“Ganzheitliches Denken ist heute essenziell für Führungskräfte.”

Von der Top-Managerin zur Unternehmerin: Sandy Rothe spricht über mutige Entscheidungen, moderne Führung und darüber, wie wichtig Wellbeing für nachhaltigen Erfolg ist.

Sandy Rothe ist Gründerin des Boutique-Studios The House of Balance (Bildquelle: THOB, Foto by Beatrice Jezewski)

Ständige Bedrohungen, schnelle Technologieänderungen, hohe Arbeitsbelastung und der Druck zur kontinuierlichen Anpassung können zu kognitiver Überlastung bis hin zu Stress- und Angstzuständen führen. Die Folgen sind reduzierte Produktivität, ein vermindertes Urteilsvermögen, Burnout oder ein Herzinfarkt. Umso wichtiger sind Stressmanagement, verantwortungsvolle Führung und das Bewusstsein für ein Leben im Gleichgewicht.

Sandy Rothe war eine erfolgreiche Führungskraft bei renommierten Konzernen wie Douglas, DIOR oder La Prairie. Letztes Jahr verließ sie den gesicherten Karrierepfad und wurde Unternehmerin: Mit The House of Balance, einem Boutique-Studio, setzt sie einen neuen Akzent im modernen Wellbeing – u. a. für Führungskräfte.

Im exklusiven Interview mit Computing Deutschland spricht die Gründerin über ihren Weg aus der Konzernwelt in die Selbstständigkeit. Die 41-jährige teilt wertvolle Einblicke in moderne Führung und erläutert, warum die Balance zwischen Beruf und persönlichem Wohlbefinden heute ein zentraler Faktor für erfolgreiche Karrieren ist.

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“Den perfekten Moment gibt es nicht.”

Sandy, Du hast als Store-Managerin und als Prokuristin Teams bekannter Luxuskonzerne geführt. Was war der konkrete Auslöser oder der Moment der Klarheit, in dem du wusstest: Jetzt ist die Zeit für die Selbstständigkeit gekommen?

Meine Konzernkarriere war sehr lehrreich, wofür ich dankbar bin. Dennoch habe ich gemerkt, dass ich dort nur ein Teil eines Systems mit begrenzter Entscheidungsfreiheit bin. Schließlich fragte ich mich, ob ich mein Leben lang so arbeiten möchte oder lieber nach meinen eigenen Werten handeln will. Die Entscheidung, mich selbstständig zu machen, kam nicht über Nacht, aber irgendwann wusste ich, dass es Zeit für meinen eigenen Weg ist – trotz aller neuen Herausforderungen.

Eine solche Entscheidung erfordert unglaublich viel Mut. Was ist dein Rat für Führungskräfte, die ebenfalls den Gedanken an eine tiefgreifende berufliche Veränderung mit sich tragen, aber die Angst vor dem Ungewissen sie noch zurückhält?

Den perfekten Moment gibt es nicht. Irgendwann wird das Bauchgefühl jedoch so stark, dass man es nicht mehr ignorieren sollte. Ich habe mir zwei Fragen gestellt: Wo will ich in den nächsten Jahren beruflich und privat stehen? Dient mir mein aktueller Weg wirklich oder bin ich nur aus Gewohnheit darin gefangen? Mut bedeutet nicht Angstfreiheit, sondern trotz Unsicherheit weiterzugehen.

Ein unterstützendes Umfeld, z. B. ein Mentor oder Sparringspartner kann sehr wertvoll sein, um eigene Gedanken zu spiegeln und weiterzuentwickeln. Wichtig ist, sich nicht von zu vielen Meinungen beeinflussen zu lassen, sondern stattdessen gezielt Unterstützung zu suchen, die zur Selbstreflexion beiträgt. Das kann enorm helfen, um den eigenen Weg klarer zu sehen und zu gehen.

The House of Balance steht für einen ganzheitlichen Ansatz – von Mindset über Ernährung bis Bewegung. Inwiefern siehst du eine ganzheitliche Perspektive auch als eine Schlüsselkompetenz für moderne Führungskräfte an, um in einer VUCA-Welt erfolgreich zu sein? [VUCA steht für Volatility, Uncertainty, Complexity and Ambiguity; Anm. D. Red.]

Ganzheitliches Denken ist heute essenziell für Führungskräfte – gerade in einer komplexen und dynamischen Welt reicht Fachwissen allein nicht mehr aus. Stabilität entsteht durch Bewegung, Ernährung, Regeneration und Mindset. Wer für sich sorgt, schafft ein gesundes Fundament, führt das Team besser und bleibt agil. Die eigene Haltung wirkt direkt auf das Umfeld, sei es das Team oder weitere Stakeholder.

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“In einer komplexen und dynamischen Welt reicht Fachwissen allein nicht mehr aus.”

Was ist deiner Meinung nach die wichtigste strategische Fähigkeit, die Führungskräfte heute entwickeln müssen, um sowohl Mitarbeiter zu binden als auch den Erfolg nachhaltig zu sichern?

Aus meiner Sicht ist es essenziell, Mitarbeitenden zu vermitteln, welchen Sinn und Zweck ihre Arbeit hat. Der Mitarbeiter möchte verstehen, welchen Beitrag er leistet und dass seine Arbeit einen sinnstiftenden Wert hat, ungeachtet seiner spezifischen Funktion. Purpose mag für manche nur ein Schlagwort sein – für mich ist es da nicht. Es geht darum zu begreifen, weshalb wir bestimmte Dinge tun und weshalb andere bewusst unterlassen werden.

