Komplexität als Wettbewerbshemmnis: Wie Europas Regulierungsdichte KI-Skalierung – und Startups – ausbremst

Europas KI-Problem ist nicht die Idee, sondern die Skalierung: Ein aktueller AWS-Report liefert Hinweise darauf, wie Regulierung, Compliance-Kosten und fragmentierte Märkte aus technologischem Vorsprung ein Wirtschaftsrisiko machen.

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Europa hat bei Künstlicher Intelligenz die Adoptionsschwelle überschritten. Mehr als die Hälfte der Unternehmen in Europa nutzt laut einem aktuellen Report von Strand Partners zusammen mit AWS inzwischen KI, doch nur ein kleinerer Teil setzt sie bereits in den fortgeschrittenen, transformativen Anwendungsfeldern ein; nur 31 Prozent verfügen über eine formale, umfassende KI-Strategie.

Der eigentliche Engpass ist damit nicht mehr primär die Verfügbarkeit der Technologie, sondern die Fähigkeit, sie unter wachsender regulatorischer, organisatorischer und finanzieller Komplexität zu skalieren. Für Unternehmen ist das ein Wettbewerbsproblem: Der IMF beziffert die innereuropäischen Reibungen im Dienstleistungsverkehr auf ein Tarifäquivalent von rund 110 Prozent, während die EZB den Binnenmarkt zugleich als Raum von 450 Millionen Menschen und 26 Millionen Unternehmen beschreibt – also als genau jene Größenordnung, die für Skalierung eigentlich ein Vorteil sein müsste.

Gerade aus deutscher Sicht ist diese Diagnose brisant. Laut Destatis nutzte 2024 erst jedes fünfte Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten in Deutschland KI; als wichtigste Gründe gegen den Einsatz nannten Unternehmen fehlendes Wissen sowie Unklarheit über die rechtlichen Folgen. Die KfW kommt für den deutschen Mittelstand in den Jahren 2022 bis 2024 ebenfalls auf eine KI-Nutzerquote von 20 Prozent, im forschungsintensiven Verarbeitenden Gewerbe auf 23 Prozent – also ausgerechnet dort, wo Deutschland seine industrielle Stärke verortet.

Gleichzeitig verlieren die Digitalisierungsaktivitäten im Mittelstand an Schwung: Laut KfW-Digitalisierungsbericht Mittelstand 2025 haben zuletzt nur 30 Prozent der Unternehmen Digitalisierungsprojekte umgesetzt, die Ausgaben sind rückläufig, und die digitale Kluft zwischen großen und kleinen Mittelständlern bleibt groß.

Der Report zeigt vor allem ein Reifegradproblem. Zwar haben 54 Prozent der europäischen Unternehmen KI adaptiert, doch 58 Prozent der Anwender bleiben auf der Basisebene; nur 22 Prozent nutzen die fortgeschrittensten Fähigkeiten. Bei großen Unternehmen verharren 62 Prozent, bei KMU 59 Prozent in dieser frühen Phase, während Start-ups deutlich weiter sind. Der Unterschied ist ökonomisch relevant: Unternehmen in der Experimentierphase berichten von Produktivitätsgewinnen von 40 Prozent, fortgeschrittene Anwender von 62 Prozent; ein schnellerer Übergang in eine höhere Reifestufe könnte laut Report 191 Milliarden Euro zusätzliche Bruttowertschöpfung in Europa freisetzen.

Genau an diesem Punkt setzt auch eine Einordnung von Atomico an: Die Londoner Venture-Capital-Gesellschaft veröffentlicht mit dem „State of European Tech“ eine der meistzitierten jährlichen Bestandsaufnahmen des europäischen Technologie-Ökosystems und blickt dabei besonders auf Finanzierung, Talent, Gründungsdynamik und Skalierungsbedingungen. Europa, so heißt es dort, „excels at creation but struggles with continuation“ – stark in der Gründung, schwächer in der Fortsetzung bis zur globalen Skalierung.

