TI-Messenger: Fundament für effizientere Abläufe im Gesundheitswesen

“Das Miteinander startet mit der Kommunikation.” – Der TI‑Messenger soll das Gesundheitswesen entlasten – und Europas digitale Unabhängigkeit stärken.

Marie Ruddeck sprach auf der Matrix Konferenz 2025 über die Rolle von Matrix im deutschen Gesundheitssystem.

Die gematik treibt mit dem TI‑Messenger einen neuen Standard für digitale Kommunikation im deutschen Gesundheitswesen voran: sicher, interoperabel und sektorenübergreifend. Die Lösung basiert auf dem Matrix‑Protokoll, das für seine hohe Sicherheitsarchitektur bekannt ist und speziell an die Anforderungen des Gesundheitssektors angepasst wurde. Erste Pilotprojekte zeigen deutliche Effizienzgewinne – Telefonate werden reduziert, Prozesse beschleunigt und Fachkräfte spürbar entlastet. Damit entsteht eine Infrastruktur, die nicht nur den Austausch im Versorgungsalltag modernisiert, sondern auch ein Baustein für mehr digitale Souveränität in Europa werden könnte.

Produktmanagerin Marie Ruddeck erläutert im Interview, warum die Vielzahl unterschiedlicher Akteure und Systeme bislang eine effiziente digitale Kommunikation verhindert hat und wie der TI‑Messenger diese Lücken schließen soll.

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Marie Ruddeck arbeitet als Produktmanagerin für den TI Messenger bei gematik.

Bitte stellen Sie kurz die gematik vor. Was sind die Kernaufgaben? Wie ordnet sich die gematik in das Gesundheitssystem ein?

Als gematik sind wir für die Telematikinfrastruktur, das sichere Netz des Gesundheitswesens, zuständig. Dies umfasst Betrieb, Ausbau und Weiterentwicklung. Zusammen mit unseren Partnern entwickeln wir digitale Anwendungen für den Versorgungsalltag. Dazu zählen z. B. der sichere E-Mail-Dienst KIM, das E-Rezept, die ePA und der TI-Messenger. Der Rahmen für die TI und die digitalen Anwendungen sind gesetzlich geregelt; dafür ist das Bundesgesundheitsministerium zuständig. Wir erstellen Baupläne für die Anwendungen (Spezifikationen), die dann von Industriepartnern für die Einrichtungen des Gesundheitswesens umgesetzt werden.

Unsere Rolle ist auch die einer Moderatorin – denn es geht darum, gemeinsame Lösungen für den Gesundheitsbereich zu entwickeln, die die Versorgung für die Herausforderungen des Gesundheitssystems gut aufstellt. Wir stehen dazu im kontinuierlichen Dialog mit Partnern, Herstellern sowie Nutzerinnen und Nutzern, um sicherzustellen, dass unsere Lösungen ankommen und unterstützen.

Was sind die Herausforderungen für die Kommunikation im Gesundheitswesen?

Die Kommunikation im deutschen Gesundheitswesen ist insbesondere durch die Vielzahl verschiedener Sektoren geprägt. Neben niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten gibt es Krankenhäuser, Apotheken, Anbieter von Pflege- und Hilfsmitteln, Krankenkassen, Patientinnen und Patienten. Daraus ergeben sich zahlreiche unterschiedliche Verantwortungsbereiche und vielfältige Bedürfnisse der Beteiligten, die u. a. jeweils spezifische Softwaresysteme nutzen. So verwendet eine Arztpraxis in der Regel ein anderes System als ein Krankenhaus.

