Souveräne Cloud: Möglich? Ja. Realistisch? Nicht wirklich.

Ist ‘europäisch’ wirklich ein Kriterium für Souveränität?

Bild: KI

Laut dem Bitkom-Cloud-Report nutzen neun von zehn Unternehmen in Deutschland Cloud-Dienste. „Ohne Cloud-Dienste geht in Deutschland nichts mehr”, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst; und fordert: “Es ist wichtig, die entsprechende Infrastruktur hier vor Ort auszubauen. Dazu braucht es schnellere Genehmigungen, praxistaugliche regulatorische Rahmenbedingungen und vor allem eine zuverlässige Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen.“

Die Praxis ist eher das Gegenteil. Genehmigungsverfahren können bis zu zehn Jahre dauern. Die Gründe sind vielfältig und umfassen von widerspenstigen Kommunen über Naturschutz bis hin zu Engpässen in der Energieversorgung alles und noch viel mehr.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Laut dem Bitkom-Report (veröffentlicht im Juni 2025) wünschen sich 82 Prozent große Cloud-Anbieter, sogenannte Hyperscaler, aus Deutschland oder Europa, die es mit den außereuropäischen Marktführern aufnehmen können. Jedes zweite Unternehmen, das Cloud-Computing will aufgrund der Politik der US-Regierung die eigene Cloud-Strategie überdenken.

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Quelle: Bitkom

Für 97 % – also praktisch alle – Unternehmen, die Cloud-Dienste nutzen oder dies erwägen, spielt ein vertrauenswürdiges Herkunftsland des Cloud-Anbieters bei der Auswahl eine Rolle. Für 67 % (10 Prozent mehr als im Vorjahr) ist es sogar eine zwingende Voraussetzung.

Der Betreiber der Infrastruktur von Bund und Ländern gehört wohl nicht dazu: Dort wird fast ausnahmslos mit Cisco switched und routed. Dokumentiert und kollaboriert wird mit Microsoft-Cloud-Produkten. Für andere Dienste dient die Cloud-Architektur von AWS als Basis. Da ist es fast unerheblich, wo das Rechenzentrum steht. Dabei betriebe die Telekom eigentlich selbst eine eigene, offene, souveräne Cloud-Plattform mit unabhängigen Tools und Technologien.

Bitkom-Präsident Wintergerst fordert: „Deutschland muss sich aus einseitigen Abhängigkeiten lösen, auch bei digitaler Infrastruktur.“ Er schränkt jedoch gleich selbst ein: “Klar ist: Eine deutsche Cloud muss genauso gut und genauso günstig sein, wie die Angebote anderer Anbieter. Ist sie das nicht, bleibt sie ein Nischenprodukt.“

Die von Bitkom Befragten scheinen das ähnlich zu sehen. Nur 12 % würden ein deutsches oder europäisches Angebot nutzen, wenn man länger als bei internationalen Wettbewerbern auf neue Funktionen warten muss. Für 8 % wäre es akzeptabel, wenn nicht alle Funktionen internationaler Anbieter vorhanden sind. Nur 7 % wären bereit, etwa 10 bis 20 Prozent mehr zu bezahlen, und 6 % würden Abstriche bei der Bedienbarkeit oder dem Service hinnehmen.

Auch Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst hält Big Tech für alternativlos, wie er auf der Pressekonferenz am ersten Tag der IT-SA in Nürnberg sehr deutlich sagte: “Die amerikanischen BigTech-Firmen haben einfach ziemlich gute Leistung und wir werden die in den nächsten Jahren einfach nicht ersetzen können.”

Drei Monate zuvor war er noch überzeugt: „Wir haben hierzulande Anbieter, die weltweit konkurrenzfähige Angebote aufbauen können.”

Quo vadis, Deutsche Wolke?

Deutschland hat weltweit die meisten Rechenzentren sowohl nach Einwohnerzahl als auch nach Landesfläche. Bauen scheint nicht das Problem zu sein. Schwer tut man sich hierzulande vor allem mit der Konkurrenzfähigkeit.

Wettbewerbsfähig ist derzeit am ehesten die Preisgestaltung, die es an Komplexität und Intransparenz locker mit AWS oder Azure aufnehmen kann – wie die Beispiele von Open Telekom Cloudoder teutoStack Cloud-Dienste zeigen.

