Windows 10 Support endet am E-Waste-Day
Die Ironie: Upgrades können Elektroschrott verursachen
Im Oktober 2025 endet der offizielle Support für das Betriebssystem Windows 10. Nutzenden empfiehlt Microsoft, auf das neuere Betriebssystem Windows 11 umzustellen. Tonnen von Elektroschrott könnten die Folge sein. Die besondere Ironie: Der Stichtag für die Umstellung auf Windows 11 fällt ausgerechnet auf den 14. Oktober 2025, den internationalen E-Waste-Day, an dem auf das Problem der weltweit steigenden Menge an Elektroschrott aufmerksam gemacht wird.
Die Umstellung auf Windows 11 könnte Staat und Wirtschaft vor eine immense Herausforderung stellen: Das Upgrade erfordert den Einsatz modernster Hardware. Im Zuge der Umstellung könnten deswegen Unmengen an funktionsfähigen Laptops und Rechnern entsorgt werden. Bereits 2021 warnte die Nachrichtenagentur Reuters davor, dass weltweit bis zu 240 Millionen PCs betroffen sein könnten, was 480 Millionen Kilogramm Elektroschrott entspräche.
Schätzungen gehen von rund 32 Millionen PCs mit Windows 10 in Deutschland aus. Ein Großteil dürfte auf Privathaushalte entfallen. Aber auch Organisationen könnten betroffen sein.
Dabei kommt das Ende nicht überraschend. Das neuere Windows 11 gibt es seit 2021. Bleibt Microsoft bei seinen Release-Zeiträumen von sechs Jahren (XP, Windows 10) könnte in zwei Jahren bereits das nächste große Upgrade folgen.
Ein Jahr Aufschub gegen Geld
Unternehmen – und erstmals auch Privatpersonen – können sich ein Jahr Aufschub erkaufen. Bis zum 13. Oktober 2026 will Microsoft weiterhin Sicherheitsupdates bereitstellen. Das verschiebt das Problem jedoch nur.
Oftmals sind es einfach Kostengründe, warum vor allem kleinere Organisationen ein Upgrade auf die lange Bank schieben. Lizenzkosten sind dabei nur ein Grund, warum ältere Betriebssysteme so beliebt sind. Oft sehen Unternehmen einfach keine Notwendigkeit für eine risikoreiche Migration – vor allem, wenn ein System reibungslos funktioniert und die Anforderungen erfüllt.
Es gibt jedoch auch stichhaltige Argumente, die gegen eine Umstellung sprechen.
Die Migration könnte bei Legacy-Anwendungen, die für den Geschäftsablauf unerlässlich sind, zu Datenverlust oder Funktionsstörungen führen.
Auch könnte die zwingende Nutzung von Cloud-Diensten in neueren Windows-Versionen, standardmäßig aktivierte KI-Funktionen oder Sprachassistenten sowie die automatisierte Erfassung von Metriken beim Hersteller einige Anwender abschrecken. Nicht alle dieser Funktionen lassen sich ohne Weiteres abschalten. Die stärkere Integration von Microsoft-Konten und die Verlagerung von Funktionen in die Cloud machen die Cloudnutzung zunehmend von der Kür zur Pflicht.
Abhängigkeiten und hohe Kosten
Peter Ganten, Vorstandsvorsitzender der Open Source Business Alliance – Bundesverband für digitale Souveränität e.V., sagt: „Die negativen Konsequenzen aus Abhängigkeiten von proprietärer Software für Staat und auch für die Wirtschaft sind unübersehbar.”
Und diese Abhängigkeiten werden durch den weiteren Kauf proprietärer Software verstärkt: Bei der Bundesverwaltung sind im Jahr 2023 mehr als eine Milliarde Euro alleine für Lizenzkosten monopolartiger Software-Unternehmen ausgegeben worden.
Doch nicht nur die Abhängigkeiten sind ein Problem. Ganten sagt weiter: “Dabei geht es nicht nur um Gefahren wie Spionage oder die Sperrung von Daten.”
