AWS-Studie: Fast die Hälfte der deutschen Start-ups erwägt die Abwanderung

Regulierung, Kapitalmangel und fehlende Skalierungsmöglichkeiten setzen Europas Gründerszene unter Druck – Warum deutsche Start-ups über einen Wegzug aus Europa nachdenken

Matthias Patzak von AWS und Computing-Deutschland-Herausgeberin Kerstin Stief auf der GITEX AI Europe 2026 in Berlin

42 Prozent der hiesigen Start-ups ziehen es in Erwägung, Europa zu verlassen. So lautet ein Ergebnis einer neuen Studie von Amazon Web Services (AWS). Damit liegt die Wechselbereitschaft in Deutschland über dem EU-Durchschnitt. Als Hauptgründe für den drohenden „Brain-Drain“ wurden der begrenzte Zugang zu Finanzierung (56 Prozent), Schwierigkeiten bei der Talentgewinnung (49 Prozent) sowie fragmentierte Regulierung (43 Prozent) genannt. Vorgestellt wurde der Report „Erschließung des KI-Potenzials in Deutschland 2026“ auf der Technologiemesse GITEX AI Europe in Berlin. Im Gespräch mit Computing Deutschland ordnete Matthias Patzak, Executive in Residence bei AWS, die Ergebnisse ein.

“Die Studie entstand aus dem Bestreben, die Bedürfnisse europäischer Unternehmen besser zu verstehen”, erklärt Patzak eingangs. AWS untersuchte bereits zum vierten Mal die Rahmenbedingungen für Innovation und Unternehmertum in Europa. Nachdem im vergangenen Jahr die Gründung von Start-ups im Fokus stand, ging es diesmal um deren Fähigkeit, erfolgreich zu skalieren.

Kapital wichtiger als Regulierung

Die Zahl von 42 Prozent habe ihn überrascht, räumte der ehemalige AutoScout24- CTO ein. Gleichzeitig passe sie zu vielen Gesprächen, die er mit Gründern und Technologieunternehmen führe. Allerdings dürfe das Ergebnis nicht isoliert betrachtet werden. Neben den wechselwilligen Unternehmen gebe es auch einen erheblichen Anteil, der bewusst in Deutschland oder Europa bleiben wolle.

Diese Unternehmen schätzten die Nähe zu ihren Kunden, ein stabiles politisches Umfeld, vorhandene Finanzierungsmöglichkeiten sowie etablierte Innovationsökosysteme mit Universitäten, Acceleratoren und Industriepartnern. Dennoch zeige die Studie deutlich, wo die größten Probleme liegen.

Entgegen der häufig geführten öffentlichen Debatte über Regulierung sei fehlendes Risikokapital laut Patzak der wichtigste Faktor. Viele Start-ups wollten international expandieren und benötigten dafür erhebliche Investitionen. Wer Märkte in Nordamerika oder Asien erschließen wolle, brauche nicht nur technologische Fähigkeiten, sondern vor allem die finanziellen Mittel, um Vertrieb und Marketing global aufzubauen.

Erst dahinter folgten Aspekte wie Betriebskosten und regulatorische Rahmenbedingungen. Regulierungsdruck sei zwar ein Thema, erklärte Patzak, doch häufig eher Symptom eines größeren Problems: Junge Unternehmen hätten Schwierigkeiten, die Ressourcen für schnelles Wachstum bereitzustellen.

Deutschland denkt größer – oder hat größere Probleme?

Bemerkenswert ist, dass die Wechselbereitschaft deutscher Start-ups über dem europäischen Durchschnitt liegt. Länder wie Frankreich oder Estland zeigen geringere Abwanderungstendenzen.

Patzak interpretiert dies nicht ausschließlich negativ. Aus seiner Sicht könnte darin auch der Anspruch vieler deutscher Gründer sichtbar werden, früh international zu denken und globale Märkte erobern zu wollen. Gleichzeitig verweist er auf strukturelle Unterschiede. Deutschland sei weiterhin stark industriell geprägt, weshalb Themen wie industrielle KI und physische Automatisierung eine größere Rolle spielten als in anderen europäischen Ländern.

Dennoch sieht auch er Nachholbedarf. Deutschland liege laut Daten des Startup Monitors bei Venture-Capital-Finanzierungen lediglich auf Rang 18 weltweit. Gemessen an der wirtschaftlichen Bedeutung des Landes sei das deutlich zu wenig.

Cloud und KI als Beschleuniger

Welche Rolle moderne Technologien bei der Lösung dieser Probleme spielen können, war ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs. Patzak argumentiert, dass Cloud-Plattformen und KI zumindest einen Teil der Wettbewerbsnachteile kompensieren könnten.

AWS stelle Start-ups umfangreiche Förderprogramme zur Verfügung. Allein im Jahr 2025 habe das Unternehmen weltweit Cloud-Credits im Wert von einer Milliarde US-Dollar bereitgestellt. Darüber hinaus fördert AWS über seinen Generative-AI-Accelerator gezielt junge Unternehmen, die an Anwendungen rund um generative KI arbeiten.

Parallel investiere AWS in die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte. Programme wie AWS Academy und AWS Educate sollen Studierenden und Berufseinsteigern Cloud- und KI-Kompetenzen vermitteln. Nach Angaben des Unternehmens haben bereits Millionen Menschen diese Angebote genutzt.

Souveränität und globale Skalierung müssen sich nicht ausschließen

Ein weiteres Spannungsfeld betrifft die zunehmenden Forderungen nach digitaler Souveränität. Während Politik und Unternehmen verstärkt auf europäische Datenhoheit pochen, benötigen viele Start-ups gleichzeitig Zugang zu global verfügbaren Technologien und Infrastrukturplattformen.

