RZ-Infrastrukturboom: Klimarisiken werden zum Enterprise-Risiko
Rechenzentren gelten als Rückgrat der digitalen Wirtschaft. Doch physische Klimarisiken, steigende Versicherungskosten und fragile Energie- und Lieferketten verändern die Kalkulation für Betreiber und Enterprise-Kunden.
Die weltweiten Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) und digitale Infrastrukturen erreichen historische Höchststände. Doch ein aktueller globaler Bericht der Analysten von XDI (Cross Dependency Initiative) zeigt, dass physische Klimarisiken bislang häufig nicht mit derselben Priorität bewertet werden wie Stromverfügbarkeit, Latenz, Grundstückskosten oder Netzanschlüsse. Für Enterprise-Verantwortliche, Cloud-Betreiber, CFOs, Risk Manager und institutionelle Investoren wird diese Lücke zunehmend zu einem Standort-, Finanzierungs- und Kontinuitätsrisiko.
Für seine 2026 Global Analysis of Planned Data Centres for Physical Climate Risk and Resiliencehat XDI weltweit 2.595 geplante Rechenzentren untersucht. Die Analyse zeigt, dass 154 dieser zukünftigen Anlagen – also knapp 6 Prozent – bereits im Jahr 2026 unter Standard-Bauszenarien mit niedriger Resilienz als „High Risk“ eingestuft werden. In diesen Regionen könnten erhebliche physische Schäden an der Bausubstanz durch Extremwetter drohen, was die langfristige Anlagenperformance, die Versicherbarkeit und die Finanzierung großer digitaler Infrastrukturprojekte beeinflussen kann.
Besonders ausgeprägt ist das Risiko im asiatischen Raum:
- In Südostasien werden 20 Prozent der geplanten Rechenzentren als hochgradig gefährdet eingestuft.
- In Ostasien liegt dieser Anteil bei 13 Prozent.
- Südasien folgt eng mit 12 Prozent.
Bis zum Ende des Jahrhunderts wird prognostiziert, dass sich das Schadensrisiko in diesen Wachstumsregionen mindestens verdreifachen wird.
Fokus Europa und Deutschland
Europa liegt laut XDI bei 7 Prozent hochgefährdeter geplanter Rechenzentren; der durchschnittliche Schadenrisikoanstieg bis 2100 fällt mit 289 Prozent jedoch erheblich aus. Damit wirkt der Kontinent auf den ersten Blick weniger exponiert als Süd- oder Südostasien, weist aber langfristig deutlich steigende Resilienzanforderungen auf.
Besonders deutlich zeigt sich das Dilemma in Frankreich: Das Land zog im Jahr 2025 mit 69 Milliarden US-Dollar weltweit die meisten ausländischen Direktinvestitionen im Rechenzentrumssegment an. Dennoch klassifiziert XDI 26 Prozent der dort geplanten Anlagen bereits für 2026 als „High Risk“. In der Region Nouvelle-Aquitaine weist sogar jedes der geplanten Objekte ein hohes Risiko durch Küstenüberflutungen auf – unabhängig davon, ob niedrige oder fortgeschrittene Resilienzstandards angewendet werden.
Auch der deutsche Markt steht vor spezifischen Herausforderungen. Für Deutschland wurden 79 geplante Rechenzentren in die Analyse einbezogen:
- 5 Prozent der geplanten deutschen Kapazitäten gelten unter niedrigen Resilienzkriterien als „High Risk“.
- Durch hochentwickelte Engineering- und Resilienzstandards lässt sich dieser Anteil auf 1 Prozent senken.
- Das durchschnittliche Schadensrisiko für die hiesigen Anlagen steigt bis 2100 um 135 Prozent.
- Der primäre Risikotreiber für deutsche Standorte sind Oberflächenüberflutungen, beispielsweise durch plötzlichen Starkregen.
- Auf subnationaler Ebene nennt XDI Berlin explizit als Risikostandort: Von acht analysierten geplanten Anlagen werden unter niedrigen Resilienzannahmen 25 Prozent als High Risk eingestuft; unter fortgeschrittenen Standards sinkt dieser Anteil auf 0 Prozent.
Klimametriken ausgewählter globaler Investment-Hubs
Die Analyse verdeutlicht die Diskrepanz zwischen massiven Kapitalzuflüssen und den physikalischen Risiken bei standardmäßiger Bauweise (Low Resilience Settings). Ergänzend dazu meldete UNCTAD, dass angekündigte ausländische Direktinvestitionen in Rechenzentren 2025 weltweit auf mehr als 270 Milliarden US-Dollar stiegen und damit über ein Fünftel der globalen Greenfield-Projektwerte ausmachten.