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Regulatorische Fragmentierung als Kern der Blockade

Die Zahlen im AWS-Report verdeutlichen diese allgemeine Skalierungsdiagnose: 41 Prozent der befragten Unternehmen nennen zersplitterte regulatorische Anforderungen zwischen den EU-Ländern als Hürde, 36 Prozent fehlende Unterstützung für grenzüberschreitendes Testen und Ausrollen, 33 Prozent eine Marktfragmentierung, die den Kundenzugang erschwert. Hinzu kommt der Preis der Regulierung: Im Schnitt fließen 42 Prozent des gesamten Tech-Budgets in Compliance, gegenüber 40 Prozent im Vorjahr; die größten Posten sind Behörden- und Dokumentationsaufwand, externe Rechtsberatung und Schulungen, und 81 Prozent der Unternehmen berichten von steigenden Compliance-Kosten in den vergangenen drei Jahren. Synthesia-CEO Victor Riparbelli formuliert das Dilemma prägnant: „Unternehmen kaufen keine KI-Modelle, sie kaufen Ergebnisse.” Wenn aber fast die Hälfte des Technikbudgets defensiv gebunden sei, werde es „sehr schwer, offensiv zu investieren.”

Makroökonomisch passt dieses Bild zu den jüngsten Befunden von IMF und EZB. Der IMF argumentiert, dass Europas Unternehmen wegen hoher Binnenmarktbarrieren Skaleneffekte und Netzwerkeffekte schlechter ausschöpfen können als ihre US-Pendants; eine Annäherung der innereuropäischen Handelshemmnisse an das Niveau zwischen US-Bundesstaaten könnte die Produktivität langfristig um fast 7 Prozent erhöhen.

Die EZB unterstreicht diesen Punkt mit einem zweiten Maßstab: Der Binnenmarkt habe das reale BIP pro Kopf in den Gründerstaaten zwischen 1993 und 2014 um 12 bis 22 Prozent erhöht, doch verbleibende Hürden – gerade im Dienstleistungssektor – begrenzten weiterhin Wachstum und Resilienz. Bemerkenswert ist die aktuelle Zuspitzung: Nach EZB-Modellrechnungen könnte bereits eine Reduktion der Binnenmarkthürden um nur 2 Prozent in Gütern und Dienstleistungen langfristig die erwarteten BIP-Verluste durch höhere US-Zölle ausgleichen.

Die EU als lebendes Labor

Wie aus europäischer Regulierung operative Komplexität wird, zeigt NIS2 besonders deutlich. Die Richtlinie setzt zwar einen gemeinsamen Rahmen, die Umsetzung in den Mitgliedstaaten fällt jedoch sehr unterschiedlich aus. Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker zeigte 2025 in einer Präsentation auf der Fachmesse für ICS-Sicherheit, SCADA-Sicherheit und Betriebstechnik S4, wie unterschiedlich die ersten Bemühungen der Mitgliedstaaten zur Einhaltung der NIS 2 ausfallen: Ungarn arbeitet mit detaillierten Risikoklassen und einem sehr weitreichenden technischen Katalog, die Niederlande mit einem eher allgemeinen Rechtsinstrument, Italien erweitert den Geltungsbereich unter anderem um den Kultursektor und große Lebensmitteleinzelhändler, Belgien setzt stärker auf ein nationales Framework für Cyber-Baselines und Risikomanagement. Für Unternehmen bedeutet das: Wer in einem Mitgliedstaat konform ist, ist nicht automatisch in einem anderen konform; Identifizierung, Registrierung, Fristen, zuständige Behörden und die Auslegung technischer Anforderungen unterscheiden sich – also genau jene Reibung, die aus europäischer Perspektive wie ein unsichtbarer Skalierungszoll wirkt.

