Meine Aufgabe ist es, Wissen weiterzugeben und die nächste Generation zu befähigen.

Interview mit Johannes Loxen, Mitgründer der SerNet GmbH

Co-Founder von SerNet: Johannes Loxen

Johannes Loxen hat 1996 zusammen mit zwei weiteren Mitgründern die SerNet GmbH gegründet. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen 70 Mitarbeiter. Computing sprach mit Johannes über Open Source, digitale Souveränität und Katzen.

Zunächst jedoch baten wir ihn, sein Unternehmen vorzustellen und zusammenzufassen, wie es sich seit der Gründung entwickelt hat.

Wir verstehen uns heute als Teil der Old Economy – auch wenn wir im Alltag häufig wie ein Start-up arbeiten. Wir sind vollständig eigenfinanziert und wirtschaften konsequent aus dem eigenen Cashflow. Anders gesagt: Wir bootstrappen seit fast 30 Jahren – und erwirtschaften jedes Jahr ein wenig mehr, als wir ausgeben.

SerNet vereint inzwischen drei Geschäftsbereiche. Angefangen haben wir mit Firewalls, und das ist bis heute ein Kern unseres Geschäfts. Unsere Kundinnen und Kunden sind meist mittelgroße bis große Organisationen mit weltweiter IT-Infrastruktur – häufig aus den Bereichen Automotive, Healthcare oder Verpackung.

Zwei weitere Bereiche sind im Laufe der Zeit dazugekommen – eher zufällig, könnte man sagen. Mein Mitgründer Volker Lendecke wollte ursprünglich ebenfalls im Firewall-Geschäft aktiv werden, hatte aber tiefes Know-how inSamba, also in Datei- und Druckdiensten unter Linux und Windows. Das hat sich dann zu einem eigenen Geschäftsbereich entwickelt. Heute werden die Umsätze aus den USA über unsere Tochtergesellschaft SerNet Inc. abgewickelt.

Mit verinice haben wir schließlich eine eigene Software für Informationssicherheit entwickelt. Das ist unser dritter Geschäftsbereich – und, darauf bin ich durchaus stolz, die einzige echte Open-Source-Lösung auf diesem Markt. Dadurch haben wir einige Alleinstellungsmerkmale, gerade bei kritischen Infrastrukturen und Bundesbehörden. Und natürlich beschäftigen wir uns dabei auch intensiv mit Compliance-Themen wie NIS-2 oder dem Cyber Resilience Act.

Alle eure Lösungen sind Open Source. Was ist euer Geschäftsmodell?

Unsere Einnahmequellen sind breit gefächert. Im Kern basieren sie auf drei Säulen: Support, Consulting und Entwicklung.

Meist beginnt es damit, dass Kundinnen und Kunden unsere Open-Source-Software herunterladen. Wir bieten dann Support – zunächst remote, später oft auch vor Ort. Consulting umfasst alles, was über technische Hilfehinausgeht: also konzeptionelle Beratung, Schulungen und Know-how-Transfer. Und schließlich entwickeln wir Software weiter, wenn Kundinnen und Kunden bestimmte Funktionen oder Leistungsverbesserungen brauchen.

Diese drei Leistungen rechnen wir nach Stunden ab. Daneben gibt es aber auch Produkte, die wir nach Stück verkaufen – etwa Software-Subscriptions. Viele Unternehmen möchten keine frei verfügbare Software manuellanpassen, sondern nutzen lieber unsere vorkonfigurierten, regelmäßig aktualisierten Versionen.

Wir stellen diese über ein Downloadportal bereit. Juristisch betrachtet bleibt die Software frei, aber wir liefern den Komfort: lauffähige, gepflegte und sicherheitsaktuelle Versionen. So entsteht ein Produktangebot, das wir wie ein proprietärer Anbieter verkaufen können – nur eben auf Basis von Open Source.

