Digitale Selbstbestimmung und das Dilemma der kognitiven Dissonanz
Souveränität bewahren – Innovation gestalten: Unternehmen zwischen Kontrolle und äußerem Druck
Fast alle Unternehmen räumen digitaler Souveränität hohe Priorität ein. Aktive Maßnahmen zur Umsetzung führen jedoch nur die Hälfte ein. Das liegt auch am Druck, KI schnell umsetzen zu wollen – und Kontrolle und Datenhoheit notfalls hintenanzustellen.
"Unternehmen sehen sich häufig mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie den Einsatz von KI beschleunigen oder ihre digitale Souveränität erhalten wollen - doch das ist ein falscher Kompromiss", warnt Margaret Dawson, Chief Marketing Officer bei Suse.
Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind und diese Kluft schmerzvoll belastend wirkt, diagnostizieren Psychologen eine kognitive Dissonanz. Ein solches Fazit ergibt sich aus einer aktuellen Studie von Suse. Für "Navigating Digital Resilience" befragte der Softwareanbieter 309 IT-Führungskräfte in Deutschland, Frankreich, Indien, Japan und den USA in Unternehmen aus 13 Branchen.
Denn mit seinem Open Source-Infrastruktur-Portfolio – darunter Linux, Rancher Prime und AI - adressiert Suse die vollständige Kontrolle über Daten, Modelle und Infrastruktur, "ohne von Hyperscalern abhängig zu sein", wie man betont.
Die Marktdominanz von US-Riesen wie AWS, Microsoft und Google bei Rechenzentren und Cloud-Diensten ist erheblich, ihr mehrere hundert Milliarden Dollar schweres Investitionsvolumen ist im Vergleich zu staatlichen EU-Aufträgen und Fördergeldern geradezu erdrückend. Zudem versprechen ihre Sovereign Clouds genau jene Wünsche nach digitaler Souveränität zu erfüllen.
Das Paradoxon der Souveränität
Fast alle Unternehmen (98 Prozent) räumen der digitalen Souveränität Priorität ein. Aber nur etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) ergreift aktiv Maßnahmen zu ihrer Verwirklichung.
Nach Ländern aufgeschlüsselt sieht die Lage so aus: 62 Prozent der Befragten in Indien geben an, dass digitale Souveränität als echte strategische Priorität eingestuft wird, in die sie aktiv investieren, gefolgt von jeweils 57 Prozent in Deutschland und Japan, 52 Prozent in den USA. Schlusslicht ist überraschenderweise die Grande Nation: Bei IT-Verantwortlichen im so stolzen Frankreich liegt die Priorität beim Thema digitale Souveränität bei lediglich 39 Prozent.
Richtig ernst nehmen das Thema laut der Studie nur jene 45 Prozent, die es als Kriterium bei der Anbieterauswahl in ihre Ausschreibungen aufnehmen. Also auch hier schlägt die kognitive Dissonanz zu, wie Suse das Paradox nennt.
Warum überhaupt digitale Souveränität?
Man könnte meinen, die IT-Entscheider sind sich den zunehmend geopolitischen Risiken bewusst, sehen, dass gehostete Applikationen im schlimmsten aller Fälle auf politischen Druck abgeschaltet werden können. Dass neben Business Continuity auch Datenhoheit und Kontrolle über das Rechenzentrum essenziel sind in einer unsicher gewordenen Welt. Doch die intrinsische Motivation für den Aufbau digitalsouveräner IT-Infrastruktur ist den Ergebnissen der Suse-Studie zufolge eher gering.
41 Prozent geben an, dass sie nur dann Maßnahmen zur Wahrung der Souveränität ergreifen, wenn Kunden oder gesetzliche Vorschriften dies erfordern. "Das deutet darauf hin, dass Druck von außen nach wie vor der Haupttreiber ist", so die Schlussfolgerung. Dabei wären Resilienz und Risikomanagement in einer KI-getriebenen Ökonomie essenziell.
Höhere Kosten für digitalsouveräne Ambitionen sind nicht verantwortlich für die Zurückhaltung. Bei einer Budgeterhöhung um rund 20 Prozent würden Unternehmen KI klar über das Thema Souveränität stellen, so ein Ergebnis der Suse-Befragung. "Das lässt vermuten, dass der Druck zur Einführung von KI möglicherweise größer ist als die Bemühungen, die damit verbundenen Risiken zu bewältigen", vermutet der Open-Source-Pionier.
Dabei wäre gerade KI ein Hauptgrund, sich unabhängig von Public-Cloud-Infrastrukturen zu machen. 64 Prozent der IT-Führungskräfte aus der Suse Umfrage meinen, dass die Transparenz von KI – also die Kontrolle über Modelltraining und KI-Herkunft – in den kommenden fünf Jahren der wichtigste Faktor für digitale Resilienz sein werde. Künstliche Intelligenz entwickele sich zum "Motor für digitale Resilienz", sei aber auch eine Quelle zunehmender Komplexität, so Suse.
Die Definitionen von digitaler Resilienz variiere zwar. Im Grundsatz seien sich Unternehmen aber einig darüber: Es gehe um Kontrolle, um Cybersicherheit und Bedrohungserkennung und darum, in immer komplexeren, KI-gesteuerten Umgebungen die Kontrolle zu behalten, so ein Ergebnis der Studie.
"Unternehmen sehen sich häufig mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie den Einsatz von KI beschleunigen oder ihre digitale Souveränität erhalten wollen - doch das ist ein falscher Kompromiss", warnt Margaret Dawson, Chief Marketing Officer bei Suse. "Sovereign AI schafft die Grundlage dafür, beides zu verbinden, indem Kontrolle, Compliance und Innovation gemeinsam verankert werden", sagt Dawson.
Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Schwester-Website CRN.