Unterschätztes Risiko: Shared Responsibility

Warum Verfügbarkeit nicht Sicherheit ist und was das in der Praxis für Organisationen bedeutet

Bild: Getty Images / Credits: Muhammad Labib Adila

Das Modell der geteilten Verantwortung (Shared Responsibility Model) ist das Rückgrat der Informations- und Infrastruktursicherheit moderner IT-Landschaften. Es definiert präzise, welche Aufgaben beim Anbieter liegen und welche der Kunde übernehmen muss.

Die aktuelle Diskussion um Anthropic und dessen spezifisches, vierstufiges Modell für KI-Agenten hat das Thema wieder in den Fokus gerückt. Doch was bedeutet Shared Responsibility in der Praxis und welche Auswirkungen hat das auf die IT-Sicherheitsstrategie von Organisationen?

Was ist Shared Responsibility?

Das Shared Responsibility Model ist ein Framework, in dem die Zuständigkeiten zwischen einem Service-Provider (z. B. Microsoft, AWS, OpenAI) und dem Nutzer festgelegt sind. Damit sollen Sicherheitslücken vermieden werden, die entstehen könnten, wenn beide Seiten davon ausgehen, dass die jeweils andere Seite für einen bestimmten Schutzaspekt (z. B. Backups oder Patching) zuständig ist.

Ein einfacher Merksatz lautet: Der Anbieter ist verantwortlich für die Sicherheit der Infrastruktur, während der Kunde für die Sicherheit seiner Daten inkl. Konfigurationen, Schnittstellen und Identitäten verantwortlich ist.

Was haben alle Modelle gemeinsam?

Trotz unterschiedlicher Dienste – Cloud, SaaS, KI, Cybersicherheit – gibt es Konstanten, die in nahezu jedem Modell in der Verantwortung des Kunden verbleiben:

Unterschiede nach Dienst und Anbieter

Die Aufteilung verschiebt sich je nach Abstraktionsgrad des Dienstes.

Bei Clouddiensten hängt es vom Service-Typ ab:

Bei SaaS-Angeboten übernimmt der Anbieter fast alles bis zur Anwendungsebene. Das umfasst u. a. die Verfügbarkeit der App, Software-Updates und die physische Sicherheit. Backup sowie Informations- und Datenschutz sind immer Kundensache.

Image
Description
Die Grafik veranschaulicht die Zuständigkeiten am Beispiel von Microsoft je nach Art der Bereitstellung des Stacks. (Quelle: Microsoft Learn)

Beispiel: Microsoft sichert Ihre E-Mails und Daten gegen Serverausfälle, aber nicht gegen versehentliches Löschen durch Nutzer, Phishing-Angriffe oder die Verschlüsselung durch Ransomware.

Dass immer noch viele Organisationen Verfügbarkeit mit Integrität verwechseln, belegt eine aktuelle Umfrage von Hornetsecurity. Daniel Hofmann, CEO von Hornetsecurity by Proofpoint bestätigt: „Die Umfrageergebnisse zeigen, dass sich noch immer zu viele Organisationen in Deutschland bei Microsoft 365 alleine auf die integrierten Sicherheitsfunktionen verlassen. Dabei ist ihnen nicht bewusst, dass Microsoft ein Shared-Responsibility-Modell verfolgt, das in erster Linie die Plattform selbst absichert, während die Unternehmen die Verantwortung für den Schutz ihrer E-Mail-Postfächer, Datenbestände und Benutzerkonten tragen. Dies gilt ebenso für Kollaborationsanwendungen wie Teams, die zunehmend für die geschäftliche Kommunikation und den Dokumentenaustausch genutzt werden.“

Hofman empfiehlt, alle potenziellen Risiken “durch die konsequente Optimierung von Sicherheitseinstellungen, den Einsatz zusätzlicher Schutz- und Monitoring-Mechanismen der nächsten Generation sowie ein effektives Management von Identitäten, Daten und Zugriffsrechten innerhalb der Organisation adressiert werden. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, dass Unternehmen ihre M365-Plattform umfassend und mehrschichtig über alle relevanten Aspekte hinweg” abzusichern.

Bei Cybersicherheitsplattformen wie der von Palo Alto Networks ist die Verantwortung besonders eng verzahnt. Der Hersteller garantiert, dass die Plattform läuft, die Signaturen/Bedrohungsdaten aktuell sind und die Sensoren funktionieren. Der Kunde ist für die Policy-Definition verantwortlich. Wenn die Firewall auf "Allow All" steht, ist das ein Fehler des Kunden, nicht der Plattform. Auch die Reaktion auf Alarme (Incident Response) liegt beim Kunden.

Im Fall von KI ist das Modell ist relativ neu und spezifisch. Die Verantwortung für die "Model Safety" (Vermeidung von schädlichem Output), die Sicherheit der Trainingsdaten und die Absicherung der API-Infrastruktur liegt in den meisten Fällen beim Provider. Der Kunde übernimmt Verantwortung für die Prompts (z. B. Eingaben dürfen keine sensiblen Daten enthalten) und die Validierung der Outputs sowie den Schutz der API-Keys.