Im Grunde schöpfen wir damit die gleichen Umsatzströme ab wie klassische Softwarehersteller: Support, Consulting, Entwicklung und Subscriptions. Nur dass wir dabei das Prinzip der Offenheit beibehalten.

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Die meisten wirklich guten Softwareprojekte entstehen heute als Open Source.

Was sind die wichtigsten Vorteile von Open-Source-Anwendungen für Unternehmen?

Da gibt es zwei ganz wesentliche Punkte. Der erste ist Transparenz: Jede Entwicklung ist nachvollziehbar, jede Änderung sichtbar. Wenn ein Unternehmen eine Funktion finanzieren lässt, steht sie anschließend allen zur Verfügung. Das bedeutet, dass jede Leistung nur einmal bezahlt werden muss – die Community profitiert dauerhaft.

Und damit wird Software irgendwann zur Commodity. Nehmen wir LibreOffice, Firefox oder Thunderbird: Diese Produkte sind technisch ausgereift und kostenfrei verfügbar. Unternehmen müssen letztlich nur sicherstellen, dass sie auf ihren Systemen stabil und sicher laufen – das macht die Nutzung wesentlich effizienter.

Der zweite Punkt ist technologische Qualität. Die meisten wirklich guten Softwareprojekte entstehen heute als Open Source. Gerade im Embedded-Bereich ist Linux der Standard geworden – auch weil Entwicklerinnen und Entwickler in diesem Umfeld freier arbeiten können.

Im Grunde basiert das gesamte Internet auf Open Source: vom DNS-Resolver bis zu den Kernprotokollen. Selbst große Unternehmen wie Microsoft oder Apple veröffentlichen Teile ihres Codes offen, weil bestimmte Qualitätsniveaus nur mit offenen Entwicklungsmodellen erreichbar sind.

Und schließlich spielt Transparenz auch in regulatorischer Hinsicht eine große Rolle. Wer eine Software Bill of Materials (SBOM) nachweisen muss, hat es mit Open Source deutlich einfacher. Du besser nachvollziehen, auswelchen Komponenten deine Software besteht. Bei proprietärer Software dagegen sind viele Abhängigkeiten schlicht nicht mehr dokumentiert – das ist ein echtes Risiko für die Compliance.

Welche Rolle spielen Cyber Resilience Act und Lieferkettengesetz für euch?
Für uns als Softwareunternehmen spielt das Lieferkettengesetz eine eher untergeordnete Rolle – relevant ist vor allem der Cyber Resilience Act (CRA).

Der CRA verlangt zum einen, dass du deine Software-Lieferkette kennst und dokumentierst – also deine SBOM. Mit unserem Open-Source-Ansatz ist das vergleichsweise einfach. Unsere Projekte liegen in GitHub oder GitLab, alle Versionen sind nachvollziehbar. Wenn du dir zum Beispiel unser verinice-Repository ansiehst, kannst du dir mit wenigen Klicks die komplette SBOM anzeigen lassen.

Zum anderen schreibt der CRA-Mindeststandards für digitale Produkte vor. Hersteller müssen Sicherheitslücken beheben, Updates bereitstellen und dürfen Software mit bekannten Exploits nicht ausliefern. Anwenderinnen und Anwender sollen sich darauf verlassen können, dass sie mindestens fünf Jahre Support erhalten.

Der CRA und NIS-2 greifen ineinander: Während NIS-2 für den sicheren Betrieb von IT-Systemen gilt, betrifft der CRA die ausgelieferten Softwareprodukte. Bei verinice ist das interessant, weil wir es sowohl als Cloud-Service als auch On-Premises anbieten. In der Cloud unterliegt es NIS-2, beim Kunden vor Ort dem CRA – derselbe Code, unterschiedliche Regulierung.

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Wer früh aufmerksam ist und in seiner Community mitdiskutiert, ist deutlich besser vorbereitet.