Die zentrale Herausforderung besteht darin, eine interoperable Lösung zu schaffen, die allen Akteuren ermöglicht, sektorenübergreifend und direkt aus ihren jeweiligen Systemen miteinander zu kommunizieren. Daher wurde eine Infrastruktur entwickelt, die verschiedene Zugangsmöglichkeiten bietet. Ein einheitlicher TI-Messenger für alle existiert nicht; stattdessen wird ein Marktmodell verfolgt. Die gematik hat einen Standard definiert, den die verschiedenen Hersteller aufnehmen und in ihren Systemen für ihre jeweilige Nutzergruppe implementieren. Die Schaffung von Interoperabilität ist somit eine wesentliche Antwort auf die Komplexität des deutschen Gesundheitssystems.

Welchen Einfluss hat die Kommunikation zwischen den verschiedenen Bereichen des Gesundheitssystems auf die medizinische Versorgungsleistung?

Im Gesundheitswesen kommunizieren zahlreiche Fachkräfte auf vielfältige Weise miteinander. Das Telefon zählt nach wie vor zu den am häufigsten genutzten Kommunikationsmitteln. Fax und Postweg werden noch genutzt, ebenso unsichere Vermittlungsverfahren wie E-Mail und andere nicht für vertrauliche Nachrichten geeignete Messaging-Systeme.

Betrachtet man beispielsweise den Arbeitsalltag in der ambulanten Pflege, so entsteht ein erhöhter Kommunikationsbedarf. Pflegende Fachkräfte stehen regelmäßig mit Bereichsleitungen, behandelnden Hausärzten und Angehörigen in Kontakt, während sie unterwegs bei verschiedenen Patientinnen und Patienten sind. Zurzeit erfolgt die Kommunikation oft telefonisch oder per E-Mail; dies führt zu einer Vielzahl unterschiedlicher Kommunikationskanäle.

Der TI-Messenger stellt eine moderne Infrastruktur bereit, die es ermöglicht, sektorenübergreifend und effizient mit allen beteiligten Personen direkt zu kommunizieren. Die pflegende Fachkraft kann den Austausch mit den relevanten Ansprechpartnern somit unkompliziert und ohne Wartezeiten gestalten.

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“Die Schaffung von Interoperabilität ist eine wesentliche Antwort auf die Komplexität des deutschen Gesundheitssystems.”

Was sind denn die typischen Anwendungsfälle für den TI Messenger?

Aktuell zeigen vor allem Krankenhäuser eine Vorreiterrolle bei der Implementierung des TI-Messenger. Insbesondere Universitätskliniken legen aus Datenschutzgründen Wert darauf, ihren Mitarbeitenden einen sicheren Messaging-Kanal zur Verfügung zu stellen. Über den TI-Messenger Pro können sämtliche Mitarbeitenden intern kommunizieren, Fälle austauschen, Röntgenbilder übermitteln, Schichtpläne besprechen und dabei mobil agieren.

Neben der organisationsinternen Kommunikation ist auch der sektorübergreifende Austausch möglich – beispielsweise zwischen Krankenhäusern und radiologischen Facharztpraxen. Dokumente und Bilddaten können sicher und schnell versendet und gemeinsam begutachtet werden. Seit dem 15. Juli dieses Jahres sind zudem auch gesetzlich Versicherte involviert: Krankenkassen sind verpflichtet, allen Versicherten einen Zugang zum TI-Messenger über die Krankenkassen-App bereitzustellen. Dadurch können Versicherte nun mit Leistungserbringern und ihrer Krankenkasse direkt und sicher kommunizieren, etwa zur Terminabstimmung oder für digitale Anamnesen im Rahmen von Behandlungen.

Was waren die wesentlichen Gründe, warum sich die gematik für eine auf Matrix basierende Lösung entschieden hat?

Letztendlich fiel unsere Entscheidung auf Matrix, da dieses Protokoll derzeit als führender Standard für eine End-to-End-verschlüsselte und datensouveräne Lösung gilt. Das wachsende Interesse an Matrix in verschiedenen Ländern belegt diese Entwicklung. Durch die Implementierung von Matrix schaffen wir nicht nur einen zukunftsweisenden Standard in Deutschland, sondern leisten auch einen Beitrag zu einer europaweiten Etablierung des Protokolls.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass wir das Matrix-Protokoll an die speziellen Anforderungen des deutschen Gesundheitssystems anpassen. Diese Anpassungen werden in die Telematikinfrastruktur integriert, um höchste Sicherheitsstandards zu gewährleisten. Aus diesem Grund ist die Kommunikation außerhalb unseres TI-Messengers mit anderen Matrix-Messengern nicht möglich.

