Das Ende der VMware-Selbstverständlichkeit
Was wie ein Lizenzthema beginnt, wird für CIOs und IT-Verantwortliche zur Grundsatzfrage über Kontrolle, Resilienz und Zukunftsfähigkeit der Infrastruktur.
Foxconn steht für einen Trend, der weit über einen einzelnen Virtualisierungswechsel hinausgeht: Nach der Broadcom-Übernahme von VMware prüfen Großunternehmen ihre Abhängigkeiten von etablierten Plattformen neu. Der Fall zeigt, wie Kosten, Vertragsrisiken, Produktions-IT, Edge-Standorte und KI-Infrastruktur in der Enterprise-IT enger zusammenrücken – und warum deutsche Industrieunternehmen ihre Virtualisierungsstrategie nicht mehr nur als Rechenzentrumsfrage behandeln sollten.
Foxconns VMware-Ausstieg ist kein abrupter Bruch mit einer ganzen Plattform, sondern ein gezielter Umbau an ausgewählten Stellen der globalen IT-Landschaft. So hat der Auftragsfertiger in Werken in Festlandchina, Taiwan, Vietnam und Nordamerika Teile seiner klassischen VMware- und SAN-Architektur durch die Arcfra Enterprise Cloud Platform ersetzt. Betroffen sind unter anderem DMZ-Umgebungen, produktionsnahe Intranet-Systeme, MES-, ERP- und Produktionslinien-Managementsysteme, Dev/Test sowie VDI-Workloads. Treiber waren hohe Aufbaukosten, wachsender Betriebsaufwand, fehlende zentrale Verwaltung, Sicherheitsisolierung und die Vorbereitung auf Container-Workloads.
Foxconn selbst stellt seine IT- und Produktionsstrategie öffentlich vor allem in den Kontext von KI, Smart Manufacturing und Plattformisierung. Chairman Young Liu sagte auf der NVIDIA GTC 2025, Foxconn sei zwar als Hersteller modernster AI-Server bekannt, gehe aber darüber hinaus und übertrage seine Tier-1-Kompetenz auf Smart City, Smart Manufacturing und Smart EV.
Foxconn denkt Infrastruktur neu
Gerade deshalb ist der Fall interessant: Der Konzern richtet seine Unternehmens- und Produktions-IT strategisch neu aus. Für 2025 meldete Foxconn einen Rekordumsatz von 8,1 Billionen NT-Dollar und erklärte KI zum Kern seiner neuen Fünfjahresstrategie. Zugleich überholte die Sparte Cloud- und Netzwerkprodukte im vierten Quartal erstmals die Smart-Consumer-Electronics-Sparte als größte Produktkategorie. Hinzu kommen Pläne rund um GenAI, agentische Workflows, digitale Zwillinge, Robotik-Simulationen und Edge-AI-Deployments sowie für AI-Datacenter-Infrastruktur in Europa.
VMware-Migration ist deshalb kein reines Lizenzthema mehr.
Warum Virtualisierung plötzlich Produktionsrisiko ist
Für einen Auftragsfertiger mit global verteilten Fabriken sind Virtualisierung, Private Cloud, Edge-Computing und Produktions-IT Teil derselben Betriebsplattform. Arcfra beschreibt Foxconns Ausgangslage als verteilte Werks-IT mit isolierten Produktionsumgebungen, strikten DMZ-Anforderungen und Bedarf an zentralem Management; zugleich nennt die Fallstudie Microsegmentation, Kubernetes-Unterstützung und geplante Active-Active-Cluster als Zielarchitektur.
Solche Funktionen sind für Fertiger relevant, weil Produktionssysteme nicht wie reine Büro-IT migriert werden können: NIST beschreibt Operational Technology als Systeme, die physische Prozesse überwachen oder steuern und dabei besondere Anforderungen an Leistung, Zuverlässigkeit und Sicherheit haben. Wenn in solchen Umgebungen MES, ERP, Shop-Floor-Control, virtuelle Desktops und KI-nahe Workloads auf derselben Plattform konsolidiert werden, entscheidet die Virtualisierungsebene über mehr als Serverauslastung – sie beeinflusst Produktionskontinuität, Segmentierung, Recovery-Zeiten und die Fähigkeit, neue digitale Workloads an Werksstandorten auszurollen.