Wie können Unternehmen überhaupt den Überblick behalten, welche Regulierung wann greift?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Du musst aktiv zuhören, dich vernetzen und informieren – in der Community, in deiner Branche, in Fachkreisen, auf Konferenzen. Es reicht schon, regelmäßig die News von Fachmedien zu verfolgen, um bei Themen wie NIS-2 oder DORA frühzeitig Bescheid zu wissen.

Viele Impulse kommen übrigens auch von Kundenseite: Wenn dich der erste Kunde nach einer neuen Richtlinie fragt, merkst du schnell, dass du dich damit befassen musst. Wer früh aufmerksam ist und in seiner Community mitdiskutiert, ist deutlich besser vorbereitet.


Wie stehst du zu Open Source im Desktop-Bereich?

Ich setze persönlich sehr viel Open Source ein, arbeite aber auf einem Mac. Früher war ich auf Linux-Desktops unterwegs – das funktioniert technisch gut, ist aber im Alltag oft mühsam.

Das Hauptproblem liegt in der Fragmentierung: Jede Distribution kocht ihr eigenes Süppchen. Es gibt keine einheitlichen Standards für Desktop-Umgebungen, Bibliotheken oder Paketformate. Software, die auf Ubuntu läuft,läuft nicht genauso woanders. Für Entwicklerinnen und Entwickler ist das ein Albtraum.

Dazu kommt, dass Device-Management und Benutzerfreundlichkeit auf dem Mac oder unter Windows deutlich ausgereifter sind. Für viele nicht-technische Nutzerinnen und Nutzer ist der Mac einfach die bessere Umgebung.

Ich verfolge mit Interesse, was etwa Schleswig-Holstein mit Linux am Desktop plant. Aber langfristig sehe ich die Zukunft im Browser: Wenn Anwendungen als Webinterfaces laufen, ist das Betriebssystem zweitrangig. E-Mail,Office, Kollaboration – all das funktioniert heute im Browser.

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„Back to Office“ halte ich für eine rückwärtsgewandte Entscheidung.



Seid ihr ein Remote-Befürworter oder gehört ihr zur Back-To-The-Office-Fraktion?

„Back to Office“ halte ich für eine rückwärtsgewandte Entscheidung. Wer während der Pandemie nicht erkannt hat, dass Homeoffice oft produktiver ist, hat etwas übersehen.

Natürlich braucht es persönliche Begegnungen – vor allem, um soziale Spannungen abzubauen und die menschliche Ebene zu wahren. Aber die Produktivität, die Zufriedenheit und die Ressourceneffizienz sprechen klar für Remote-Arbeit. Gerade in der IT funktioniert das hervorragend.

Du hast sehr früh gegründet. War Gründer schon immer der Weg für dich oder hattest du eigentlich mal was ganz anderes vor mit deinem Leben und ist das einfach so passiert?
Lebensläufe werden immer im Nachhinein geschrieben. In Wahrheit geht es um Chancen und ob du sie wahrnimmst – oder eben nicht.

Ich glaube nicht an lineare Karrieren. Erfolg hat viel mit Offenheit, Kommunikation und Neugier zu tun. Du musst Gelegenheiten erkennen, prüfen und auch mal verfolgen. Fast alles entwickelt sich evolutionär – Ideen, Produkte, Geschäftsmodelle. Wer aufmerksam bleibt, der findet seinen Weg.

Ich bin da ganz ehrlich: Ich bin interessengeleitet. Ich mache das, was mich wirklich interessiert – und daraus ist SerNet entstanden.


Welche 3 Tipps würdest du als Business Angel Gründern von heute geben?
Erstens: Das Wichtigste ist das Team – ohne Team funktioniert nichts. In einem Startup brauchst du gemischte Kompetenzen, die du unmöglich in einem Kopf vorfindest.

Zweitens: Verliebe dich nicht zu sehr in deine eigene Idee. Bleib lernfähig. Ideen sind oft überbewertet und die nächste kommt garantiert.

