Don’t AskT: KI-Fabrik ohne KI
Wofür das I in KI steht, warum eine Handvoll GPUs noch keine KI-Cloud macht und Deutschland-Stack nicht gleich Deutschland-Stack ist.
Nur drei Monate nach der Ankündigung nahm die Telekom Anfang Februar stolz ihre KI-Fabrik am Tucherpark in Betrieb. Die Deutsche Telekom Industrial AI Cloud sollte “die weltweit erste industrielle KI-Cloud" werden. Ähnliche Anlagen wie die der Telekom wurden jedoch schon früher in Europa realisiert. So nahm im Juni 2025 Crusoe – nach eigener Aussage “der erste vertikal integrierte Anbieter von KI-Infrastruktur in der Branche” – in Zusammenarbeit mit Polar ein 12-MW-RZ in Betrieb. Im September folgte an einem Fjord der nächste AI-Hub mit einer Leistung größer als 10 Megawatt (MW).
Auf der Homepage des deutschen Branchenprimus klingt es dann schon etwas realistischer: “Die Deutsche Telekom Industrial AI Cloud ist die erste großangelegte, souveräne KI- und Hochleistungsplattform (HPC) in Europa mit Leistungsfähigkeit auf Enterprise-Niveau.” Und genau das ist es: ein Rechenwerk – schnell, aber noch nicht besonders intelligent.
Ins gemachte Netz gesetzt
Das Tempo im Tucherpark des Eisbachviertels war tatsächlich atemberaubend. Von der Idee bis zur Eröffnung verging gerade mal ein halbes Jahr. Möglich war dies allerdings nur, weil es kein Neubau war: Die Telekom mietete sich für ihr Vorhaben in ein frisch renoviertes, ausgedientes Rechenzentrum der Hypovereinsbank ein. Es brauchte also weder auf Baugenehmigungen noch auf Stromanschlüsse noch auf Umweltgutachten gewartet zu werden.
Die ganze Anlage soll mit erneuerbarer Energie betrieben werden; mit der Abwärme will man den Tucherpark heizen. Als Wärmetauscher für die restliche Hitze soll der Eisbach herhalten.
Das Konzept ist nicht neu: Der Betreiber des RZ am Eisbach ist derselbe wie für Oslos AI-Hub One oder der souveränen KI-Fabrik in Frankfurt am Main. Und auch hier sparte man nicht an Superlativen, die dankbar von den Medien aufgegriffen wurden: so ist vom “Einsatz optimierter Next-Generation-Hochleistungssysteme", einer “State-of-the-Art-Plattform für Entwicklung, Training und Betrieb der weltweit leistungsstärksten KI-Modelle" oder der “modernste KI-Infrastruktur in großem Umfang” die Rede.
Nun sind weder der DGX SuperPod noch die Blackwell-GPUs das Modernste oder Leistungsfähigste, was NVIDIA zu bieten hat. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Ausschlaggebend ist einzig die Antwort auf die Frage: Reicht die Leistung für das, was meine Kunden brauchen?
Die Frage klingt trivialer, als es ist. Was eigentlich brauchen die Kunden? Warum erfreuen sich KI-Plattformen wie AWS oder GCS so großer Beliebtheit? Sind es wirklich nur die schnellen GPUs und TPUs oder steckt mehr dahinter?
Deutschland-Stack ohne Deutschland-Stack
Um diese Frage zu beantworten, sollte man wissen, was die Fabriken in München oder Frankfurt bieten – und das ist außer Rechenleistung nicht viel. In München nahm man wenigstens noch SAP mit ins Boot, um wenigstens einen Hauch von Intelligenz zu versprühen. “Die Telekom-Tochter T-Systems verantwortet die Infrastruktur- und Plattformebene inklusive T Cloud. SAP liefert darauf aufbauend die Business Technology Platform und leistungsfähige Fach- und KI-Anwendungen", heißt es in der Pressemeldung. Die Telekom nennt es “die Basis für den sogenannten Deutschland Stack.“
Mo-ment! Deutschland-Stack? Hatte da nicht kürzlich erst das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung denselben Begriff verwendet – in einem völlig anderen Zusammenhang?
Richtig. Der Deutschland-Stack ist nichts, was sich die Telekom und SAP ausgedacht hätten, sondern soll als neuer Standard die "technologische Basis, die strategischen und organisatorischen Rahmenbedingungen” für eine “nationale souveräne Technologie-Plattform für die Digitalvorhaben in Deutschland” sein. Auf der Landkarte kommen übrigens weder die Telekom noch SAP vor.
Chance verpasst
Statt sich als echte Alternative zu Big Tech zu formatieren, macht man das, was man am besten kann: viel Geld für ein paar Racks in einem Rechenzentrum ausgeben und das Marketing bitten, das Beste draus zu machen.
Dabei wäre es so einfach gewesen, den Deutschland-Stack des BMDS als Marktplatz zu integrieren und den Kunden die Frameworks an die Hand zu geben, die sie wirklich brauchen. Genau das machen nämlich echte Tech-Pioniere: Sie erleichtern ihren Kunden ihr Business.
Und so sieht z. B. die Google-Cloud-Console viel eher wie eine Adaption des Deutschland-Stacks aus mit zahlreichen Frameworks und APIs samt intelligentem Assistenten:
Die Telekom hingegen scheint nicht einmal der eigenen Infrastruktur zu vertrauen. Sucht man im Telekom Cloud Marketplace für Geschäftskunden nach IaaS & PaaS hat man die Wahl zwischen Azure Premium Support, einer Bedarfsanalyse Google Cloud Services und Microsoft PremiumSupport Comfort. In der Rubrik KI gibt es einen Business GPT Beratungstag und ein Business GPTToken. Im Public Portal (Software as a Service für den öffentlichen Dienst, sic!) findet man außer Microsoft-Produkten: Nichts! Auch der Marktplatz der Open Telekom Cloud gibt nicht viel mehr her.
An dieser Stelle haben wir die Suche nach Anwendungen im “Leuchtturm-Projekt der Made-4-Germany-Initiative zur Förderung von Wachstum, Innovation und dem souveränen KI-Ökosystem” auf den diversen Cloud- und anderen Marktplätzen der Telekom dann auch abgebrochen
Aber für den einen Partner seines “souveränen Deutschland-Stacks" (SAP) braucht es ja vielleicht auch gar keinen eigenen Marktplatz – so wenig wie München wahrscheinlich künftig seinen Eisbach braucht. Aber das ist eine andere Geschichte. Allerdings könnten die Experten der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg schon mal prophylaktisch die thermodynamischen Auswirkungen des Wärmetauschs im Tucherpark auf die Stabilität der Welle simulieren.