Wie nach der Übernahme von VMware durch Broadcom könnten ganze Geschäftsmodelle von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt werden. Viele Service Provider und KMU suchten Alternativen, nachdem sich die Lizenz- und Produktphilosophie unter Broadcom grundlegend änderte. Vor allem die zu erwartenden höheren Lizenzkosten motivierten viele zum Umdenken.
Speziell Lizenzkosten werden als Argument gegen proprietäre Software genannt. “Würde man einen Teil dieses Geldes in qualitativ hochwertige, fachmännisch gepflegte und ebenso betriebene Open Source Software und entsprechenden Support lenken, würde man für weniger Geld mehr Leistung, Flexibilität und Unabhängigkeit bekommen. Der Staat würde dann auch von stärkerem Wettbewerb unter den Dienstleistern profitieren, und könnte sich die Kosten für Weiterentwicklungen mit anderen Behörden teilen oder bereits entwickelte Software nutzen”, sagt Ganten.
Auf der Suche nach Alternativen
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt, auf ein Linux-basiertes Open-Source-Betriebssystem zu wechseln. Auch Ganten plädiert für den Wechsel auf quelloffene Betriebssysteme: „Studien der EU-Kommission und der Harvard Business School belegen, dass durch den Einsatz von Open Source Software nicht nur die digitale Souveränität gestärkt wird, sondern dass auch Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Wirtschaftswachstum gesteigert werden. Eine Investition in Open Source Software ist also eine nachhaltig wirtschaftliche Investition in digitale Souveränität, Handlungsfähigkeit, Kontrolle über die eigene Software, und gleichzeitig auch Wirtschaftspolitik zur Leistungsfähigkeit und Entwicklung der deutschen und europäischen IT-Industrie.“
Und tatsächlich scheinen sich mehr Nutzende für ein Open-Source-Betriebssystem auf ihrem PC zu interessieren, damit sie ihre Hardware weiter nutzen können. Unterstützt werden Anwender von Initiativen wie der endof10-Bewegung oder gemeinnützigen Organisationen, die bei der Umstellung helfen.
Studien der EU-Kommission und der Harvard Business School belegen, dass Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Wirtschaftswachstum durch den Einsatz von Open Source Software gesteigert werden können. Eine Investition in Open Source Software ist eine nachhaltig wirtschaftliche Investition in digitale Souveränität, Handlungsfähigkeit, Kontrolle über die eigene Software, und gleichzeitig auch Wirtschaftspolitik zur Leistungsfähigkeit und Entwicklung der deutschen und europäischen IT-Industrie.
Um diese Vorteile und die nachhaltig wirtschaftlichen Effekte zu nutzen und das Potential von Open Source Software zu heben, benötigen Organisationen und Behörden jedoch eine Gesamtstrategie. Berlin oder auch Länder wie Schleswig-Holstein werden gern als Beispiele genannt..
Open Source? Ja! Aber bitte nur im Rechenzentrum.
Schaut man genauer hin, sind die Alternativen im Desktop-Bereich überschaubar. Das Open-Source-Kompetenzzentrum des Berliner ITDZ ist stolz: “Drei Viertel der Server- und Datenbankinfrastruktur des ITDZ Berlin sind inzwischen Open Source.” In der schleswig-holsteinischen Digitalstrategie kommt das Wort Open Source nur ein einziges Mal vor: “Alle Komponenten nutzen die XÖV-Standards (Open Source Standard) zum Austausch von Daten und (Meta-)Informationen.” Die umfassendste Open-Sorce-Strategie hat nach unseren Recherchen der Freistaat Sachsen.
Auch die Praxis zeigt ein eher verhaltenes Bild. Als Beispiele werden der auf Matrix-basierende Messenger der Bundeswehr oder Berliner Projekte wie Kita-Sucher, Prüftool für Geodaten und Berliner Open Data genannt. Vereinzelt sind die Einführung der Software LibreOffice für die Bürokommunikation oder die Prüfung von Ablösemöglichkeiten bestehender E-Mail-Kommunikationslösungen durch ein Open-Source-Produkt thematisiert.
