DeepSeek: Zwischen strategischer Zurückhaltung und innerer Stärke

Laotses Lehren als Blaupause für DeepSeeks KI-Strategie? Wie Bescheidenheit und ein starker Wille China zu neuer Stärke verhilft.

Bild: KI


Einblicke aus einem Investorentreffen mit DeepSeek-Gründer Liang Wenfeng zeichnen das Bild eines ungewöhnlichen Unternehmers und der neuen Stärke Chinas – verkörpert durch Unternehmen, die Geopolitik durch extreme Effizienz, neue Software-Paradigmen und eine Abkehr von traditioneller Profitmaximierung kompensieren. Die asiatische Kultur wirkt ruhig und gelassen; Gründer sind eher zurückhaltend. Lautstarke Selbstpräsentation, wie sie bei den Tech-Bros im Silicon Valley üblich ist – untypisch im Reich der Mitte. Umso überraschender ist die Veröffentlichung des Gesprächs.

Absicht? Die Quellen sind inzwischen wieder aus dem Internet verschwunden. Alle? Schwierig. Das Internet vergisst nichts. Wir haben Fred Gaos Transkript für “Inside China” gelesen. Was waren die technologischen, wirtschaftlichen und strategischen Kernpunkte des rund vierstündigen Austauschs?

Vision und Restraint als Geschäftsprinzip

Wenfeng betont wiederholt das Prinzip der "Zurückhaltung" (Restraint). DeepSeek strebe nicht danach, den maximalen monetären Wert aus seinen Modellen zu pressen. Das Preismodell für API-Zugänge (wie das V3.2 Flash Modell) ist so kalkuliert, dass sich die Hardware-Kosten nach etwa zehn Monaten amortisieren. Dies entspricht laut Wenfeng etwa einer sechsfachen Gewinnmarge – signifikant weniger, als der Markt hergeben würde, aber absolut ausreichend.

Diese aggressive, aber profitable Preisgestaltung macht es Drittanbietern de facto unmöglich, quelloffene DeepSeek-Modelle auf eigener Hardware günstiger zu betreiben. Open Source wird hier nicht nur als altruistischer Akt, sondern als strategischer Burggraben verstanden.

Wenn der KI-Markt groß genug ist – Wenfeng geht davon aus, dass KI künftig bis zu 10 Prozent des globalen BIP ausmachen könnte –, sei das Streben nach Monopolen historisch zum Scheitern verurteilt. Wer weniger vom Kuchen beanspruche, habe die besseren Überlebenschancen.

Die AGI-Roadmap: Das Nadelöhr des kontinuierlichen Lernens

Die technologische Vision von DeepSeek zielt strikt auf Artificial General Intelligence (AGI). Wenfeng skizziert eine klare Entwicklungstreppe: Nach Fortschritten bei Chain-of-Thought (CoT) befinde man sich aktuell auf der Stufe der KI-Agenten. Das nächste große und weltweit ungelöste Problem sei das "Continuous Learning". Aktuelle Modelle können Aufgaben im Rahmen ihres Kontextfensters übermenschlich gut lösen, scheitern aber daran, wie ein menschlicher Mitarbeiter über Wochen hinweg organisch in eine Rolle hineinzuwachsen.

Sobald das Problem des kontinuierlichen Lernens gelöst ist, rechnet Wenfeng mit einer Art Singularität, bei der die KI die Entwicklung der nächsten KI-Generation selbständig beschleunigt. Erst am Ende dieser Kette steht für DeepSeek die "Embodied Intelligence", also Robotik, die physische Arbeit in der realen Welt übernimmt.