Vom Einzelfall zur strategischen Abhängigkeit
Der Druck auf VMware-Kunden entstand nicht über Nacht. Nach der Übernahme durch Broadcom rückte der neue Eigentümer Private- und Hybrid-Clouds rund um VMware Cloud Foundation in den Mittelpunkt, bündelte das Portfolio stärker und stellte den Vertrieb auf Abo- beziehungsweise Laufzeitmodelle um. Für viele Bestandskunden war vor allem das Ende der Perpetual-Lizenzen und auslaufender Supportverlängerungen für diese Altverträge der Einschnitt. Wer bestehende Lizenzen weiter nutzt, behält sie zwar – muss seine künftige VMware-Strategie aber unter veränderten kommerziellen Bedingungen planen.
Damit veränderte sich auch die Risikolage. Es ging nicht mehr nur um mögliche Preissteigerungen, sondern auch um Beschaffung, Bündelung, Support-Ansprüche und Vertragsflexibilität. Europäische Anwenderverbände machten die EU-Kommission bereits im März 2024 auf die Folgen aufmerksam. Der deutsche Anwenderverband VOICE legte im Mai 2025 Beschwerde bei der EU-Kommission ein und verwies später auf Rückmeldungen von Mitgliedsunternehmen, die durchschnittliche Preissteigerungen von 280 Prozent – in Einzelfällen bis zu 525 Prozent – schilderten. Daraus wurde ein europäisches Branchenthema: Wie viel Kontrolle behalten Unternehmen über eine Plattform, die tief in Rechenzentren, Cloud-Strategien und Produktionsprozesse eingebettet ist?
Auch europäische Cloud-Anbieter verschärften den Ton. CISPE reichte am 19. März 2026 eine Wettbewerbsbeschwerde gegen Broadcom ein. Der Verband kritisierte unter anderem das angekündigte Ende des VMware Cloud Service Provider Program in Europa, höhere Kosten, Bündelung, Vorauszahlungen und Mindestverpflichtungen. Die Beschwerde zielt damit über einzelne Kundenverträge hinaus: Sie berührt die Frage, ob europäische Provider VMware-basierte Dienste weiterhin wirtschaftlich anbieten können und welche Wahl Unternehmen bei regionalen oder souveränen Cloud-Angeboten bleibt.
Auch auf der Enterprise-Seite war der Unmut groß. AT&T verklagte Broadcom im August 2024 wegen verweigerter Supportverlängerung für Perpetual-Lizenzen; der Konzern betrieb nach eigenen Angaben 75.000 VMware-VMs auf rund 8.600 Servern und warf Broadcom vor, essenzielle Supportdienste nur gegen unerwünschte Subskriptionspakete zu gewähren. Von einer Kostensteigerung von 1.050 Prozent war die Rede. Broadcom widersprach den Vorwürfen; beide Seiten erreichten im November 2024 eine Grundsatzeinigung, deren Konditionen nicht veröffentlicht wurden.
T-Mobile wiederum erklärte in einem New Yorker Gerichtsverfahren, VMware auf zehntausenden VMs und rund 303.140 CPU-Kernen einzusetzen und mehr als 1.000 Anwendungen migrieren zu müssen; das Gericht gewährte dem Unternehmen vorübergehend Support bis August 2026. T-Mobile plant nach eigenen Angaben den Ausstieg aus VMware und hat sich vor Gericht vor allem Zeit für die Migration gesichert.
In Europa ist Tesco eines der prominentesten Opfer. Der britische Handelskonzern wirft Broadcom unter anderem vor, zuvor vereinbarte Support-Optionen nicht zu erfüllen; Tesco gab an, eine Offerte über 23,5 Millionen Dollar für VMware Cloud-Foundation- und Mainframe-Software-Support erhalten zu haben – rund 175 Prozent über dem aus Tescos Sicht vertraglich geschuldeten Niveau. Zugleich warnte Tesco, die Migration zu Alternativen verursache operative und kommerzielle Risiken und werde frühestens Ende 2027 abgeschlossen sein. Auch hier wies Broadcom die Vorwürfe zurück.
Die Fälle sind insofern relevant, als sie zeigen, dass große IT-Organisationen bei Kernplattformen nicht beliebig schnell ausweichen können.