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“Unsere Rolle ist auch die einer Moderatorin – denn es geht darum, gemeinsame Lösungen für den Gesundheitsbereich zu entwickeln”

Gibt es denn schon erste Erkenntnisse, wie der TI Messenger bei den Anwendern ankommt?

Die Einführung befindet sich noch in einer frühen Phase; die Nutzung des Messengers durch medizinische Fachkräfte erfolgt freiwillig. Damit Versicherte künftig umfassend kommunizieren können, ist eine weitere Verbreitung des Systems notwendig.

Sukzessive erhalten immer mehr Hersteller die erforderlichen Zulassungen und passen ihre Geschäftsmodelle entsprechend an den neuen Standard an. Momentan besteht für Versicherte oft noch nicht die Möglichkeit, unmittelbar Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten aufzunehmen, da diese ebenfalls einen TI-Messenger benötigen und in der Regel selbst den Erstkontakt initiieren. Hierzu existieren spezifische Berechtigungsmodelle, die den Kommunikationsprozess steuern und die Sichtbarkeit regeln. Im vergangenen Jahr wurde der TI-Messenger in unserer Modellregion in Hamburg & Umland pilotiert und in so genannten Kommunikationsclustern genutzt, beispielsweise zwischen einer ambulanten Pflegeeinrichtung, einer Apotheke und einer niedergelassenen Arztpraxis. Zusätzlich wurden wissenschaftliche Erhebungen durchgeführt. Deren Ergebnisse liefern wertvolles Feedback und zeigen deutlich, dass das Telefon als primärer Kommunikationskanal zunehmend durch den TI-Messenger ersetzt wird.

Ein Beispiel verdeutlicht die Vorteile digitaler Kommunikationswege im Apothekenalltag: Eine Apothekerin berichtet, dass sie anstelle von zehn täglichen Telefonaten mit Arztpraxen nur noch ein einziges führen muss. Hier wird deutlich, wie hilfreich der Einsatz eines digitalen Messengers im Vergleich zum herkömmlichen Telefonat ist – insbesondere, da auch die Apotheken von den teilweise langen Warteschleifen betroffen sind. Digitale Kommunikationsmittel verkürzen Antwortzeiten und reduzieren zudem Missverständnisse, da Rückfragen schriftlich gestellt und dokumentiert werden können.

Welche Herausforderungen gab es bei der Einführung des Dienstes?

Die Einführung neuer digitaler Anwendungen stellt immer auch eine Herausforderung für das Gesundheitswesen dar: Mitarbeitende müssen sich an neue Abläufe gewöhnen, etwa an die zusätzliche Authentifizierung. Wer den TI-Messenger nutzen möchte, muss sich zunächst an die TI anschließen. Das ist bspw. für Pflege-Einrichtungen neu. Dafür müssen zunächst einige Voraussetzungen geschaffen werden: entsprechende Ausweise (HBA, SMC-B) beantragen, TI-Anschluss regeln (beispielsweise über das TI-Gateway), eine entsprechende Software wählen etc. Der hohe Stellenwert von Datenschutz und Sicherheit ist auf den Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten zurückzuführen und hat oberste Priorität.

Diese Umstellungen bei der Einführung neuer Anwendungen erfordern Zeit und Akzeptanz, vergleichbar mit den ersten Erfahrungen bei der Nutzung von E-Rezepten, als das gewohnte Papierdokument plötzlich fehlte. Solche Veränderungen müssen zunächst im Alltag erprobt und akzeptiert werden. Damit der Start gelingt, sind erste engagierte Anwenderinnen und Anwender besonders wichtig, da ihr Feedback dazu beiträgt, potenzielle Verbesserungen im sicheren Rahmen weiterzuentwickeln.

