Wir speichern alles – und verlieren trotzdem unser Wissen

Warum unsere digitale Zivilisation ein Gedächtnis braucht und nicht nur Speicher – Interview mit Dr. Ina von Haeften

Bilduelle: ewigbyte / Credits: Sophie Reuter Photographie

In der Welt der Algorithmen und binären Codes wirken Geisteswissenschaftler oft wie Exoten. Doch wer Dr. Ina von Haeften trifft, merkt schnell: Hier spricht keine Theoretikerin, sondern eine Analytikerin mit Tiefgang. Als promovierte Psychologin mit einem Faible für quantitative Modellierung steuert sie gemeinsam mit den Mitgründern Dr. Steffen Klewitz und Phil Wittwer das Deep-Tech-Startup ewigbyte durch die stürmische See der Tech-Branche – und hat dabei das Wissen der Menschheit im Blick.

In der IT werden die Begriffe ‘Speichern’ und ‘Bewahren’ oft synonym verwendet – für Dr. Ina von Haeften ist das ein grundlegender Denkfehler. Speichern bedeute vor allem Verfügbarkeit für Anwendungen, Analysen und operative Nutzung. Entsprechend seien heutige Speichertechnologien auf Performance, Skalierung und Kosten optimiert. Bewahren hingegen verfolge ein völlig anderes Ziel: Informationen über Jahrzehnte, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende unverändert zu erhalten.

Historisch sei genau das gelungen – mit Stein, Papyrus, Glas oder Pergament. Paradoxerweise seien digitale Medien heute oft weniger langlebig als ihre analogen Vorgänger. Digitale Zivilisation, so von Haeften, brauche deshalb wieder ein verlässliches Gedächtnis.

Die Kehrseite moderner Datenhaltung

Daten verursachen nicht nur Kosten, sondern haben auch einen erheblichen Energiebedarf. Von Haeften schildert einen Moment, der für sie persönlich zum Wendepunkt wurde: Der Energiebedarf der Datenaufbewahrung liege bereits heute bei rund zwei Prozent des weltweiten Verbrauchs – eine Zahl, deren Tragweite vielen nicht bewusst sei.

Hinzu kommt: Große Teile dieser Daten werden nie wieder gelesen. Dennoch werden Geräte und Medien regelmäßig ersetzt – inklusive seltener Rohstoffe, die nach wenigen Jahren im Elektroschrott landen.

Für von Haeften ist klar: Dieses Modell ist weder nachhaltig noch zukunftsfähig. “Wir haben diese unglaublich wertvollen Daten. Allerdings sind die jetzigen Speichertechnologien bereits an die Grenze der Produzierbarkeit gekommen.”

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(Datenquelle: Research And Markets, John Monroe)

Dazu kommen weitere Aspekte wie Energiebedarf, Wasserverbrauch, CO₂‑Emissionen, Rohstoffe und E-Waste.

Die Speicher‑ und Serverinfrastruktur ist ein signifikanter, dauerhafter Energiefaktor. Die International Energy Agency (IEA) prognostiziert einen globalen Anstieg des Energiebedarfs von Rechenzentren auf 945 TWh bis 2030 – getrieben durch Cloud & KI.

Die EU fordert schon jetzt explizit Energieeffizienz und alternative Speicherstrategien ein. Genau an dieser Stelle setzt ewigbyte an. Die Grundidee: extrem kalte, aber wertvolle Daten nicht dauerhaft aktiv vorzuhalten, sondern sie in ein Medium zu überführen, das ohne Energiezufuhr stabil bleibt. Die Idee ist es, Informationen mit Licht auf Glas zu speichern – deterministisch, lesbar und ohne laufenden Energieverbrauch.

Ihre persönliche Motivation speist sich aus einer tiefen Bewunderung für die Vergangenheit. Geprägt durch ein humanistisches Gymnasium und ein Studium des Altgriechischen, sieht sie eine frappierende Kontinuität im menschlichen Wissen.

Für von Haeften ist die Geschichte kein staubiges Archiv, sondern ein lebendiger Schatz. „Ich habe gesehen, wie brisant und aktuell die Erkenntnisse der Vergangenheit sind. Es hat sich im Grunde wenig verändert.“

Ihre Vision ist es, Wissen nicht mit jeder Generation neu erfinden zu müssen, sondern es dauerhaft zu bewahren. Privat würde die leidenschaftliche Malerin vor allem ihre eigene Kunst für die nächsten 1000 Jahre bewahren wollen. Doch im Großen geht es ihr darum, das „Meer des Wissens“ lebendig zu halten, um den Zugriff auf philosophische und wissenschaftliche Schriften über Jahrhunderte hinweg zu ermöglichen.

Transparenz statt Cloud‑Magie

Langzeitarchivierung erlebt derzeit eine Renaissance: Mikrofilm, DNA‑Speicher, optische Verfahren. Von Haeften sieht darin keinen Wettbewerb, sondern unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Anwendungsfälle. DNA biete enorme Informationsdichte und Haltbarkeit, sei jedoch aktuell extrem teuer und langsam in Codierung und Decodierung.