Ein deutsches Unternehmen sorgte für einen eher skurrilen Fall: VMware verklagte Siemens wegen Piraterie. Dem deutschen Industrieunternehmen wurden angebliche Urheberrechtsverletzungen beziehungsweise die Nutzung nicht lizenzierter VMware-Produkte vorgeworfen. Auslöser war laut Klage eine Supportverlängerung: Siemens wollte im September 2024 eine einjährige Verlängerung von Wartung und Support für VMware-Produkte nutzen und reichte dafür eine Produktliste ein. VMware behauptet, laut dieser Liste habe Siemens mehr VMware-Produkte eingesetzt oder Support dafür verlangt, als durch Lizenzen gedeckt gewesen sei. Außerdem wurde Siemens vorgeworfen, ein unabhängiges Software-Audit verweigert zu haben. Später soll Siemens die ursprüngliche Liste zurückgezogen und eine neue Aufstellung vorgelegt haben, die näher an VMwares Lizenzdaten gelegen habe. Siemens bestreitet die Vorwürfe; das Verfahren dauert an.
Siemens wurde in den VMware-Turbulenzen zum Beispiel für ein anderes Risiko: Der Fall zeigt, dass Software Asset Management bei gewachsenen VMware-Landschaften selbst zum strategischen Risiko werden kann.
Wenn Großkunden den Ausstieg planen
Für verteilte Edge-Infrastrukturen liefert Sheetz ein Migrationsmuster. Die US-Einzelhandelskette migriert rund 11.000 VMs an 838 Standorten von VMware zu StorMagic und betreibt dabei die vorhandene Hardware weiter; als Gründe für den Ausstieg nannte das Unternehmen erwartete Preissteigerungen, Pflicht-Subscription, Fünfjahresbindung und steigende Anbieterabhängigkeit.
Western Union begann eine Migration von 900 bis 1.200 Anwendungen von VMware zu Nutanix; als Motive wurden Partnerschaftsprobleme mit Broadcom, Lizenzierungsstrategie und flexible Workload-Platzierung genannt.
Besonders aufschlussreich für europäische Industrieunternehmen ist Michelin. Der französische Reifenhersteller konsolidierte seine Kubernetes-Plattform mit 62 Clustern an 42 Standorten, 850 Worker Nodes, 450 Anwendungen und rund 36.000 Pods auf einer eigenen Open-Source-Plattform namens – weg von u. a. VMware Tanzu Kubernetes Grid. Michelin berichtet von 44 Prozent geringeren Plattformkosten, 85 Prozent kürzerer Upgrade-Vorlaufzeit und einem verdoppelten Kubernetes-Footprint.
Diese Fälle zeigen, dass VMware-Alternativen je nach Anwendungsfall sehr unterschiedlich aussehen können. Michelin ist ein Beispiel dafür, dass Industrieunternehmen VMware-Abhängigkeiten auch auf der Container- und Plattformebene neu bewerten. Technologisch verschiebt sich der Markt von einer reinen Hypervisor-Debatte zu Architekturentscheidungen
Der deutsche Markt ist für diese Debatte besonders empfänglich; Anbieterabhängigkeiten sind tief in den Unternehmen verankert. Laut Bitkom Cloud Report 2025 fühlen sich 53 Prozent der Cloud-Nutzer Anbietern etwa bei Preisen oder Vertragsgestaltung ausgeliefert, 78 Prozent bewerten die enge Bindung an US-Anbieter kritisch, und 82 Prozent befürworten leistungsfähige europäische Cloud-Anbieter. In diesem Umfeld wird VMware als Teil der digitalen Souveränitäts- und Beschaffungsfrage wahrgenommen.
Was Unternehmen jetzt prüfen sollten
Unternehmen müssen ihre Virtualisierung wie eine strategische Abhängigkeit behandeln. Dazu gehören eine belastbare Inventur aller VMware-Komponenten, Support- und Patch-Ansprüche, Integrationen mit Backup, Netzwerk, Security und Automatisierung sowie eine technische Segmentierung nach Workload-Klassen.
Der Siemens-Rechtsstreit zeigt zusätzlich, dass Software Asset Management selbst zum Risiko werden kann: Für deutsche Industrieunternehmen ist das ein Warnsignal, dokumentierte Lizenzdaten, technische Nutzung und Vertragsrechte vor jeder Eskalation mit der Realität abzugleichen.
Strategisch spricht vieles für eine zweigleisige Roadmap:
- Kurzfristig können kritische Produktions- und OT-nahe Workloads stabilisiert, Supportrisiken vertraglich abgesichert und Edge-Standorte priorisiert werden
- Mittelfristig sollten Unternehmen Alternativen nach Workload-Mustern bewerten.
Foxconn zeigt, wie ein globaler Fertiger diese Fragen mit KI- und Edge-Infrastruktur verknüpft; Michelin zeigt, dass europäische Industrieunternehmen mit ausreichender Engineering-Kompetenz auch Plattformfunktionen stärker selbst gestalten können.