Für Patzak ist das kein Widerspruch. Moderne Cloud-Architekturen erlaubten es Unternehmen bereits heute, Speicherorte, Zugriffsrechte und Verschlüsselung selbst festzulegen. Gleichzeitig seien globale Infrastrukturen unverzichtbar, wenn Unternehmen internationale Kunden bedienen wollen.

Die Ergebnisse der AWS-Studie unterstreichen diese Einschätzung. Demnach halten 84 Prozent der befragten Unternehmen den Zugang zu globalen Technologieanbietern für wichtig. Zugleich nutzen viele Organisationen bewusst mehrere Anbieter und mehrere Regionen, um Flexibilität und Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Talente als Schlüsselressource

Auf die Frage, welche politische Maßnahme er sofort umsetzen würde, nennt Patzak vor allem das Thema Talente. Zwar wünschten sich Start-ups laut Studie mehr Risikokapital und steuerliche Anreize. Langfristig entscheidender sei jedoch der Zugang zu qualifizierten Fachkräften.

Gerade im Zeitalter agentischer KI verändere sich das Anforderungsprofil. Unternehmen benötigten nicht zwingend mehr Spezialisten für Machine Learning. Vielmehr werde die Fähigkeit wichtig, neue KI-Werkzeuge sinnvoll in bestehende Prozesse einzubinden und deren Arbeit zu steuern.

Patzak beschreibt KI-Agenten als hochqualifizierte neue Mitarbeiter, die zwar über enormes Wissen verfügen, aber zunächst Anleitung benötigen. Erfolgreiche Unternehmen kombinierten deshalb erfahrene Fachkräfte mit technologieaffinen Mitarbeitern. Dieses Prinzip erinnere an das bekannte Pair Programming aus der Softwareentwicklung und könne auch bei der Einführung von KI-Systemen wirksam sein.

KI-Projekte müssen Geschäftsergebnisse liefern

Mit Blick auf die praktische Einführung von KI warnt Patzak vor einem häufigen Fehler. Viele Unternehmen konzentrierten sich zu stark auf technische Machbarkeit und zu wenig auf konkrete Geschäftsergebnisse.

Pilotprojekte müssten immer ein reales Kunden- oder Geschäftsproblem lösen und messbare Verbesserungen erzeugen. Erst dann entstehe der Rückhalt, um weitere Investitionen zu rechtfertigen.

Ebenso wichtig sei die Akzeptanz der Mitarbeiter. Neue Technologien würden sich nur dann nachhaltig durchsetzen, wenn deren Nutzen im Alltag unmittelbar erlebbar werde. Als erfolgversprechend bezeichnet Patzak sogenannte Champion-Programme, bei denen besonders engagierte Anwender ihre Erfahrungen im Unternehmen teilen und so andere Mitarbeitende zur Nachahmung motivieren.

Deutschlands Chance liegt in der Verbindung von Industrie und KI

Trotz aller Herausforderungen blickt Patzak optimistisch auf die Zukunft des Standorts. Besonders die Entwicklung agentischer KI bewertet er als große Chance für Deutschland.

Seiner Einschätzung nach könnte gerade die Kombination aus industrieller Stärke, technologischem Know-how und modernen KI-Systemen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil schaffen. Voraussetzung sei jedoch, dass Unternehmen, Politik und Bildungssystem die richtigen Rahmenbedingungen schaffen – insbesondere bei Finanzierung, Fachkräften und Innovationsförderung.

Patzak beendet unser Gespräch positiv. Er sei jemand “mit einem Glas ein-drei-Viertel voll.” Aus seiner Sicht ist es wichtig, “dass wir diese KI und Agenten als Chance betrachten, auch ganz besonders in Deutschland, und dann aufbauend auf dieser industriellen Stärke, die wir haben.” Insbesondere die Verknüpfung der traditionellen industriellen Stärke Deutschlands im Hardware-Bereich mit moderner Software und Cloud-Infrastruktur berge enormes Potenzial für die Zukunft.

Am Ende hat er noch zwei Tipps für Firmen, die KI jetzt einführen wollen:

1.) “Das technische Proof of Concept ist es nicht, was es ausmacht. Du musst Piloten bauen, die immer ein Kundenproblem lösen und dann irgendeine wichtige Geschäftszahl positiv verändern. Das sorgt dann auch für dich als CIO, CTO oder dazu, dass du mehr Budget kriegst und noch mehr Prototypen bauen kannst oder sie skalieren kannst. Aber es muss immer rückwärtsarbeiten von einem Geschäftsproblem.”

2.) “Was funktioniert ist, Gewohnheiten aufzubauen. Du musst den Leuten helfen, dass sie dieses neue Tool als Gewohnheit sehen und nutzen. Und das werden sie aber nur weiterführen, wenn sie es selbst erleben in den Tätigkeiten, die sie machen. Das heißt, sie schaffen Dinge in kürzerer Zeit, mit weniger Arbeit oder sie sind auf einmal angesehener im Unternehmen.”

Als Erfolgsrezept empfiehlt er Champion-Programme.

Matthias Patzak ist bei AWS Teil eines Teams ehemaliger Führungskräfte. Er selbst war CTO bei AutoScout24 und Geschäftsführer bei Home Shopping Europe. Im Team arbeitet er zusammen mit zum Beispiel den ehemaligen CEOs von Konzernen wie Coca-Cola oder McDonald's sowie CTOs der NASA oder der Capital One Bank. Gemeinsam begleiten sie AWS-Kunden bei Themen wie Cloudmigration, digitaler Transformation und natürlich in den letzten Jahren vermehrt auch bei der Transformation zum datengetriebenen Unternehmen, der Einführung künstlicher Intelligenz und – ein Thema, das Patzak selbst sehr begeistert – agentischer KI.

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