Der Einsatz von Open Source an behördlichen Arbeitsplätzen ist regelmäßig ein Thema. Tatsächlich hat noch keiner einen wirklichen Wechsel geschafft. Den ernsthaftesten Versuch machte die Stadt München, die bereits 2006 begann, Windows-Geräte durch die sogenannten LiMux-Clients abzulösen (Geräte mit Linux-Betriebssystem und Open-Source-Anwendungen wie Open- bzw. später LibreOffice, Mozilla Firefox und Thunderbird, Gimp oder Okular). Die Migration wurde durch die Abkündigung von Microsoft Windows NT4 für Workstations ausgelöst. Ende 2017 beschloss der Münchner Stadtrat die Rückmigration auf Microsoft Windows. Über die Gründe wird bis heute spekuliert. Insider berichteten immer wieder von technischen Problemen und Inkompatibilitäten speziell interbehördlich. Unter Nutzern war die Akzeptanz zudem gering, was möglicherweise an mangelnder Transparenz und den Schulungskonzepten lag – die gleichen Fehler, die heute KI-Projekte zum Scheitern verurteilen.
Durchgesetzt hat sich Open Source bisher eher im Rechenzentrum. Die gesamte Cloud-Infrastruktur basiert auf Open Source. In diesem Bereich gibt es auch die bekanntesten Erfolgsgeschichten. Zum Beispiel migrierte Amadeus 2008 sein leistungsstarkes Dateiverwaltungssystem und eine Vielzahl von Legacy-Anwendungen weg von BS2000-Großrechnern hin zu einer offenen Infrastruktur. Einen Teil der Anwendungen stellt das Unternehmen selbst als quelloffen auf GitHub zur Verfügung.
Fallbezogen entscheiden
Im professionellen Bereich kann Open Source auch für Anwender eine Option sein. Wie bei jeder Strategie muss im Vorfeld genau überlegt werden, welcher Prozess unterstützt und welche Aufgaben erledigt werden müssen. So kann z. B. Nextcloud ein adäquater Ersatz für die teamübergreifende Zusammenarbeit sein – besonders in einer Datenschutz-First-Strategie. 40.000 Mitarbeiter des Landes Schleswig-Holstein nutzen bereits den Dienst. Auch die Infrastruktur der Helmholtz-Cloud basiert auf der SharePoint-Alternative.
Im Landkreis Harz greifen an 33 Schulen Lernende und Lehrende mit Open-Source-Anwendungen auf E-Mails und Schuldokumente zu. 11.000 Computer betreut der Landkreis inzwischen.
2008 migrierte die Bundesagentur für Arbeit insgesamt 13.000 Selbstinformationsplätze auf das offene Betriebssystem OpenSUSE. Es ist eines der wenigen NT-Migrationsprojekte, das nicht auf Microsoft rückportiert wurde.
Zwar ist Microsoft nach wie vor Marktführer. Aber Projekte wie die Schulrechner im Landkreis Harz oder die Selbstinformationsplätze der BA stärken die Souveränität und zeigen, dass Open Source durchaus auch am Desktop eine Alternative sein kann.
Es muss ja nicht gleich Linux sein
Wer sich noch nicht an Open Source herantraut, kann dennoch die Umstellung für eine Migration nutzen und in Zukunft nachhaltiger agieren. Eine Alternative zu klassischen Windows-Rechnern sind MacBooks von Apple. Längere Software-Releasezyklen und die robuste Apple-Hardware erhöhen die Lebensdauer (und den Wiederverkaufswert). TCO-Vergleiche ergaben zudem, dass die Gesamtbetriebskosten für MacBooks um bis zu 543 USD günstiger sein können als für Windows-Rechner – trotz der höheren Anschaffungskosten. Ausschlaggebend waren vor allem die niedrigeren Verwaltungs- und Supportaufwände für Apple-Notebooks.