Industrielle IT: KI und Souveränität verändern die Cloud-Architektur

In der modernen Fertigungsindustrie, aber auch in der gerade unter großem Transformationsdruck stehenden europäischen Automobilindustrie wandelt sich die Rolle der Informationstechnik derzeit grundlegend. Eine radikale Abkehr von US-Hyperscalern bedeutet das nicht in jedem Fall.

(Foto: Gerd Altmann/Pixabay)

Während das Cloud Computing jahrelang vor allem als flexible und kostengünstige Infrastruktur für klassische Verwaltungsanwendungen diente, rückt es im Zeitalter der industriellen Künstlichen Intelligenz direkt an die Schnittstelle der primären Wertschöpfung. Der flächendeckende Einsatz von KI-Verfahren verändert somit nicht nur die operativen Prozesse in den Fabriken. Der immer breitere KI-Einsatz stellt auch vollkommen neue Anforderungen an die zugrundeliegende digitale Architektur.

Szenarien wie die Erstellung digitaler Zwillinge, hochkomplexe 3D-Simulationen in Echtzeit, KI-gestützte Ingenieursarbeit oder das autonome Steuern weltweiter Lieferketten erfordern eine Rechenleistung, die mit herkömmlichen IT-Systemen kaum abzubilden ist. Industrielle KI-Workloads erzeugen keine gleichmäßigen Lastprofile, sondern verlangen kurzfristige Leistungsspitzen, äußerst geringe Signallaufzeiten für verzögerungsfreie Entscheidungen sowie einen massiven Einsatz spezialisierter Grafikprozessoren.

Diese technologische Dynamik trifft auf eine Branche, die derzeit fast durchweg unter hohem Transformationsdruck steht, da kürzere Produktlebenszyklen und softwarebasierte Fahrzeugarchitekturen das Tempo vorgeben. Gleichzeitig zwingen neue europäische Regulierungen wie der Data Act, der AI Act oder die NIS2-Richtlinie die Unternehmen dazu, den Umgang mit Daten neu zu bewerten.

Anbieterlandschaft im Wandel

Vor diesem Hintergrund hat sich im europäischen Markt eine differenzierte Anbieterlandschaft entwickelt. Heimische Cloud-Dienstleister werben um Industriekunden, indem sie den Fokus auf Vertrauen, rechtliche Sicherheit und den Schutz des geistigen Eigentums legen. Anbieter wie T-Systems, StackIT aus der Schwarz-Gruppe, Ionos oder OVHcloud betonen, dass ihre Rechenzentren ausschließlich europäischem Recht unterliegen und somit vor dem Zugriff ausländischer Behörden (z. B. via US Cloud Act) geschützt sind.

Doch auch die großen US-amerikanischen Hyperscaler wie AWS, Microsoft und Google haben den Trend längst erkannt und reagieren auf den wachsenden Souveränitätsbedarf. In Zusammenarbeit mit europäischen Partnern oder über speziell isolierte Rechenzentren bieten sie souveräne Landing Zones an, bei denen beispielsweise die Schlüsselverwaltung oder der operative Betrieb in europäischer Hand verbleiben. Ergänzend setzen viele Anbieter auf offene Standards und Open-Source-Technologien wie Kubernetes, um den Kunden Wechselfreiheit zu garantieren und der Angst vor einer langfristigen Anbieterabhängigkeit entgegenzuwirken.

Pragmatischer Multi-Cloud-Ansatz

Trotz des europaweit geschärften Bewusstseins für digitale Souveränität zeigt sich in den Unternehmen ein differenziertes Bild hinsichtlich der Zusammenarbeit mit globalen Anbietern. Von einer radikalen Abkehr von den US-Hyperscalern kann in der Praxis nicht durchweg die Rede sein. Eine vollständige Entkopplung erweist sich für die meisten Industrieunternehmen als unpragmatisch, da die etablierten Ökosysteme, die Innovationsgeschwindigkeit bei KI-Tools und die weltweite Skalierbarkeit der größten Anbieter kurzfristig nicht gleichwertig ersetzt werden können. Die europäische Industrie entscheidet sich daher oftmals für einen pragmatischen Multi-Cloud-Ansatz. Dabei werden unkritische Standardanwendungen weiterhin über die Public Clouds der globalen Anbieter betrieben, während datensensible Kernprozesse, Geschäftsgeheimnisse und proprietäre KI-Modelle in geschützte, europäische Cloud-Umgebungen verlagert werden.

Mehr Souveränität ohne Bremspedal

Für IT-Verantwortliche in europäischen Unternehmen ergibt sich daraus die Herausforderung, eine durchdachte Strategie für die eigene digitale Souveränität zu entwickeln, ohne die eigene Innovationskraft zu bremsen. Der erste Schritt sollte in einer klaren Klassifizierung aller Daten und Workloads nach ihrer Sensibilität bestehen. Öffentliche Daten und allgemeine Geschäftsprozesse erfordern andere Schutzmechanismen als geschäftskritische Betriebsdaten oder eigene Algorithmen.

Auf dieser Basis sollte eine flexible Systemarchitektur aufgebaut werden, die auf Containerisierung und offenen Schnittstellen basiert, um die Flexibilität zu wahren. Die praktische Umsetzung erfolgt idealerweise in drei Phasen: Nach der Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen und der Governance werden in einer zweiten Phase sensible KI-Anwendungen auf souveräne Infrastrukturen migriert. Abschließend sorgt eine Abstraktionsschicht mittels Open-Source-Software dafür, dass die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern dauerhaft minimiert wird.

Operative Resilienz stärken

Eine solche souveräne IT-Architektur bietet den Unternehmen entscheidende strategische Vorteile. Neben der verlässlichen Einhaltung europäischer Datenschutz- und Sicherheitsstandards schützt sie vor allem das geistige Eigentum vor ungewolltem Abfluss. Zudem erhöht die Reduzierung einseitiger Abhängigkeiten nicht nur die Verhandlungsposition gegenüber Technologieanbietern, sondern stärkt auch die operative Widerstandsfähigkeit des gesamten Unternehmens im Falle weiterer, geopolitischer Verwerfungen.