Europa und die Materialengpässe bei Halbleitern
Eine große Mehrheit der Unternehmen ist für die Ausweitung heimischer Kapazitäten. Dabei steht Deutschland gar nicht so schlecht da – weder bei der Halbleiterproduktion noch bei den Bodenschätzen. Aber!
Auch wenn die Chipkrise bei VW vorerst abgewendet scheint, werden Materialengpässe für Hersteller elektronischer und optischer Produkte in Deutschland weiter zunehmen. Das hat natürlich etwas mit den Besitzverhältnissen und Produktionsstandorten der Halbleiterindustrie zu tun. Aber das ist nicht das Hauptproblem. Andere Dinge wie Bodenschätze, die geopolitische Lage im Allgemeinen und der fast schon zwanghafte Fokus auf eine einzige Schlüsselindustrie im Besonderen sowie die (verzerrte) Wahrnehmung der tatsächlichen Lage spielen eine wichtige Rolle.
In einer aktuellen Umfrage des ifo Instituts gaben 10,4% der befragten Unternehmen Engpässe an. Das ist ein drastischer Anstieg gegenüber den Vormonaten: Im Juli waren es noch 7,0% und im April 3,8%.
„Wenn sich dieser Trend fortsetzt und verschärft“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen, „wird sich das auch negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken.“
Allerdings ist der Trend branchenabhängig und die Zahlen müssen differenziert betrachtet werden. Im verarbeitenden Gewerbe meldeten 5,5% der Unternehmen Lieferprobleme. Das sind weniger als im Juli (5,8%), und die Zahl ist deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt von 15,0%. Bei den Herstellern von elektrischen Geräten meldeten 10% der Unternehmen Lieferengpässe bei ihren Vorleistungen. Im Maschinenbau stieg der Anteil von 4,6 % auf 6,3 %.
Als besonders fragil wird die Versorgungslage bei Halbleitern wahrgenommen. Wohlrabe führt das auf die geo-politische und weltwirtschaftliche Lage zurück: „Die Kontrollmechanismen und Handelsbeschränkungen für Seltene Erden zeigen Wirkung.“
Mit Kontrollmechanismen und Handelsbeschränkungen sind vor allem Zölle und Sanktionen gemeint. Aber auch Kriege – drohende und reale – bergen Risiken und sorgen für Unsicherheit. Und anders als bei den durch die Shutdowns während der Corona-Pandemie verursachten Lieferengpässe zeichnet sich für die aktuelle Situation weder in der erratischen US-amerikanischen Zollpolitik noch im Ukraine-Krieg oder den Machtdemonstrationen Chinas gegenüber Taiwan ein Ende ab. (Zur Erinnerung: Im Dezember 2021 hatte die verarbeitende Industrie mit 81,9% der Unternehmen, die von Materialengpässen betroffen waren, den bisherigen Höhepunkt in Sachen Lieferprobleme erreicht.)
Wie so oft ist die Lage jedoch wesentlich komplexer, könnte sich jedoch entspannter darstellen als gemeinhin wahrgenommen.
Wenn Souveränität keine Option ist. Oder doch?
Zu all den geopolitischen Spannungen kommt Europas Abhängigkeit von anderen Ländern hinzu. Das betrifft allerdings weniger die Besitzverhältnisse von Halbleiterproduzenten wie Nexperia, sondern eher die Verteilung der zur Chipherstellung so dringend benötigten Ressourcen.
Gefangen zwischen Sanktionen und Bedarf sucht Deutschland dringend Souveränität. Dies könnte – anders als bei Technologieprodukten – in Bereichen wie der Halbleiterindustrie oder bei der Bergung von Bodenschätzen sogar gelingen. Wenn da nicht so viele unterschiedliche Sichtweisen, Bedenken und Widerstände wären – zusätzlich zu bestehenden bürokratischen und technischen Hürden.
Bodenschätze wie Lithium und seltene Erden sind für den Ausbau erneuerbarer Energien und der Elektromobilität unverzichtbar. Europa ist dafür derzeit stark von Importen abhängig.
Die Rangliste bei den seltenen Erden führt China an. Das Reich der Mitte verfügt mit geschätzten 44.000.0000 Tonnen über doppelt so viele Ressourcen wie das zweitplatzierte Vietnam. Es folgen Brasilien und Russland mit jeweils 21.000.0000 Tonnen.
Zwar werden vehement neue Lagerstätten in Europa gesucht und auch gefunden. Das vermutlich größte europäische Vorkommen wurde 2023 in Schweden entdeckt.
Anders sieht es bei Lithium aus. Neben Südamerika, Australien und China hat auch Europa beachtliche Vorkommen an dem vermutlich leichtesten Metall der Welt. Große Lithiumvorkommen gibt es in der Ukraine – und Deutschland. Zu den hierzulande größten Lithiumlagerstätten gehören der Oberrheingraben, das Osterzgebirge oder die Altmark.