- In den USA wurden 1.562 geplante Rechenzentren analysiert; 4 Prozent gelten bereits 2026 als „High Risk“; bis 2100 wird mit einem Risikoanstieg um 86 Prozent gerechnet. Haupttreiber sind Oberflächenüberflutungen, während die ausländischen Investitionen 2025 bei 29 Milliarden US-Dollar lagen.
- Großbritannien weist mit 162 analysierten Projekten ebenfalls einen High-Risk-Anteil von 4 Prozent auf, muss jedoch mit einem Risikoanstieg von mehr als 300 Prozent rechnen; hier dominieren Flussüberschwemmungen.
- In Deutschland gelten 5 Prozent der 79 geplanten Rechenzentren unter niedrigen Resilienzkriterien als hochgefährdet. Der erwartete Risikoanstieg liegt bei 135 Prozent; primärer getrieben von Oberflächenüberflutungen.
- Besonders auffällig ist Frankreich: Dort gelten 26 Prozent der 38 analysierten Projekte bereits 2026 als hochriskant, vor allem aufgrund von Küstenüberflutungen; der Risikoanstieg bis 2100 liegt ebenfalls bei mehr als 300 Prozent.
- In Südkorea wurden 27 geplante Rechenzentren untersucht, 22 Prozent davon fallen in die High-Risk-Kategorie. Auch hier sind Oberflächenüberflutungen der wichtigste Risikotreiber, bei einem erwarteten Risikoanstieg von 135 Prozent und Investitionen von 21 Milliarden US-Dollar.
Die unsichtbare Gefahr: Indirekte Risiken
Ein kritischer Aspekt für das Enterprise-Risikomanagement ist, dass Rechenzentren hochgradig von ihrem logistischen und infrastrukturellen Umfeld abhängen. Selbst wenn ein Gebäude baulich auf bestimmte Extremwetterereignisse ausgelegt ist, bleibt der Geschäftsbetrieb gefährdet, wenn Stromversorgung, Kühlung, Wasserversorgung, Verkehrswege oder Glasfaseranbindungen ausfallen.
XDI untersuchte hierzu ein synthetisches Portfolio aus 138 bestehenden und geplanten Rechenzentren in Europa. Das Ergebnis: Sobald indirekte Risiken wie die Ausfallsicherheit von Stromnetzen, Telekommunikation, Wasserversorgung und globalen Lieferketten in die Kalkulation einbezogen werden, fällt der modellierte Produktivitätsverlust zehnmal höher aus als bei einer isolierten Betrachtung der direkten Schäden am Rechenzentrum selbst.
Zudem entwickelt sich extreme Hitze zu einem immensen Treiber für operative Störungen. In traditionell heißen Märkten wie Indien, Brasilien, Mexiko, Indonesien und Spanien weisen bereits 75 Prozent oder mehr der analysierten Standorte ein hohes Risiko für hitzebedingte Betriebsausfälle auf.
Doch die Wachstumsraten für Hitzerisiken steigen laut den Modellen auch in Regionen rasant an, die historisch als klimatisch moderat galten – darunter Frankreich, Kanada und Australien. Dies zwingt Enterprise-Architekten dazu, Kühlkonzepte und den damit verbundenen Energiebedarf völlig neu zu kalkulieren, um die Verfügbarkeitsvorgaben (wie Tier-III- oder Tier-IV-Zertifizierungen) einzuhalten.
Für Unternehmen verschiebt sich damit die Risikobetrachtung von einer reinen Gebäudeperspektive zu einem Betriebsmodell über mehrere Abhängigkeitsebenen hinweg: Asset Risk umfasst direkte Schäden an Gebäuden und technischer Infrastruktur, Operational Risk betrifft Ausfälle durch Hitze, Strom, Kühlung, Wasser oder Telekommunikation, und Financial Risk reicht von Versicherbarkeit über Finanzierungskosten bis hin zu Business-Interruption-Exponierung.
Ökonomische Folgen: Steigender Versicherungs- und Finanzierungsdruck
Für IT-Verantwortliche verschiebt sich die Debatte damit von einer rein technischen Verfügbarkeitsfrage hin zu einem harten finanziellen Risiko. Erreicht der jährliche erwartete finanzielle Schaden durch Klimaeinflüsse (Value at Risk) an einem Standort die kritische Schwelle von 1,0 Prozent des Gebäudewertes, gilt das Objekt als „High Risk“. Die Folgen können deutlich steigende Versicherungsprämien, restriktivere Deckungsbedingungen oder im Extremfall eine eingeschränkte Versicherbarkeit sein – mit direkten Auswirkungen auf die wirtschaftliche Tragfähigkeit der darauf aufsetzenden digitalen Geschäftsmodelle.