Agentic AI

Während das klassische Shared Responsibility Model primär zwischen Infrastruktur und Daten unterscheidet, geht Anthropic bei KI-Agenten einen Schritt weiter. Der Hersteller argumentiert, dass KI-Agenten, die eigenständig Tools nutzen und Aktionen ausführen, eine neue Art der Aufgabenteilung erfordern, und unterteilt die Verantwortung wird in vier Ebenen – einen Großteil der Verantwortung sieht der Anbieter beim Kunden:

Was bedeutet Shared Responsibility in der IT-Praxis?

Beim Modell der Shared Responsibility kauft man ein sicheres Fundament, auf dem man die eigene Sicherheit aufbauen muss.

Für IT-Verantwortliche ergeben sich daraus drei kritische Handlungsfelder:

  1. Vermeidung von "Blind Spots": IT-Verantwortliche müssen genau prüfen, wo die Verantwortung des Anbieters endet.
  2. Compliance & Audit: Bei Audits müssen IT-Leiter nachweisen, dass sie ihren Teil der Verantwortung erfüllt haben. Der Provider liefert SOC-2-Reports meist nur für seinen Teil.
  3. Skill-Management: Teams müssen u. a. in IAM-Strategien, Prompt-Governance und Cloud-Security-Posturing geschult werden.

Erfahren Sie auf Seite 2, wie Shared Responsibility am konkreten Beispiel "Einführung einer KI-Lösung in einem regulierten Umfeld (z. B. Bankwesen, Versicherung, Gesundheitswesen oder öffentlicher Sektor)” aussieht.

Bild: Getty Images / Credits: ismagilov

In unserem Szenario nehmen wir an, ein Unternehmen nutzt ein Large Language Model (LLM) eines Anbieters in einer Cloudumgebung (z. B. Microsoft Azure OpenAI, Google Vertex AI oder Anthropic via AWS Bedrock) für eine interne Wissensdatenbank oder einen Kunden-Chatbot.

Daraus ergeben sich folgende Verantwortlichkeiten:

Die Infrastruktur- & Modell-Ebene (Verantwortung: Provider)

Der Anbieter (z. B. Microsoft oder Google) garantiert die Sicherheit der „Blackbox“ und der Umgebung:

Die Daten- & Input-Ebene (Verantwortung: Kunde / IT-Verantwortlicher)

Hier liegt das größte Risiko in regulierten Branchen. Der Anbieter weiß nicht, welche Daten in das Modell eingespeist werden.

Die Output- & Anwendungs-Ebene (Verantwortung: Kunde)

KI-Modelle sind stochastisch – sie raten das nächste Wort. Das kollidiert oft mit der regulatorischen Forderung nach Korrektheit.

Governance & Compliance (Geteilte Verantwortung)

Der Provider bietet Standard-Service-Level-Agreements (SLA), loggt API-Aufrufe und Systemzugriffe und stellt "Encryption at rest" bzw. "in transit" bereit.

Der Kunde loggt, welcher Mitarbeiter welche Abfrage gestellt hat, verwaltet die Verschlüsselungs-Keys (BYOK - Bring Your Own Key) und muss spezifische Zusatzvereinbarungen (z.B. für Berufsgeheimnisträger) prüfen.

Was bedeutet das konkret für den Rollout?

Wenn Sie in einem regulierten Umfeld eine KI einführen, müssen Sie als IT-Verantwortlicher folgende Checkliste abarbeiten, da der Anbieter diese Punkte nicht für Sie übernimmt:

  1. Technisches Assessment: Verwendet der Provider meine Prompts zum Training seiner Modelle? (In Enterprise-Versionen meist deaktiviert, muss aber explizit geprüft werden).
  2. Sicherheits-Layer: Einbau eines "Security-Gateways" zwischen Nutzer und KI, das sensible Daten filtert, bevor sie das Haus verlassen.
  3. Fachliche Kontrolle: Implementierung eines Prozesses, bei dem KI-Outputs von Experten gegengelesen werden, bevor sie den Endkunden erreichen.
  4. Dokumentation: Erstellung einer Risikoanalyse nach dem neuen EU AI Act, der die Verantwortung je nach Risikoklasse der Anwendung streng dem "Betreiber" (also Ihnen) zuweist.

Fazit

Bei KI-Lösungen in einem regulierten Umfeld sind Haftungs- und Compliance-Fragen weitaus komplexer als bei Standard-IT-Projekten. "Shared Responsibility" ist quasi gleichbedeutend mit einem "90-%-Risiko-Shift" zum Kunden. Während der Provider die Hardware und das Modell absichert, liegt das inhaltliche Risiko (Haftung für falsche Aussagen) zu fast 100 % bei Ihnen.