Technologisch allerdings scheint der Markt noch in der Dotcom-Blase gefangen zu sein: Kunden haben in den meisten Fällen die Wahl zwischen shared und dedicated Server, einer VM (neudeutsch ECS, also quasi shared Hosting) und Blech (Bare Metal, also sowas wie dedicated).

Auch kaufmännisch scheinen einige der Anbieter es nicht über die Jahrtausendgrenze geschafft zu haben: Statt Self-Service-Portal verstecken nicht wenige ihre Informationen und Calls-to-Action in den Tiefen ihrer Webpräsenzen hinter schier endlosen Klickorgien und teils mehrfachen Versuchen, Werbecookies zu platzieren. Hat man dann endlich so etwas wie einen ‘Start Now'-Button gefunden, darf man endlich … eine Anfrage stellen.

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Für viele deutsche Cloudanbieter steht der Kundenkontakt an erster Stelle. (Screenshot von teutoStack Public Cloud … Jetzt starten)

Kein Einzelfall.

Very Sovereign. Not!

SysEleven ist eine Tochter des deutschen Hochsicherheitsdienstleisters secunet, der wiederum eine Tochter der Giesecke + Devrient ist – dessen Vorsitzender der Geschäftsführung Wintergerst heißt. Das Berliner Unternehmen startete 2007 als Hoster und entwickelte sich 2015 zum Cloud Service Provider – spezialisiert auf Behörden und Kunden mit höheren Sicherheitsanforderungen.

Heute sagt das Unternehmen von sich: “SysEleven ist nun einer von nur zwei souveränen Cloud-Anbietern in Deutschland, die sich durch den Dreiklang von IT-Grundschutz, C5-Testierung und ISO 27001-Zertifizierungen auszeichnen.”

Zum Vierklang inkl. DSGVO scheint man es allerdings nicht schaffen zu wollen. So stehen Rechenzentren und Headquarters zwar souverän in Deutschland. Die Daten überlässt man dann doch lieber einem US-Anbieter (HubSpot).

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Start now hat für jeden eine andere Bedeutung. (Screenshot von SysEleven Cloud- and Kubernetes solutions … Start now)

Insofern:

Herzlich willkommen in Deutschland, AWS Sovereign Cloud!

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AWS startet im Januar 2026 seine Sovereign Cloud in Potsdam.

AWS plant in Brandenburg Investitionen in Höhe von etwa 7,8 Mrd. Euro. “Die Umsetzung seiner Sovereign Cloud erfolgt zunächst über das Einmieten in bestehende Colocation-Rechenzentren. Später ist ein sukzessiver Aufbau eigener Rechenzentren in Brandenburg geplant – darunter eines südlich von Berlin und eines in Südbrandenburg”, heißt es in einer Pressemeldung des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz (MWAEK).

Wege aus dem Dilemma

McKinsey gibt in einem Blogbeitrag Tipps, wie Organisationen autonomer werden können. Unter anderem empfehlen die Strategen ein Hybridmodell zu betreiben, bei dem stabile Workloads in einer privaten Cloud ausgeführt werden.

Das empfiehlt ebenfalls der IT-Leiter eines renommierten Spezialisten für Fabrikautomation: “Cloud bedeutet IT-Automatisierung, und nirgendwo steht geschrieben, dass man das nicht auch selbst machen kann.”

McKinsey empfiehlt zudem, mehr Open-Source-Software zu nutzen. Davon ist auch der IT-Manager eines renommierten Unternehmens für nachhaltige Immobilien überzeugt. Er empfiehlt: “Konsequent auf offene Standards und Protokolle setzen” und macht Mut: “Keine Angst haben vor Veränderung.” Der IT-Leiter des Spezialisten für Fabrikautomation sagt dazu: “Entwickelt eine Open-Source-Strategie für euer Businessumfeld und maximiert die Unabhängigkeit von proprietären Softwareprodukten.”

Ein weiterer Tipp der Experten von McKinsey ist, Daten mit lokal gespeicherten Schlüsseln zu verschlüsseln und Zugriffskontrollen zu konfigurieren.

Last not least empfehlen die Berater in ihrem Blog, mehr Dienste von lokalen Technologieanbietern in Anspruch zu nehmen. Das lassen wir jetzt mal so stehen. Siehe oben.

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PS: Ausnahmen bestätigen die Regel:

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STACKIT betreibt Rechenzentren in Deutschland und Österreich. Deren souveräne Cloud basiert auf Open Source und offenen Standards. Daten werden ausschließlich in Europa gespeichert bzw. Verarbeitet.