Für Deutschland hat sich der Befund inzwischen von der politischen Verzögerung zur operativen Last verschoben. Das nationale Gesetz zur Umsetzung der NIS-2-Richtlinie wurde am 5. Dezember 2025 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht, und das BSI weist inzwischen darauf hin, dass die gesetzliche Registrierungsfrist für betroffene Unternehmen bereits abgelaufen ist. Gleichzeitig betont das BSI, NIS2 mache Cybersicherheit zur „Chefinnen- und Chefsache“ – also zur unmittelbaren Führungs- und Haftungsfrage. Das ist für die deutsche Wirtschaft deshalb mehr als ein IT-Thema, weil NIS2 mit rund 30.000 betroffenen Unternehmen und Institutionen allein in Deutschland mehrere industrieprägende Sektoren erfasst, darunter Maschinenbau, Elektronik- und Fahrzeugfertigung.

Fachkräftemangel und Finanzierung verschärfen die Lage

51 Prozent der von Strand Partners befragten Unternehmen gaben an, dass ein Mangel an KI- und Digitalkompetenzen sowie fehlende interne Kapazitäten die Einführung oder Ausweitung von KI verhindern; 35 Prozent haben Schwierigkeiten, lokal geeignetes Talent zu finden, und im Schnitt dauert die Besetzung einer passenden Digitalrolle 6,8 Monate.

Zugleich nennen 28 Prozent unzureichende interne Finanzmittel als Hürde, 43 Prozent verfügen über kein dediziertes KI-Budget, und 38 Prozent der Start-ups würden einen Umzug aus Europa erwägen – bei den wachstumsstärksten steigt dieser Wert auf 51 Prozent. Enrico Letta, Dekan der Fakultät für Politik, Wirtschaft und Globale Angelegenheiten an der IE University und ehemaliger Ministerpräsident Italiens, spricht deshalb von „ wirklicher Dringlichkeit in diesem Moment “, während Mindflow-CEO Paul-Arthur Jonville beschreibt, wie stark sich das Innovationstempo bereits verschiebt: Was früher Monate gedauert habe, könne mit agentischen Systemen „Tage oder nur Stunden“ dauern – aber nur dort, wo Unternehmen schnell implementieren und grenzüberschreitend skalieren können.

Die ökonomische Schlussfolgerung daraus ist nüchtern, aber klar: Komplexität ist in Europa nicht mehr bloß der Preis einer anspruchsvollen Regulierung, sondern selbst zum Wettbewerbsfaktor geworden. Wenn Unternehmen ihre KI-Investitionen zwar um durchschnittlich 26 Prozent erhöhen, zugleich aber 42 Prozent ihres Tech-Budgets in Compliance binden, verschiebt sich Kapital von Transformation zu Absicherung. Für Deutschland ist das besonders heikel, weil gerade international aktive und forschungsnahe Mittelständler KI überdurchschnittlich häufig einsetzen, während die Breite des Mittelstands zugleich bei Digitalisierung und Umsetzung an Tempo verliert. Europas Problem ist daher nicht, dass es an Technologie, Forschung oder Unternehmen fehlt. Europas Problem ist, dass zu viel Managementaufmerksamkeit, zu viel Kapital und zu viele Fachkräfte in der Navigation durch 27 Varianten eines gemeinsamen Regelwerks gebunden werden – und genau deshalb wird Komplexität zur Wachstumsbremse.

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Besonders deutlich wird diese Spannung bei Start-ups. Laut AWS/Strand Partners sind sie in Europa zwar die dynamischsten KI-Anwender: 38 Prozent der europäischen Start-ups basieren ihr Geschäftsmodell bereits auf KI, 37 Prozent haben neue KI-Produkte oder -Services eingeführt, und AI-first-Start-ups berichten besonders häufig von Innovations- und Produktivitätsgewinnen.

Zugleich liefert der Report ein ernstes Standortsignal: 42 Prozent der deutschen Start-ups würden einen Umzug aus Europa erwägen, wenn sie anderswo bessere Skalierungsbedingungen finden. Europaweit sind es “nur” 38 Prozent; allerdings steigt dieser Anteil unter den wachstumsstärksten Unternehmen auf 51 Prozent.