Der Abbau gestaltet sich indes schwierig. Sowohl am Oberrheingraben als auch im Erzgebirge gibt es große Widerstände in der Bevölkerung. Während am Oberrhein die Fördermethode in der Kritik steht, sorgen sich Bürgerinitiativen im Osterzgebirge beiderseits der Deutsch-Tschechischen Grenze vor allem um die Auswirkungen auf Umwelt und Tourismus.
Und dabei haben die Abbaumaßnahmen noch gar nicht richtig begonnen. Am Oberrheingraben ist eine kommerzielle Produktion ab 2027 geplant. Im Erzgebirge könnte der Abbau frühestens ab 2028 beginnen; als wahrscheinlicher wird 2030 angenommen. Auch in der Altmark wurden bisher nur Pilotversuche durchgeführt – eine industrielle Produktion ist nicht vor 2029 geplant.
Schlüsselindustrie neu denken?
„Der globale Halbleitermarkt wird sich bis 2030 auf rund eine Billion US-Dollar verdoppeln. Obwohl der Halbleitermarkt derzeit ein typisch zyklisches Verhalten zeigt, bei dem kurzfristig Überkapazitäten aufgebaut werden, steht die Chip-Rallye der vergangenen Jahre noch nicht vor ihrem Ende“, sagte Robert Kraus, Vorsitzender der ZVEI-Fachgruppe Halbleiter und CEO Inova Semiconductors, schon 2023 anlässlich eines ZVEI-Pressegesprächs.
Eigentlich stehen Europa und Deutschland gar nicht so schlecht da, was die Entwicklung und Produktion von Halbleitern angeht. Zwar verlagerte sich die Halbleiterindustrie in den vergangenen Jahren vor allem nach Asien und Europa leistet inzwischen mit 8% den geringsten Beitrag zur globalen Chipproduktion.
Aber es gibt ja noch andere Technologien, mit denen Deutschland bereits jetzt in der Welt glänzt.
Eventuell sollte Deutschland seine Schlüsselindustrie einmal komplett neu denken.
Sich volkswirtschaftlich jedoch zu fast 75% auf eine einzige Branche zu verlassen, ist Harakiri. Wenn diese aktuelle Schlüsselindustrie den Bach runtergeht – und das wird sie, auch ohne Halbleiterkrise, – sieht ganz Deutschland so aus wie 2010 Detroit oder Chicago.
Natürlich kommt inzwischen kaum noch eine Branche ohne Halbleiter aus. Aber genau da könnte Deutschlands künftige Stärke liegen. Weltweit sind Branchen und Unternehmen auf deutsche und europäische Vorprodukte und Bauteile angewiesen. Und auch in anderen Bereichen kann Europas Mitte etwas.
Souveränität beginnt bei Diversität!
Ohne Wertung und in völlig willkürlicher Reihenfolge hat Computing einen Überblick erfolgreicher Schlüsseltechnologien zusammengestellt, mit denen Deutschland die globalen Märkte anführt oder zumindest dominant an vorderster Front steht:
- ZEISS ist führend in EUV-Optiken, die bei der Chip-Lithographie essentiell sind.
- Jeder zweite Computerchip wird aus hyperreinem Polysilicium von WACKER gefertigt.
- KRONES baut Anlagen für die Getränkeindustrie und Nahrungsmittelhersteller
- HEIDENHAIN-Produkte kommen weltweit in hochgenauen Werkzeugmaschinen sowie in Anlagen zur Produktion und Weiterverarbeitung von elektronischen Bauelementen zum Einsatz.
- Spezialglas und Glaskeramik von SCHOTT wird in der Luft- und Raumfahrt, in der Medizin, in Consumer Electronics, Halbleitern oder bei der Datenübertragung und vielen anderen Bereichen benötigt.
- Kautschuk- und Silikonmischungen von KRAIBURG sind wichtig für Branchen von Automobil über Bau bis hin zu Medizin- und Pharma- sowie Lebensmittelindustrie.
- Hochfrequenz-, Fiberoptik- und High-Voltage-Verbindungslösungen von ROSENBERGER verbinden Menschen und Dinge weltweit.
- Textilunternehmen aus aller Welt vertrauen Textilmaschinen und Veredelungsanlagen von BRÜCKNER.
Das letzte Beispiel ist zwar kein deutsches Unternehmen, aber immerhin europäisch: Ohne die niederländische ASML würde es keinen einzigen Chip geben – oder zumindest nicht ganz so viele. Der globale Marktanteil der Holländer wird auf 80–90% geschätzt.
Und damit geht es zurück zu den Halbleitern.
