Das (unsichtbare) Gewicht der Digitalisierung

Wie Daten, KI und Cloud-Infrastrukturen den Klimaschutz herausfordern – und warum nachhaltige IT ein Umdenken erfordert

Ina von Haeften, Co-Founderin von ewigbyte

Wenn es um Klimaschutz geht, kreisen die Debatten meist um Benzinpreise, Plastiktüten oder Fleischkonsum. Der digitale Alltag bleibt dabei erstaunlich oft außen vor. Dabei ist die IT längst ein relevanter Klimafaktor: Wäre das Internet ein Staat, läge sein Stromverbrauch weltweit auf Platz drei. Hinter jeder Cloud, hinter jedem KI‑Modell und hinter jeder vermeintlich kostenlosen E‑Mail stehen Rechenzentren, die rund um die Uhr Strom verbrauchen, gekühlt werden müssen und enorme Mengen an Hardware verschleißen. Digitalisierung fühlt sich leicht an – ist es aber nicht.

Diese Diskrepanz zwischen digitaler Bequemlichkeit und physischer Realität steht im Zentrum der ersten Episode des Podcasts Above C Level. Im Gespräch mit ewigbyte-Mitgründerin Dr. Ina Dorothee von Haeften wird deutlich: Die ökologische Hypothek der Digitalisierung wächst schneller als das Bewusstsein dafür. Besonders KI verschärft das Problem. Zwar gilt sie als mächtiges Werkzeug zur Analyse komplexer Umwelt- und Klimadaten – zugleich sorgt sie für eine Explosion an Daten, Rechenleistung und Energieverbrauch. Der Nutzen ist real, der Preis ebenso. Und er wird bislang kaum ehrlich bilanziert.

Ein Kernproblem liegt darin, dass digitale Daten als gewichtslos wahrgenommen werden. Sie kosten scheinbar nichts, verschwinden aus dem Blick, sobald sie in der Cloud liegen. Tatsächlich aber verbraucht jedes gespeicherte Byte Strom, Wasser und Ressourcen – selbst dann, wenn es nie wieder genutzt wird. In Unternehmen sind rund die Hälfte aller gespeicherten Informationen sogenannte Dark Data: Daten, von denen niemand weiß, dass sie existieren, geschweige denn, wofür sie noch gebraucht werden. Trotzdem laufen Festplatten, Kühlsysteme und Backup‑Routinen weiter – Tag für Tag.

Gesetze und Aufbewahrungspflichten werden dabei oft als Ausrede bemüht. Doch der rechtlich notwendige Teil ist überschaubar. Der eigentliche Treiber sind Wertversprechen und Risikovermeidung: Daten gelten als das „Gold des 21. Jahrhunderts“. Autonomes Fahren, Satellitenbilder, Wetterdaten oder medizinische Aufzeichnungen produzieren gigantische Datenmengen, die aus Haftungs‑, Versicherungs‑ oder Forschungsgründen langfristig aufbewahrt werden sollen. Die Folge: Wir speichern alles – sicherheitshalber.

Hinzu kommt ein psychologischer Faktor. Daten sind längst Teil unserer Identität geworden. E‑Mails, Projektdateien und Chatverläufe erzählen Geschichten von Arbeit, Erfolg und Scheitern. Sich von ihnen zu trennen, fühlt sich an wie ein Verlust. Gleichzeitig bleibt die Infrastruktur unsichtbar. Die Cloud erscheint nicht als Schwerindustrie, sondern als abstrakter Raum ohne Grenzen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – mit fatalen Folgen für Energieverbrauch und Ressourcenverschleiß.

Besonders problematisch ist, dass kalte Daten – also Informationen, die faktisch nie mehr genutzt werden – auf Hochleistungsinfrastrukturen lagern, die für Millisekunden‑Zugriffe und permanente Verfügbarkeit ausgelegt sind. Festplatten drehen sich, Server werden gekühlt, Strom fließt ununterbrochen. Dabei gäbe es Alternativen. Die wichtigste Unterscheidung lautet: Rechnen ist nicht gleich Speichern, Speichern ist nicht gleich Bewahren. Was nicht aktiv genutzt wird, muss nicht dauerhaft online sein.

Denn auch die Hardware selbst hat einen hohen ökologischen Preis. Garantievorgaben führen dazu, dass funktionstüchtige Festplatten nach wenigen Jahren ausgetauscht werden – selbst wenn sie kaum genutzt wurden. Der jährliche Elektroschrott entspricht inzwischen sinnbildlich einem 180 Kilometer langen Zug voller Altgeräte. Seltene Erden, Chemikalien und enorme Wassermengen stecken in Komponenten, die oft vorschnell entsorgt werden.

Vor diesem Hintergrund braucht es ein Umdenken – und neue Infrastrukturen. Von Haeften arbeitet an einem Ansatz, der radikal anders ist: Langzeitarchivierung auf Glas. Mit Femtosekundenlasern werden Nanostrukturen in hauchdünne Glasfolien geschrieben, vergleichbar mit hochverdichteten, unveränderlichen QR‑Codes. Diese Datenträger benötigen weder Strom noch Kühlung, sind über Jahrtausende haltbar und physisch sicher. Kalte Daten könnten so offline, souverän und ressourcenschonend archiviert werden – statt dauerhaft Energie zu verbrennen.

Die Technologie allein wird das Problem jedoch nicht lösen. Entscheidend ist Bewusstsein. Unternehmen müssen beginnen, Daten aktiv zu bewerten: Was ist wirklich wertvoll? Was ist gesetzlich erforderlich? Und was kann weg? Die pauschale Haltung „Speichern kostet ja nichts“ ist nicht mehr haltbar. Nachhaltige IT beginnt nicht erst im Rechenzentrum, sondern bei der Entscheidung, ob ein weiteres Backup, ein weiteres Foto oder eine weitere Kopie wirklich nötig ist.

Der wichtigste Hebel ist dabei überraschend banal: die konsequente Trennung zwischen heißen und kalten Daten. Wer diesen Unterschied ernst nimmt, kann schon heute Energie sparen, Kosten senken und den digitalen Fußabdruck verkleinern. Digitalisierung muss kein Klimakiller sein – aber sie wird es bleiben, solange wir Daten behandeln, als hätten sie kein Gewicht.

Hören Sie die ganze Episode: