Souveräne KI, derselbe Vermieter

Während KI-Labore eigene Chips entwickeln, sichert sich NVIDIA die Plattform, auf der der Rest der Welt seine Modelle auswählt und betreibt. Anurag Gurtu, Mitgründer und CEO von Airrived, kennt die Dynamik des Marktes aus erster Hand und ordnet den Vorgang in einem Gastbeitrag ein.

“NVIDIA hat sich vom Chipkrieg nicht beirren lassen. Sie hat das Gefängnis gekauft.” – Anurag Gurtu, Mitgründer und CEO von Airrived (Bild: Airrived)

Anurag Gurtu, Mitgründer und CEO von Airrived, verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Cybersicherheit und künstliche Intelligenz. Als Unternehmer und Produktstratege hat er mehrere KI-Unternehmen aufgebaut und kennt die technologische wie auch die wirtschaftliche Dynamik des Marktes aus erster Hand. Wir freuen uns, mit diesem Gastbeitrag die Perspektive eines Brancheninsiders wiedergeben zu können, der den aktuellen Wettlauf um KI-Chips und digitale Souveränität aus der Anwendungsebene heraus betrachtet.

Es war eine große Woche für all jene, die sich endlich von NVIDIA lösen wollen. OpenAI hat seinen eigenen Chip auf den Weg gebracht. Anthropic hat ein internes Chip-Entwicklungsteam aufgebaut – mit Gehältern, bei denen Personalverantwortliche der FAANG-Konzerne zusammenzucken. Und dann, fast schon höflich, gab NVIDIA 12,9 Milliarden Dollar aus – die größte Übernahme der Firmengeschichte –, um Hugging Face zu kaufen: genau jene Plattform, auf der Entwickler weltweit nach dem Modell suchen, das sie einsetzen wollen.

Ein netter kleiner Krieg. NVIDIA hat gerade das Schlachtfeld gekauft.

In den Schlagzeilen dieser Woche heißt es überall sinngemäß: „KI-Labore wetteifern darum, sich von NVIDIA unabhängig zu machen.“ Eine charmante Darstellung. Doch so sieht die Realität aus: Während alle anderen Chips entwickelten, baute NVIDIA einen Ausweg, der direkt wieder zu NVIDIA führt – ganz gleich, welcher Chip am Ende das Rennen macht. Das ist keine bloße Verteidigungsstrategie. Das ist ein Unternehmen, das das Ende der Geschichte bereits kennt und geduldig darauf wartet, dass der Rest der Branche aufschließt.

Fairerweise muss man sagen: Die Zahlen zu den Chips sind wirklich beeindruckend. OpenAI arbeitete neun Monate lang gemeinsam mit Broadcom an „Jalapeño“ – angeblich der schnellste „Tape-out“-Prozess (der Übergang vom Design zur Fertigung) in der Geschichte moderner Halbleiter. Anthropic zog mit einem eigenen Chip-Team nach und schrieb Hardware-Stellen mit Gehältern von bis zu 485.000 Dollar aus – zusätzlich zu einem bereits laufenden Multi-Gigawatt-Deal mit Google für TPUs. Google setzt schon seit einem Jahrzehnt auf TPUs. Amazon hat Trainium, Meta hat MTIA. Alle wetteifern darum, Jensen Huang keine Schecks mehr ausstellen zu müssen.

Doch keiner dieser extrem teuren Chips berührt jene Ebene, auf der sich die übrigen 200.000 Unternehmen – die niemals eigene Chips entwickeln werden – tatsächlich bewegen, um Modelle zu finden, feinabzustimmen und bereitzustellen. Genau diese Ebene – das eigentliche Sprungbrett für die weltweite Einführung von KI – wurde gerade still und leise von jenem Unternehmen vereinnahmt, dem alle eigentlich entkommen wollen.