Auf die Frage, was sie zum Verbleib bewegen würde, gaben 65 % an, dass ein klareres, verhältnismäßigeres und stabileres regulatorisches Umfeld, das Innovationen fördert, eine entscheidende Rolle spielen würde. 51 Prozent wünschen sich eine bessere Verfügbarkeit von Finanzmitteln.

Für Deutschland ergibt sich daraus ein ambivalentes Bild: Einerseits liegt die KI-Nutzung in der Start-up-Szene deutlich über dem Unternehmensdurchschnitt. Laut AWS-Angaben nutzen 68 Prozent der deutschen Start-ups aktiv KI, weitere 18 Prozent experimentieren damit.

Andererseits zeigt gerade dieser Vorsprung, wie hoch der Preis fragmentierter Rahmenbedingungen ist: Wenn die innovativsten Unternehmen Europas zuerst wachsen, dann aber außerhalb Europas skalieren wollen, verliert der Standort zwar nicht die Ideen – aber die nächste Wertschöpfungsstufe.

Vier Handlungsfelder für den Sprung von Nutzung zu Transformation

Aus dem Report ergeben sich vier Handlungsfelder, um Deutschlands starke Einführungsdynamik in eine breit angelegte wirtschaftliche Transformation zu überführen.

Erstens gilt es, auf bestehenden Stärken aufzubauen: Die industrielle Basis, die Ingenieurskompetenz und die vergleichsweise hohe Cloud-Reife bilden eine solide Grundlage, müssen aber konsequenter skaliert und über einzelne Vorreiter hinaus in die Breite der Wirtschaft getragen werden.

Zweitens braucht es mehr KI-getriebene Innovation. Gezielte finanzielle Anreize, KI-Innovationszentren und branchenspezifische Acceleratoren können Unternehmen dabei helfen, den Schritt von Pilotprojekten zu produktiven, transformativen Anwendungen zu vollziehen. Entscheidend ist dabei, KI nicht nur als Effizienzwerkzeug zu behandeln, sondern als Grundlage für neue Produkte, Services und Geschäftsmodelle.

Drittens müssen Investitionen gezielter gesteuert werden. Spätphasen-Wachstumskapital, ein vereinfachter Zugang zu öffentlicher Finanzierung und beschleunigte Beschaffungsverfahren im öffentlichen Sektor könnten den Transformationsprozess beschleunigen – gerade dort, wo junge Unternehmen und Mittelständler zwar technologisch weit sind, aber beim Skalieren an Kapitalzugang, Nachfrage und Verwaltungsprozessen scheitern.

Viertens bleibt die Kompetenzfrage zentral. Nationale Umschulungsinitiativen, KI-fokussierte Berufsbildung und branchengeführte Weiterbildungspartnerschaften sind nötig, um die Kompetenzlücke zu schließen. Ohne ausreichend Fachkräfte, die KI nicht nur bedienen, sondern in Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle übersetzen können, bleibt die hohe Adoptionsrate ein Frühindikator – aber noch kein Beleg für eine nachhaltige Transformation.

Was eine Transformation wirtschaftlich bedeutet und wie die nächste KI-Generation bereits die Wettbewerbsdynamik verändert – auch das geht deutlich aus dem AWS-Report hervor: In Deutschland berichten 79 Prozent der Unternehmen von beschleunigten Innovationszyklen. Besonders deutlich fällt der Effekt dort aus, wo agentische KI zum Einsatz kommt: 92 Prozent dieser Anwender sehen Produktivitätsgewinne; 48 Prozent melden höhere Umsätze.

Das verschiebt die Perspektive einmal mehr: Regulierung und Fragmentierung bremsen nicht nur abstrakte Zukunftschancen, sondern bereits heute messbare Produktivitäts- und Wachstumseffekte.