Glas adressiere hingegen den gigantischen Berg kalter Daten, der heute bereits existiert und weiter wächst. Geschwindigkeit beim Schreiben und industrielle Skalierbarkeit seien hier entscheidend – weniger maximale Dichte.

Während herkömmliche Rechenzentren gegen den schleichenden Datenverfall – den sogenannten Bitrot – ankämpfen, setzt ewigbyte auf ein Material, das die Menschheit seit Jahrhunderten begleitet: Glas. Doch der Ansatz des Münchner Startups ist weit mehr als eine digitale Glasmalerei; es ist eine photonische Revolution im Bereich des Cold Storage.

Das Herzstück der technischen Lösung ist ein Femtosekunden-Laser. Mit ultrakurzen Lichtpulsen werden Informationen als mikroskopisch kleine physikalische Nanostrukturen direkt in das Volumen von hochreinem Glas eingeschrieben. Im Gegensatz zu Wettbewerbern, die lediglich Schichten auf der Oberfläche modifizieren, verändert ewigbyte das Materialgefüge selbst.

Schätze der Zivilisation

Langzeitarchivierung gilt oft als trocken. ewigbyte setzt bewusst einen Gegenpol: Glasplatten werden in Stahlschatullen gelagert, sichtbar, greifbar – wie die Schatullen mit Wertgegenständen vergangener Epochen. Für von Haeften ist das kein Marketinggag, sondern ein kulturelles Statement. Wissen sei immer auch emotional gewesen – und müsse es bleiben, wenn wir es schützen wollen.

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Für ewigbyte sind Daten kleine Schätze. (Bildquelle: ewigbyte)

Das Geschäftsmodell von ewigbyte basiert primär auf dem Storage-as-a-Service-Ansatz (STaaS). Das Unternehmen setzt bewusst auf ein OPEX-Dienstleistungsmodell.

Aus Anwendersicht wirke das zunächst wie „yet another Cloud Provider“. Der Unterschied liege jedoch in der Transparenz und Kontrolle, so von Haeften. Kunden wissen, wo ihre Daten physisch liegen, dass sie nicht migriert werden müssen und dass sie auch in Jahrzehnten exakt so wieder ausgelesen werden können.

Das Unternehmen plant zunächst, eigene dedizierte Lagerhäuser zu betreiben. Langfristig sollen Kunden jedoch professionelle Auslesegeräte zur Verfügung gestellt bekommen, um eine unabhängige Verifizierung und den Zugriff auf die Daten direkt vor Ort (On-Premises) zu ermöglichen.

Gerade in Europa werde das zunehmend relevant. Hyperscaler unterliegen außereuropäischen Gesetzen, Budgets werden überschritten, Kostenstrukturen sind oft intransparent. Digitale Souveränität werde damit vom politischen Schlagwort zur konkreten IT‑Anforderung.

Sobald die Daten geschrieben sind, benötigt das Speichermedium für den Erhalt keinerlei Energie mehr. Im Gegensatz zu Festplatten oder Magnetbändern, die regelmäßig umkopiert (migriert) und klimatisiert werden müssen, bewahrt die Technologie von ewigbyte das Wissen passiv und sicher. Hier schließt sich der Kreis zur Vision von Dr. Ina von Haeften.

KI als Schlüssel zum „lebendigen Archiv“

In einer Welt, in der die Datenmengen durch künstliche Intelligenz explodieren, reicht es nicht mehr aus, Daten nur zu „besitzen“. Sie müssen integer und über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg verfügbar bleiben.

„Wir wollen das Wissen unserer Zivilisation nicht wieder verlieren“, betont von Haeften. Die technische Lösung von ewigbyte fungiert dabei als das physische Fundament für künftige KI-Systeme: Ein unveränderlicher, analog-digitaler Wissensspeicher, der als Single Source of Truth dienen kann – geschützt vor Ransomware und technologischem Vergessen.

Zielgruppen seien zunächst Archive, Forschungseinrichtungen und Organisationen mit besonders schützenswerten Daten, etwa im medizinischen Bereich. Dort fungiert die Glasarchivierung auch als eine Art Versicherung: eine Kopie, die im Ernstfall garantiert unverändert zurückgelesen werden kann.

Für die IT-Infrastruktur von morgen bedeutet das eine radikale Entlastung: Während heiße Daten weiterhin auf schnellen SSDs liegen, wandert das kulturelle und wissenschaftliche Erbe in photonische Speicher.

„Die Natur bewahrt Informationen seit Milliarden Jahren. Jetzt liegt es an uns, das Wissen unserer Zivilisation nicht wieder zu verlieren.“
Dr. Ina von Haeften (Quelle: ewigbyte / Credits: Sophie Reuter Photographie)