Die makroökonomischen Dimensionen dieser Entwicklung sind beträchtlich: Der Rückversicherer Swiss Re prognostiziert, dass die globalen Versicherungsprämien für Rechenzentrumsinfrastrukturen von heute 10,6 Milliarden US-Dollar bis 2030 auf 24,2 Milliarden US-Dollar steigen könnten.
Aus dem Swiss-Re-Bericht geht hervor, dass einzelne KI-Rechenzentrumsstandorte Baukosten von bis zu 20 Milliarden US-Dollar erreichen können; nach Installation von IT-Technik steigt die Wertekonzentration weiter.
Besonders relevant sind dabei Business Interruption, Loss of Rent und Service Interruption, da operative Risiken nach der Inbetriebnahme deutlich komplexer werden. Für Versicherer und Betreiber geht es deshalb neben Sachschäden vor allem um mögliche Mehrfachschäden an Gebäude, Technik, Mietern, Stromversorgung, Kühlung und Serviceverpflichtungen.
Hinzu kommen weitere versicherungsrelevante Naturgefahren. Swiss Re modelliert, dass mehr als ein Viertel der US-Rechenzentrumskapazität in Gebieten liegen könnte, in denen im langjährigen Mittel mindestens drei Großhagel-Tage pro Jahr auftreten; mehr als 40 Prozent könnten sich zudem in Zonen mit signifikantem bis sehr hohem Tornadorisiko befinden. Das ergänzt die XDI-Befunde zu Überflutungs- und Hitzerisiken um weitere relevante Exposure-Faktoren für Cloud- und KI-Infrastruktur.
Auch Energie- und Nachhaltigkeitsanforderungen erhöhen den Druck auf Betreiber und Enterprise-Kunden. Die Europäische Kommission verweist darauf, dass Rechenzentren weltweit rund 1,5 Prozent beziehungsweise 415 TWh des jährlichen Stromverbrauchs ausmachen; bis 2030 könnte dieser Wert auf 945 TWh steigen, vor allem durch energieintensives Accelerated Computing für KI. Parallel führen die Energy Efficiency Directive und die delegierte Verordnung EU/2024/1364 Berichtspflichten für Rechenzentren ein, unter anderem für Betreiber mit installierter IT-Leistung ab 500 kW. Damit werden Energieeffizienz, Wasserverbrauch, Abwärmenutzung und Klimaresilienz zunehmend Teil von Compliance, Lieferantenauswahl und SLA-Prüfung.
Fazit und Enterprise-Implikationen
Da sich ein Großteil der analysierten Kapazitäten noch in der Planungsphase befindet, existiert für Großunternehmen, Hyperscaler und Co-Location-Anbieter derzeit ein strategisches Zeitfenster. Risiken sind nicht unveränderlich; gezielte Investitionen in fortschrittliche Baustandards und eine rigorose Standort-Due-Diligence können das physische Risiko nachweislich minimieren.
Für CIOs, CTOs, CFOs, Risk Manager, Procurement und Legal/Compliance ergeben sich daraus drei klare Handlungsempfehlungen:
- Erweiterung der Standort-Kriterien: Bei der Standortwahl dürfen künftig nicht mehr nur Latenzen, Grundstückspreise und Stromverfügbarkeit entscheiden. Physische Klimarisiko-Modellierungen, lokale Überflutungsrisiken, Hitzeentwicklung und Infrastrukturabhängigkeiten gehören zwingend in den Core-Prozess der Due Diligence.
- Überprüfung von Provider-SLAs und Lieferantenrisiken: Bei der Anmietung von Co-Location-Flächen müssen Betreiber explizit nach ihren Resilienzstrategien für indirekte Risiken gefragt werden – darunter Netzausfälle, Kühlung bei anhaltenden Hitzeperioden, Wasserverfügbarkeit, Telekommunikationsanbindung und Lieferkettenabhängigkeiten.
- Klimaresilienz als Business-Case und Compliance-Faktor: Die potenziellen Mehrkosten für hochentwickelte, resilientere Bauweisen amortisieren sich nicht nur über die langfristige Absicherung der Betriebskontinuität und niedrigere Versicherungsprämien. Sie werden auch für Finanzierung, regulatorische Berichtspflichten, Lieferantenauswahl und belastbare digitale Geschäftsmodelle relevanter.