Meiner Ansicht nach sollte eine gute Führungskraft zwei Pole vereinen, was auch meinen eigenen Führungsstil charakterisiert. Zum einen ist dies die Notwendigkeit, nüchtern und faktenbasiert zu agieren, sodass allen Beteiligten die objektive Sachlage transparent und sachlich dargestellt wird. Zum anderen ist es unerlässlich, dabei nahbar und herzlich zu bleiben.

Wenn eine Führungskraft diese beiden Qualitäten vereint, schafft dies Klarheit. Die Mitarbeiter wissen, wann eine nüchterne Betrachtung der Fakten erfolgt, erleben jedoch gleichzeitig die Nähe und Herzlichkeit. Die Balance zwischen diesen beiden Polen beschreibt meine Vorstellung von Führung. Natürlich ist man nie perfekt und es gibt immer wieder Situationen, in denen man davon abweicht. Ich bin jedoch überzeugt, dass dies die Voraussetzungen sind, die eine Führungskraft heute mitbringen muss, um Mitarbeiter nachhaltig zu binden und das gesamte Unternehmen erfolgreich voranzubringen.

Welche drei Eigenschaften oder Handlungsweisen sind deiner Erfahrung nach für Frauen in Führungspositionen im 21. Jahrhundert besonders wichtig, um sich durchzusetzen und gleichzeitig authentisch zu bleiben?

Meiner Ansicht nach ist es essenziell, dass wir den Mut zur Sichtbarkeit aufbringen. Das bedeutet, den eigenen Weg klar zu kommunizieren, dies auch auszusprechen und sich nicht kleinzumachen. Sichtbarkeit ist kein Ego-Thema, sondern meines Erachtens ein Leadership-Thema. Es ist legitim, sichtbar zu sein.

Des Weiteren ist es von Bedeutung, glaubwürdig zu sein und nicht zu versuchen, in eine Männerrolle zu schlüpfen oder jemand zu sein, der man gern sein möchte. Die Mitmenschen bemerken es, wenn man nicht bei sich ist. Authentizität ist somit das zweite wichtige Thema.

Ein dritter Punkt, den ich selbst intensiv lernen musste, ist die Resilienz. Um sich wirklich durchzusetzen, ist Resilienz notwendig. Man muss akzeptieren, dass Rückschläge dazugehören. Man muss sie meistern; manchmal muss man sprichwörtlich sein Krönchen wieder richten, um weiter voranzuschreiten. Man wächst daran und wird stärker. Diese Resilienz ist unerlässlich, um den Umgang mit Herausforderungen zu bewältigen.

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"Es ist völlig legitim, Hilfe anzunehmen und nicht immer im „Hero-Modus“ durchs Leben zu gehen.”

Welche Mental-Health-Strategien konntest du aus der Konzernwelt übernehmen, und hast du eventuell neue Routinen als Unternehmerin entwickelt? Wie bewahrst du dich selbst vor Burnout?

Unser Nervensystem spielt hier eine große Rolle. Es mag vielleicht pathetisch klingen, aber gerade die kurzen Pausen sind entscheidend – ebenso wie das Tageslicht. Besonders am Morgen ist ein Spaziergang hilfreich, egal ob ich im Hotel übernachtet habe, viel unterwegs war oder im Homeoffice arbeite. Ich habe es mir angewöhnt, jeden Morgen mindestens 30 Minuten draußen spazieren zu gehen, noch bevor der Tag richtig beginnt. Das gibt mir nicht nur das nötige Tageslicht, sondern auch Gelegenheit zum Durchatmen.

Ebenso wichtig ist eine gesunde Ernährung.

Und es ist in Ordnung, bewusst Nein zu sagen, wenn einem etwas zu viel wird. Du musst nicht alles allein schaffen – es ist völlig legitim, Hilfe anzunehmen und nicht immer im „Hero-Modus“ durchs Leben zu gehen. Auch ich dachte lange, ich müsste alles alleine bewältigen. Doch es ist genauso stark, sich helfen zu lassen.

Natürlich klingt das alles in der Theorie einfach, und manchmal klappt es eben nicht mit der guten Ernährung, besonders wenn man viel unterwegs ist. Akzeptiere die jeweilige Situation – manchmal gibt es eben die Butterbrezel statt was Gesundem, und das ist okay. Entscheidend ist, sich nicht selbst zu verurteilen und sich nicht schlecht zu fühlen.

Bist Du eher ein Katzen- oder ein Hundemensch?

Absolut Team Hund. Ich liebe die ehrliche Freude und Positivität, die Hunde zeigen – du gehst den Müll rausbringen und der feiert das so sehr, dass du zurück bist, obwohl du nur 2 Minuten weg warst. Ich möchte gerne wieder einen Hund haben, vielleicht sogar als Wellbeing-Manager im Studio.

Berühmte letzte Worte: Was ist deine Botschaft an die Welt?

Hold the vision, trust to process. Träume groß, aber sei dir bewusst, dass es ein Weg, ein Prozess dorthin ist. Vertraue auf den Prozess und kultiviere für dich ein Balance-Mindset. Egal, wie laut die Welt da draußen ist.

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“Meiner Ansicht nach ist es essenziell, dass wir den Mut zur Sichtbarkeit aufbringen.“ (Bildquelle: THOB, Foto by Beatrice Jezewski)