Messlatte extrem hoch. Wenn Deutschland und Europa mithalten wollen, ist es höchste Zeit, gegenzusteuern. Die Bundesregierung sollte daher umgehend die angekündigte Rechenzentrumstrategie mit konkreten Maßnahmen vorlegen.“

Das allein wird den Knoten jedoch nicht lösen. Deutschland muss sich überlegen, ob es weiterhin an seinen bisherigen Schlüsselindustrien festhalten oder in der Welt von morgen eine Hauptrolle spielen will. Beides wird nicht möglich sein.