Achten Sie auf das Wort, das NVIDIA in diesem Jahr bei jeder Bilanzkonferenz in den Vordergrund rückt: Staaten. Nicht „Entwickler an erster Stelle“. Nicht „Unternehmen an erster Stelle“. Sondern souveräne Akteure – Nationalstaaten, die öffentliche Gelder für „KI-Unabhängigkeit“ ausgeben, damit sie nicht dauerhaft vor einer Handvoll amerikanischer Labore in die Knie gehen müssen. Keine Regierung, die an souveräner KI arbeitet, möchte ihre nationalen Rechenkapazitäten von einem Chip von OpenAI, der Hardware von Anthropic oder irgendeinem einzelnen Labor abhängig machen, das eines Tages zu einem geopolitischen Risiko werden könnte.

Hier schaltete sich NVIDIA mit folgendem Angebot ein: Keine Sorge, wir sind neutral. Wählen Sie das Modell, das Framework und die Cloud, die Ihnen am besten gefallen. Eine mitreißende Rede über Wahlfreiheit – gehalten von jenem Unternehmen, das gerade den Laden aufgekauft hat, in dem all diese Optionen zu finden sind.

Genau darin liegt der eigentliche Schachzug. OpenAI und Anthropic optimieren ihre eigenen Herstellungskosten. NVIDIA hingegen optimiert darauf, dauerhaft die Basis für die Kostenstruktur aller anderen zu bilden – ganz gleich, wer den Kampf gewinnt, den NVIDIA den anderen großzügigerweise überlässt.

Und das ist der Punkt, den niemand offen aussprechen will: Selbst ein hervorragender, maßgeschneiderter Chip braucht Jahre, um bei Produktionsvolumen, Ausbeute und Software-Reife mit einer Plattform gleichzuziehen, in die NVIDIA zwei Jahrzehnte lang Arbeit investiert hat. Der „Tape-out“ des Jalapeño-Chips innerhalb von neun Monaten ist eine beachtliche technische Leistung, doch es bleibt ein spezialisierter Inferenz-Chip für die Workloads von OpenAI – keine Plattform, auf der andere Unternehmen ihr Geschäft aufbauen könnten. Das Hardware-Team von Anthropic besteht – wohlwollend betrachtet – aus einer Recruiting-Seite mit Leitbild, eingebettet in eine „Multi-Chip-Strategie“, die heute noch größtenteils auf Hardware von NVIDIA und Google läuft.

Unterdessen hat sich NVIDIA einen Vertriebskanal gesichert, der mehr täglichen Entwickler-Traffic verzeichnet als die Plattformen beider Labore zusammen. NVIDIA musste den Streit um den besten Chip gar nicht erst gewinnen; das Unternehmen hat die Debatte einfach übersprungen und den Raum gekauft, in dem sie stattfand.

Für Unternehmen, die tatsächlich Produkte an Kunden ausliefern, ändert sich dadurch wenig. Wenn überhaupt, wird die Situation dadurch nur noch deutlicher.

NVIDIAs Version von Souveränität ist untrennbar mit einem „Vermieter“ verbunden. Aus der auf der Anwendungsebene angesiedelten Perspektive ist es gleichgültig, welches Logo auf dem darunterliegenden Silizium aufgedruckt ist. Ihr kommt es darauf an, dass Inferenz schnell, kostengünstig und absolut zuverlässig funktioniert – und sie überlässt es nur allzu gern zwei Unternehmen, die kurz vor der Billionen-Dollar-Marke stehen, darum zu streiten, wer die Kosten für die Infrastruktur trägt.

Dort, wo die Chips tatsächlich gefertigt werden, entwickelt sich die Lage jedoch nicht zu der „David-gegen-Goliath“-Geschichte, als die sie in Pressemitteilungen gern dargestellt wird. OpenAI und Anthropic geben Milliarden aus, um sich von NVIDIAs Hardware unabhängig zu machen. NVIDIA wiederum hat gerade 12,9 Milliarden Dollar investiert, um sich dagegen abzusichern, einen dieser beiden Partner jemals zu verlieren – indem sich das Unternehmen genau jene Plattform gesichert hat, auf der deren Modelle laufen müssen, ganz gleich, welcher Chip sie laufen.

Nennen Sie es einen Krieg, wenn Sie möchten. Von hier aus sieht es so aus, als würde NVIDIA auf beiden Seiten des Schlachtfelds Miete kassieren, lächeln und fragen, ob noch jemand anderes diversifizieren möchte.