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“Eine europaweit abgestimmte und interoperable Kommunikationsplattform kann daher nicht nur unsere Zusammenarbeit verbessern, sondern auch ein bedeutendes Signal an die Welt senden und möglicherweise ein Gegengewicht zu totalitären und autoritären Systemen bilden.”

Mussten Sie spezielle Maßnahmen zum Schutz sensibler Informationen ergreifen? Wie werden die Daten auf der Kommunikationsplattform geschützt?

Das Anmelde- und Authentifizierungsverfahren stellt einen besonderen Sicherheitsaspekt dar, insbesondere für die Versicherten. Für die Nutzung des TI-Messengers ist die Beantragung einer GesundheitsID bei der jeweiligen Krankenkasse erforderlich.

Das Matrix-Protokoll gewährleistet hohe Datensouveränität. Die Daten werden dezentral gespeichert und organisiert – jedes Krankenhaus, jede Arztpraxis und jede Apotheke verfügt über einen eigenen Server. Diese dezentrale Struktur sorgt für ein hohes Maß an Sicherheit: Sollte es zu einem Sicherheitsvorfall kommen, bleibt dieser auf den betroffenen Serverbereich begrenzt und betrifft nicht die gesamte Telematikinfrastruktur.

Wie wichtig war das Thema Souveränität bei der Auswahl einer geeigneten Plattform?

Die Sicherstellung der Souveränität steht für uns an oberster Stelle. Im digitalen Raum werden äußerst sensible Gesundheitsdaten verarbeitet, weshalb festgelegt ist, dass diese ausschließlich innerhalb der EU gespeichert und vor externem Zugriff geschützt werden müssen. Diese Anforderungen sind für unsere Sicherheitsteams essenziell und nicht verhandelbar. Es freut uns zu erkennen, dass dieses Anliegen nicht nur von uns geteilt wird, sondern auch auf internationaler Ebene – sowohl von anderen Ländern und Regierungen als auch von Gesundheitssystemen und durch neue EU-Regularien – zunehmend an Bedeutung gewinnt. Mit dem TI-Messenger haben wir bereits einen wichtigen Beitrag geleistet und einen Grundstein gelegt, sodass Deutschland in diesem Bereich eine führende Rolle einnimmt.

Mögen Sie lieber Hunde oder sind Sie ein Katzenmensch?

Ich bin tatsächlich Pferdemensch und reite gerne. Am liebsten mag ich die Kombination mit meinem Hund an meiner Seite beim Reiten.

Berühmte letzte Worte: Was ist Ihre Botschaft an die Welt?

Im Kontext unserer Gespräche zur Kommunikation und der Rolle Europas, insbesondere im Gesundheitswesen, möchte ich betonen, wie wichtig es ist, Zusammenhalt und Kooperation weiter zu stärken. Es erscheint mir zentral, in Europa eine gemeinsame Infrastruktur zu schaffen – auch im Hinblick auf die Kommunikationsinfrastruktur –, um den grenzüberschreitenden Austausch effektiv zu fördern. Denn ein erfolgreiches Miteinander beginnt mit offener und verlässlicher Kommunikation. Eine europaweit abgestimmte und interoperable Kommunikationsplattform kann daher nicht nur unsere Zusammenarbeit verbessern, sondern auch ein bedeutendes Signal an die Welt senden und möglicherweise ein Gegengewicht zu totalitären und autoritären Systemen bilden. Interoperabilität in der Kommunikation stellt hierbei aus meiner Sicht einen wichtigen ersten Schritt dar.

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“Durch die Implementierung von Matrix schaffen wir nicht nur einen zukunftsweisenden Standard in Deutschland, sondern leisten auch einen Beitrag zu einer europaweiten Etablierung des Protokolls.”