Und drittens: Betrachte Vertrieb als Schwerpunkt. Verstehe, wie Märkte funktionieren, wie Preisbildung entsteht, wie man Kundinnen und Kunden gewinnt – das ist entscheidend. Ohne zu wissen, wie Vertrieb, wie Verkauf funktioniert scheitert jedes Start-up.

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Das Wichtigste ist das Team.


Liest du eher Bücher oder hörst du lieber Podcasts?
Ich höre keine Podcasts – sie sind mir zu langsam. Ab einer doppelten Geschwindigkeit verstehe ich kaum noch etwas. Ich lese lieber. Beim Lesen kann ich quer einsteigen, Passagen überspringen, vergleichen. Hörbücher sind ebenfalls nichts für mich.


Hast du Buchempfehlungen?
Ehrlich gesagt: nein. Ich lese keine Ratgeber. Ich lese vielleicht mal ein Gesetzestext. Aber lieber tausche ich mich direkt mit Menschen aus – mit Steuerberatern, Juristinnen, Kolleginnen. Da lerne ich mehr als aus jedem Buch.

Mein wichtigster Rat wäre ohnehin: Sei authentisch. Kenne deine Stärken, kompensiere deine Schwächen mit starken Menschen um dich herum – und bleib ehrlich zu dir selbst. Sich selbst zu analysieren oder auch analysieren zu lassen, ist hilfreicher, als ein Buch zu lesen.

Bücher können dich inspirieren, aber sie machen dich nicht zu dem Menschen, der du bist.


Lass uns noch mal auf digitale Souveränität zurückkommen: Ist sie in Deutschland machbar – und wie sollte sie aussehen?

Ich glaube, dass digitale Souveränität kein Zustand, sondern ein Prozess ist. Wirkliche Unabhängigkeit entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Gegenseitigkeit. Jeder hat etwas, was ein anderer braucht.

Wir haben eine US-Tochtergesellschaft – das ist Teil unserer Souveränität. Souverän ist, wer Produkte anbietet, die auch andere Nationen nutzen wollen. Es geht um Balance, weniger um Autarkie.

Natürlich müssen wir technologische Abhängigkeiten verstehen und steuern. Aber Abschottung ist keine Lösung. Wir brauchen Kooperation – und Selbstbewusstsein. Made in Germany hat weltweit Gewicht, und wir sollten das durch Qualität, Offenheit und partnerschaftliches Handeln ausbauen.

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Wir sollten junge Menschen so früh wie möglich in Verantwortung bringen.

Wie stehst du zu KI? Setzt ihr KI selbst ein, z. B. in euren Produkten?

Künstliche Intelligenz basiert derzeit im Wesentlichen auf statistischen Methoden. Ein künstliches Bewusstsein existiert bislang nicht; vielmehr handelt es sich bei aktuellen Anwendungen um sehr leistungsfähige statistische Modelle. Die Fortschritte, die in den vergangenen Jahren erzielt wurden, sind jedoch beachtlich und bietet erhebliche Arbeitserleichterungen sowie Effizienzsteigerungen. Diese Entwicklungen werden selbstverständlich auch in unserem Unternehmen beachtet.

Welcher Haustier-Typ bist du: Hund oder Katze?


Ganz klar: Katze! Nur Katze.


Berühmte letzte Worte: Was ist deine Botschaft an die Welt?

Ich finde, wir sollten junge Menschen so früh wie möglich in Verantwortung bringen. Alte Menschen – und dazu zähle ich mich inzwischen – sollten Verantwortung abgeben und Jüngere befähigen.

Jugend zu kritisieren, ist eine alte Tradition. Viel sinnvoller ist es, sie zu stärken. Meine Aufgabe ist es, Wissen weiterzugeben und die nächste Generation zu befähigen.

Nur so bleibt die Welt lebendig.

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Das Interview fand am 30. Oktober 2025 remote statt.