„Halbleiter sind zum geopolitischen Machtfaktor geworden. Deutschland und Europa müssen gezielt eigene Halbleiterkompetenzen ausbauen, um ihre technologische und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zu sichern“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst.
Deutschlands Versorgung mit Halbleitern sollte aus Sicht der Wirtschaft deutlich stärker politisch gefördert werden als bislang. So halten 55 Prozent der deutschen Unternehmen, in denen intensiv mit Halbleitern gearbeitet wird, die Förderung der heimischen Produktion für äußerst wichtig, weitere 41 Prozent für eher wichtig. Für 50 Prozent ist eine Förderung von Forschung und Entwicklung im Bereich Halbleiter äußerst wichtig, für weitere 45 Prozent eher wichtig. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 503 Unternehmen ab 20 Beschäftigten aus verarbeitendem Gewerbe, der IT und Telekommunikation – also Branchen, in denen Halbleiter stark genutzt werden. Die Befragung wurde von Juli bis September 2025 durchgeführt – also vor den aktuellen Lieferengpässen rund um das Unternehmen Nexperia.
Von einer großen Mehrheit werden außerdem die Förderung des Chipdesigns (insgesamt 87 Prozent), der Herstellung von Produktionsgeräten für die Halbleiter-Fertigung (insgesamt 87 Prozent) und der Produktion von Materialien und Chemikalien hierfür (insgesamt 81 Prozent) wird ebenfalls als notwendig erachtet. 86 Prozent halten ein starkes Halbleiter-Ökosystem in Deutschland für wichtig für die nationale Sicherheit.
„Europa braucht wettbewerbsfähige Strukturen entlang der gesamten Halbleiter-Wertschöpfungskette – von Forschung und Design bis Fertigung und Packaging“, betont Wintergerst. „Europa hat mit dem Chips Act und Deutschland mit der Mikroelektronik-Strategie sowie der Hightech Agenda den richtigen Kurs eingeschlagen. Hier kommt es jetzt auf die Umsetzungsgeschwindigkeit und messbare Ergebnisse an.“
Europa hat ein Marketingproblem
Laut der Bitkom-Umfrage bemängeln 86 Prozent der befragten Unternehmen, die Politik unternehme zu wenig, um die Versorgung mit Halbleitern sicherzustellen.
Das können und wollen wir so nicht stehen lassen.
Laut der Germany Trade & Invest (GTAI) werden bereits jetzt in Deutschland ein Drittel aller europäischen Chips produziert: BOSCH entwickelt und produziert seit 1971 Halbleiter-Bauteile und Steuergeräte für die Automobil-Industrie. X-Fab ist eine Ausgründung des Fraunhofer-Instituts für Siliziumtechnologie und betreibt drei seiner sechs Standorte in Deutschland. Elmos Semiconductor SE ist ein Halbleiterhersteller aus Dortmund mit Fokus auf vollintegrierte Mixed-Signal-Lösungen (ASICs) für die Automobilindustrie. Die Infineon Technologies Bipolar GmbH mit Sitz in Warstein ist ein gemeinschaftliches Tochterunternehmen von Infineon und Siemens Energy. Die TDK-Micronas GmbH ist ein Entwickler und Hersteller von halbleiterbasierten Sensor- und IC-Systemlösungen für die Automobil- und Industrieelektronik. Die 1973 gegründete Diotec Semiconductor AG ist ein deutscher Hersteller von diskreten Halbleitern.
Eine komplette Übersicht deutscher Halbleiter-Produktionsstandorte hat der Verband der Digital- und Elektroindustrie ZVEI e. V. zusammengetragen. Die Karte enthält allerdings auch Standorte ausländischer Chipentwickler wie Intel oder Nexperia.
Ein europäisches Chip-Gesetz zur Stärkung von Europas Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz im Bereich der Halbleitertechnologien und -anwendungen trat bereits am 21. September 2023 in Kraft. Ein Ergebnis war die Chips-for-Europe-Initiative. Jedoch bemängeln Innovations-Hubs wie Silicon Saxony die zu geringen finanziellen Mittel und das Fehlen einer gesamteuropäischen Strategie. Die Umsetzung bleibt den EU-Mitgliegsstaaten überlassen.
Und die tun tatsächlich etwas. Die französische 2CRSi wurde für das EUPILOT-Projekt ausgewählt, um Beschleuniger für High Performance Computing (HPC) und High Performance Data Analytics (HPDA) zu entwerfen und herzustellen. Und auch in Silicon Saxony geht es voran. Am 28. Oktober 2025 wurde das German Chips Competence Centre (G3C) auf dem MicroSystem Technology Congress in Duisburg offiziell vorgestellt. Unternehmen und Forschungseinrichtungen erhalten darüber direkten Zugang zu Europas modernster Halbleiterinfrastruktur. Auch die Bundesregierung hat noch einiges vor, wie die Tagesschau berichtet.