DE-CIX: Vom Kabel zum Code
Wie automatisiert man physische Netzwerke in einer zunehmend softwaregetriebenen Welt?
Der DE-CIX Frankfurt ist mit einem Datenvolumen von knapp 48 Exabyte pro Jahr (Stand 2025) und fast 1100 angeschlossenen Netzwerken einer der größten Internetknoten der Welt. Als Betreiber von kritischer IT-Infrastruktur trägt DE-CIX eine große Verantwortung für den reibungslosen, schnellen und sicheren Datenaustausch zwischen Menschen, Firmen und Organisationen an seinen globalen Standorten. Dr. Thomas King ist seit 2018 Chief Technology Officer (CTO) bei DE-CIX und seit 2022 Vorstandsmitglied der DE-CIX Group AG. Zu seinen Kernprojekten bei DE-CIX gehören die technologische Weiterentwicklung des Unternehmens und die Automatisierung der IX-Plattform.
Wir wollten wissen, wie man physische Netzwerke in so einer Größenordnung automatisiert. Im Interview erklärt Dr. Thomas King, wie die Patch‑Roboter bei DE-CIX zum Rückgrat moderner Interconnection wurden, welche Rolle die Technologie während der Corona-Pandemie spielte und wie Projekte wie NEXUS und Tellus den Weg zu vollständig automatisierten, interoperablen Netzwerken ebnen.
Herr Dr. King, DE‑CIX setzt sogenannte Patch‑Roboter ein. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Patch‑Roboter können Netzwerkkabel automatisiert ein- und umstecken. Die spezialisierten Maschinen sind dazu fest und geschützt hinter einer Glasabdeckung über einem Patchfeld installiert. Wird das buchgroße Gerät aktiv, dann bewegt es sich entlang der Schalttafel und stellt Verbindungen je nach Bedarf her – ganz ähnlich wie ein Techniker, nur eben eigenständig, remote gesteuert und überwacht, ohne selbst vor Ort sein zu müssen.
Welche Rolle spielen die Roboter heute bei DE-CIX?
Im Jahr 2018 haben wir – als erster Internetknotenbetreiber der Welt – einen Roboter in Betrieb genommen.
Heute setzen wir drei Systeme an unterschiedlichen Standorten ein. Als fester Bestandteil unserer IT-Systeme schalten sie Netzwerke zuverlässig, schnell und unabhängig von Tages- und Arbeitszeiten physisch zusammen. Dabei setzen wir auf Maschinen von bewährten und spezialisierten Herstellern.
Was macht die Systeme für DE‑CIX besonders spannend? Wo liegen die Vorteile?
Die Roboter sind schneller und flexibler! Wollen Kunden die Performance ihrer Netzwerke anpassen, geht das binnen Minuten statt Stunden. Während früher Techniker anreisen, sich in Rechenzentren anmelden und durch Sicherheits- und Zugangsschleusen bewegen mussten, können wir Glasfasern jetzt auf Knopfdruck patchen. Weitere Vorteile zeigten sich in der Corona-Pandemie: In Zeiten von Lockdowns, Home-Office-Pflicht und Abstandsregeln konnten wir das Personal auf das notwendige Minimum begrenzen und krankheitsbedingte Ausfälle reduzieren. Nicht zuletzt sind die Patch-Roboter bei uns auch sichtbare Zeichen der überall voranschreitenden Automatisierung in unserem Geschäftsmodell.
Welche Bedeutung hat das Thema Automatisierung für DE‑CIX?
IT‑Landschaften werden komplexer. Gleichzeitig steigen die Anforderungen hinsichtlich Performance, Sicherheit und Flexibilität. Unsere Kunden erwarten, dass sie Dienste schnell aktivieren, skalieren und überwachen können. Und das eben weitgehend ohne manuelle Prozesse und lange Vorlaufzeiten. Wenn Unternehmen beispielsweise On-Premises-Infrastrukturen mit Hybrid‑ und Multi‑Cloud‑Umgebungen API-gesteuert und skalierbar verbinden wollen, braucht es in puncto Konnektivität ebenso automatisierbar und intelligent integrierbare Lösungen. Manuelle Prozesse sind da zunehmend nicht mehr praktikabel. Automatisierung ist der logische nächste Schritt, um die Komplexität zu reduzieren, Fehler zu vermeiden und die Performance zuverlässig zu gewährleisten.
Wie fügen sich Patch‑Roboter in die Automatisierungsstrategie von DE‑CIX ein?
Von Firewalls über Switches bis hin zu Gateways – was früher an dedizierte Hardware gebunden war, lässt sich heute virtualisiert betreiben. Nicht anders Netzwerke selbst: Software-definiert lassen sie sich bereitstellen, verwalten und administrieren. So wird die Interconnection in Zukunfteinfacher, flexibler und kosteneffizienter. Aber nicht alles lässt sich eben digitalisieren: Kabel in der realen Welt bleiben weiterhin notwendig. Und genau hier kommen die Patch-Roboter bei DE-CIX ins Spiel. Sie automatisieren den letzten physischen Schritt. So schließen sie nicht nur die Lücke zwischen Software-definierter und Hardware-basierter Infrastrukturwelt, sondern auch Netzwerke in der realen Welt ganz praktisch zusammen.
Blicken wir nach vorn: Wie wichtig werden automatisierbare Geschäftsprozesse künftig für DE‑CIX? Wie entwickelt sich die Technologie weiter?
Das Thema wird wichtiger. Interconnection-as-a-Service überträgt die Prinzipien aus der Network-as-a-Service-Welt auf unsere Branche. Damit unsere Auftraggeber beispielsweise ihre Geschäftsziele und -prozesse API-gesteuert mit Netzwerkrichtlinien verbinden können, haben wir unsere IT-Landschaft modernisiert und durchgängig integriert – vom CRM-System über die Finanzbuchhaltung bis hin zum Self-Service-Webportal. Zudem realisieren wir beispielsweise im Projekt NEXUS eine Plattform, die Interconnection-Dienste für Cloud-basierte Netze automatisch und bedarfsgerecht bereitstellt. Nicht anders im Förderprojekt Tellus, das unter unserer Leitung eine offene Software entwickelt, um Netzwerkfunktionen zu virtualisieren. Tellus deckt die vollständige Interconnection-Lieferkette ab und schließt etwa unterschiedliche Provider, Clouds oder Dienste ein. Fortschritte wie diese machen Konnektivität automatisierbar, Anbieter-unabhängiger und interoperabler – für unsere Kunden und uns selbst.
Was braucht es für mehr Automatisierung? Und wie treibt DE-CIX die Entwicklung weiter an?
Es braucht Standards, offene Architekturen, herstellerunabhängige Lösungen und branchenübergreifende Kooperation. Beispielsweise entwickeln wir in der IX-API-Initiative gemeinsam mit anderen Internetknoten-Betreibern wie AMS-IX und LINX eine standardisierte Programmierschnittstelle, um Dienste hochautomatisiert bereitzustellen. Die Initiative läuft seit mehreren Jahren und setzt auf Normen und Open Source. So realisieren wir kooperativ eine einvernehmlich abgestimmte API, die die beteiligten Provider selbst in ihren Self-Service-Lösungen einsetzen. Vorteil für die Kunden: Wer sich auf die Branchenschnittstelle ausrichtet, der stellt sich nicht nur auf einen IX-Anbieter ein, sondern gleich mehrere. Vorteil für die Betreiber: Sie teilen Wissen, Know-how, Entwicklungskosten und sichern sich einen breiteren Marktzugang – und das gewissermaßen vollautomatisch.