Thomson Reuters setzt bei eigener KI auf Chinas Open-Weight-Technologie

Mit Thomson-1 will der Konzern KI-Kosten senken und die Abhängigkeit von Claude verringern

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Thomson Reuters hat ein hauseigenes KI-Modell entwickelt, das auf der Technologie eines chinesischen Open-Weight-Systems basiert. Der Konzern will damit die Abhängigkeit von kostspieligen westlichen Modellen verringern.

Das kanadische Informations- und Rechtsdienstleistungsunternehmen stellte vergangenen Montag „Thomson-1“ vor. Das Modell basiert auf „Snowdon“, einem von Thomson Reuters entwickelten KI-System. Grundlage des Thomson-Reuters-Modells ist eine angepasste Version von „Qwen“, einem Open-Weight-Modell des chinesischen Alibaba-Konzerns.

Nach Angaben des Unternehmens soll dieser Schritt ermöglichen, eine stärker auf fachliche und juristische Aufgaben zugeschnittene KI zu entwickeln. Zugleich will Thomson Reuters Kosten und technologische Weiterentwicklung besser kontrollieren.

Modell für spezialisierte juristische Arbeit entwickelt

Thomson Reuters setzt „Thomson-1“ zunächst für die Dokumentenprüfung ein. In diesem Bereich sieht das Unternehmen seine Fachkompetenz und seinen umfangreichen Bestand an juristischen und fachlichen Materialien als möglichen Vorteil für das Modell.

CTO Joel Hron erklärte, Thomson Reuters habe mehrere Monate daran gearbeitet, „Qwen“ anzupassen. Beteiligt war ein gemeinsames Team von Thomson Reuters und dem Imperial College London. Das daraus entstandene Snowdon-Modell sei darauf ausgelegt, „ethisch und politisch unvoreingenommen sowie sicher in der Anwendung“ zu sein, sagte Hron.

Hron argumentierte, Unternehmen bräuchten nicht zwangsläufig immer größere Modelle und immer teurere Rechenressourcen, um nützliche KI-Systeme zu entwickeln: „Man sollte mit einer soliden Grundlage beginnen und diese tiefgreifend auf die Aufgaben spezialisieren, auf die es ankommt“, sagte er. Auf diese Weise könne leistungsfähige KI zu geringeren Kosten und unter Kontrolle des eigenen Unternehmens entstehen.

Thomson-1 soll einige Aufgaben übernehmen, die zuvor „Claude“ von Anthropic erledigte. Hron betonte jedoch, Thomson Reuters werde die Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen KI-Unternehmen nicht beenden. Der Rechtsassistent „CoCounsel“ des Unternehmens stützt sich nach einer im Mai erweiterten Partnerschaft mit Anthropic weiterhin vor allem auf „Claude“.

Bemühungen zur Senkung der KI-Kosten

Bei der Einführung moderner KI-Systeme stehen Unternehmen vor wachsenden Kostenfragen. Leistungsstarke Modelle können im Betrieb teuer sein, insbesondere wenn sie in großem Maßstab eingesetzt werden.

Thomson Reuters erwartet, dass ein eigenes spezialisiertes Modell diese Kosten senken könnte. Gleichzeitig soll es dem Unternehmen ermöglichen, sein Archiv firmeneigener juristischer Inhalte und seine redaktionelle Expertise stärker zu nutzen.

CEO Steve Hasker erklärte, erste interne Tests hätten gezeigt, dass Thomson-1 bei einer Reihe von Aufgaben mit führenden aktuellen Modellen mithalten könne. Auch erste unabhängige Bewertungen deuten auf eine gute Leistung des Modells hin.

Professor Jonathan H. Choi von der Washington University School of Law erklärte, er habe Thomson anhand von Fragen aus seinem Kurs zur Unternehmenssteuer mit ChatGPT und Claude verglichen. Alle drei Systeme hätten korrekt geantwortet; die Antworten von Thomson habe er jedoch bevorzugt, insbesondere wegen der Links zu juristischen Fachwerken.

Sicherheitsbedenken hinsichtlich chinesischer Technologie

Open-Weight-KI-Modelle können von Entwicklern heruntergeladen und verändert werden. Unternehmen können dadurch eigene Systeme aufbauen, ohne vollständig auf proprietäre Modelle von Anbietern wie Anthropic oder OpenAI angewiesen zu sein.

Chinesische Unternehmen haben stark in den Aufbau von Open-Weight-KI-Systemen investiert. Deren wachsende Nutzung im Westen hat in Washington und andernorts jedoch Sicherheitsbedenken ausgelöst, unter anderem mit Blick auf mögliche versteckte Schwachstellen.

Hron erklärte, Thomson Reuters habe die zugrunde liegende Qwen-Technologie umfassend angepasst. Das Unternehmen sei daher nicht von Alibaba abhängig.

Thomson Reuters veröffentlichte eine kleinere Version von „Thomson“ bei Hugging Face für akademische und nichtkommerzielle Zwecke. Forschende können das System damit weiter untersuchen und bewerten.

Was Open Weight von Open Source unterscheidet

Als Open Weight werden KI-Modelle bezeichnet, deren trainierte Parameter oder Gewichte öffentlich zugänglich sind. Entwickler können solche Modelle häufig herunterladen, lokal ausführen und für bestimmte Zwecke anpassen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Modell im engeren Sinn Open Source ist. Für Open-Source-KI verlangt die Open Source Initiative neben den Modellparametern auch den vollständigen Code zum Trainieren und Ausführen des Systems sowie ausreichend detaillierte Informationen über die Trainingsdaten, damit ein vergleichbares System nachvollzogen werden kann. Ein Modell, bei dem zwar die Gewichte verfügbar sind, jedoch Trainingsdaten, Trainingsprozess oder zentrale Codebestandteile nicht offengelegt werden, ist daher als Open Weight zu bezeichnen.

US-amerikanische Entwickler werfen chinesischen KI-Unternehmen vor, eine als „Destillation“ bekannte Technik missbräuchlich zu nutzen, um Funktionen ihrer Modelle nachzubilden. Insbesondere Anthropic fordert strengere Beschränkungen. US-Politiker warfen zudem die Frage auf, ob westliche Unternehmen, die in China entwickelte Modelle einsetzen, zusätzliche Sicherheitsrisiken eingehen könnten.