Der Hardware-Graben und das Ende des CUDA-Monopols

Die größte Hürde im Vergleich zu US-Konkurrenten wie OpenAI oder Anthropic ist der Mangel an Rechenleistung. DeepSeek operiert aktuell mit rund 20.000 H-äquivalenten GPUs. Ein 800-Milliarden-Parameter-Modell der US-Konkurrenz zu trainieren, würde mehr als das Zehnfache an Ressourcen erfordern. DeepSeek konzentriert sich daher auf effizientere Modelle (im Bereich von 50 Milliarden aktiven Parametern), um den Mangel an reiner Rechenpower durch intelligente Architekturen auszugleichen. Wenfeng schätzt den zeitlichen Rückstand gegenüber den USA auf etwa ein bis zwei Jahre.

Brisant für den Hardware-Markt sind Wenfengs Aussagen zur Nvidia-Dominanz: Der Burggraben des CUDA-Ökosystems von NVIDIA zerfalle rapide. DeepSeek nutzt intern bereits eine eigene Kompilierungssprache namens TileLang, um Hardware-Operatoren zu schreiben. Mit Hilfe von KI-generiertem Code lässt sich das Nvidia-Ökosystem so umschiffen.

Dies ebne zudem den Weg für heimische Chips wie den Huawei 950. Obwohl Huawei derzeit nur begrenzte Kapazitäten liefern kann (DeepSeek nutzt etwa 16.000 dieser Karten), sieht Wenfeng hier mittelfristig keine Hürden mehr für die Software-Ökosysteme, sondern lediglich ein lösbares Produktionskapazitätsproblem.

Fokus auf das Kernteam statt auf Überstunden

Organisatorisch geht das Unternehmen ebenfalls eigene Wege. Es gibt keine klassischen KPIs für die Forschung. Die Vorgabe lautet, dass maximal 50 Prozent der Arbeitszeit für "formale" Top-down-Projekte aufgewendet werden. Der Rest steht für freie, explorationsgetriebene Forschung zur Verfügung. Eine Überstundenkultur wird abgelehnt, da grundlegende KI-Forschung einen kreativen und entspannten Geist erfordere. Die absolute Priorität des Unternehmens ist die Stabilität und das Halten des Kernteams – laut Wenfeng das einzige wirkliche Kerninteresse und die Voraussetzung, um das Ziel der AGI zu erreichen.

Fazit

DeepSeek positioniert sich als hochgradig fokussiertes Forschungsunternehmen, das alles dem großen Ziel der AGI unterordnet. Durch den Abbau der Abhängigkeit von NVIDIA und einer Preisstrategie, die den Wettbewerb durch schiere Effizienz unterbietet, baut DeepSeek eine Marktposition auf, die Chinas geopolitische Herausforderungen gezielt in einen Innovationsmotor umwandelt.

Wenfeng inszeniert sich nicht als Eroberer eines Marktes. Der DeepSeek-Gründer bleibt bescheiden im Ton und steuert zugleich mit bemerkenswertem Willen auf ein sehr großes Ziel zu. DeepSeeks Rolle sieht er als Beitrag zu einem größeren technologischen Ökosystem.

“Wir waren schon immer sehr zurückhaltend und hatten keine Lust, uns mit irgendeinem Internetgiganten oder kleineren Unternehmen anzulegen. Ich hoffe, dass ich sie stärken oder allen dabei helfen kann, das zu schaffen. Das ist, wie wir schon gesagt haben, auch Teil unserer geschäftlichen Ausrichtung.

Unter dieser Prämisse sind wir sehr bereit, jedem zu helfen und zu unterstützen – sogar unseren Konkurrenten wie Alibaba, Zhipu und Moonshot –, damit sie besser werden. Denn wir haben nichts zu verlieren – wir sind ohnehin Open Source, und Open Source bedeutet auch, keine allzu scharfen Grenzen zu ziehen, wie Dinge zu tun sind – wir hoffen, dass ihr es nachmachen könnt; wenn ihr es nicht nachmachen könnt, sagt einfach Bescheid, und ich erkläre euch, wie es geht.”

Damit bekommt Wenfengs Haltung eine fast laotsehafte Note: Wahre Stärke muss nicht laut auftreten, um wirksam zu sein.