Google Clouds Model Garden: Agentic AI trifft auf Europas Souveränitätsfrage
Mit Platform 37 schafft Google Cloud in London einen kuratierten Enterprise-Hub für KI-Strategien. Der Bitkom Cloud Report 2026 zeigt zugleich, warum CIOs Cloud-KI, Datensouveränität und europäische Alternativen zusammendenken müssen.
Google Cloud erweitert seine Infrastruktur für strategische Großkunden in der EMEA-Region. Unter dem Namen "Model Garden at Platform 37" eröffnet der Hyperscaler in London ein neues, exklusives Google Experience Center (GEC). Die Einrichtung richtet sich gezielt an Führungskräfte auf C-Level sowie an einzelne Schlüsselpartner; Zugang ist nur mit einer Einladung möglich. Der operative Start ist laut Google für Q4 2026 geplant.
Der Begriff Model Garden steht bei Google Cloud grundsätzlich für einen kuratierten Zugang zu KI-Modellen, Tools und Entwicklungsressourcen, mit denen Unternehmen passende Modelle auswählen, testen, anpassen und in produktive Anwendungen überführen können. Der Name des Londoner GEC ist eine Anspielung auf die Lage des Gebäudes (neben dem Bahnhof King’s Cross) und auf „Move 37“ – einen entscheidenden Zug von AlphaGo im mittlerweile legendären Match aus dem Jahr 2016 gegen den Go-Weltmeister Lee Sae Dol. Das Ambiente ist von klassischen englischen Gärten inspiriert; Gäste können zudem den weitläufigen Dachgarten mit Blick auf die Londoner Skyline nutzen.
Im Mittelpunkt von Platform 37 steht „The Vault“, eine 270-Grad-Touch-Umgebung. Dort können Enterprise-Kunden Unternehmensdaten in Echtzeit visualisieren, branchenspezifische Probleme durchspielen und daraus belastbare Ansätze für agentenbasierte KI entwickeln. Technisch greift Google Cloud dafür auf sein Portfolio aus KI-Infrastruktur, Gemini-Modellen, Datenmanagement, Multicloud-Security, Developer-Plattformen, Agenten und Anwendungen zurück. Ergänzt wird die technische Umgebung durch Räume, die an klassische englische Gärten angelehnt sind und vertrauliche Strategiegespräche ermöglichen.
Platform 37 ist dabei mehr als der Standort eines Kunden-Showrooms: Das neue Gebäude in King’s Cross soll auch u. a. Google-DeepMind-Teams aufnehmen sowie mit "The AI Exchange" einen öffentlichen Lern- und Veranstaltungsbereich zu künstlicher Intelligenz bieten. Damit entsteht in London ein kombinierter Forschungs-, Bildungs- und Enterprise-Kunden-Hub, der Googles EMEA-Aktivitäten rund um KI stärker bündelt.
Maureen Costello, Vice President UK, Ireland and Sub-Saharan Africa bei Google Cloud, positioniert die Einrichtung als strategisches Investment in geschäftskritische Partnerschaften. Google stellt Experten, dedizierte technische Infrastruktur und Entwicklungsressourcen bereit, um KI-Szenarien für den EMEA-Markt messbar zu machen.
Analytisch betrachtet spiegelt "Platform 37" die Marktrealität des Jahres 2026 wider: Viele Enterprise-Kunden verschieben den Fokus von GenAI-Piloten auf Skalierung, Governance und den Nachweis messbarer Wertschöpfung. Agentic AI steht dabei für Systeme, die nicht nur assistieren, sondern Aufgaben über verschiedene Unternehmensanwendungen hinweg planen, ausführen und überwachen können. Für CIOs rücken damit Fragen nach Datenqualität, Sicherheit, Modell-Governance, Integration in bestehende Applikationslandschaften und belastbaren Betriebsmodellen in den Vordergrund.
Diese Verschiebung wird durch den Bitkom Cloud Report 2026 gestützt. Demnach nutzen heute 42 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI-Dienste aus der Cloud; in fünf Jahren halten 69 Prozent solche Angebote für interessant. Das ist mit plus 27 Prozentpunkten der stärkste Zuwachs unter den abgefragten Cloud-Anwendungen. Auch Datenbanken sollen von 58 auf 78 Prozent, Sicherheitssoftware von 48 auf 67 Prozent und CRM-Systeme von 33 auf 51 Prozent deutlich häufiger aus der Cloud bezogen werden. Für Enterprise-Architekturen unterstreicht das den Zusammenhang zwischen KI, leicht verfügbaren Daten, skalierbarer Rechenleistung und cloudbasierten Sicherheits- und Integrationsdiensten. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst bringt diese Entwicklung auf die Formel: „Cloud und KI sind natürliche Partner.“
Das eco-Kontrastmodell: Föderierte Testumgebungen und offene PoCs
Während US-Hyperscaler kuratierte, proprietär geprägte Executive-Umgebungen innerhalb des eigenen Cloud-Ökosystems aufbauen, verfolgt die europäische Digitalwirtschaft einen komplementären, netzwerkgetriebenen Ansatz. Ein zentraler Akteur ist der eco – Verband der Internetwirtschaft e. V., der Herstellern, Anwenderunternehmen und Infrastrukturakteuren kooperative Foren für Datensouveränität, Interoperabilität und praxisnahe KI-Umsetzung bietet.
Im Gegensatz zum exklusiven, auf einzelne strategische Kunden zugeschnittenen GEC zielen die vom eco e. V. unterstützten Initiativen auf vorwettbewerbliche Zusammenarbeit, Best Practices und anschlussfähige Referenzmodelle ab – für Großunternehmen ebenso wie für mittelständische Unternehmen (KMU). Relevante Beispiele für diese praxisnahen Test-Ökosysteme sind:
- Initiative „KI in der Praxis“: In Arbeitsgruppen wie „Daten & Services“ oder „Anwendungen“ evaluieren Unternehmen branchenspezifische KI-Modelle, Datenökosysteme und Marktplätze – etwa für Automotive, Manufacturing und Healthcare. Die Initiative setzt dort an, wo KI-Investitionen ohne skalierbare Anwendungen spekulativ bleiben: Sie soll konkrete Beispiele, Best Practices und Handlungsempfehlungen liefern, wie Unternehmen KI-Potenziale unter Berücksichtigung von AI Act, IT-Sicherheit, ESG-Anforderungen und Vertrauenswürdigkeit produktiv erschließen können.
- eIDAS-Testbed und Gaia-X Federation Services (GXFS): eco ist Partner des eIDAS-Testbeds, in dem Hersteller, Konsortien und Anwenderunternehmen digitale Identitätslösungen wie Wallets und PID-Credentials auf Interoperabilität und Vertrauensmechanismen testen können. Technisch knüpfen solche Szenarien an Bausteine wie Gaia-X Federation Services an, die Open-Source-Komponenten für föderierte Identitäts- und Vertrauensdienste, Kataloge, souveränen Datenaustausch, Compliance-Mechanismen und Integrationsfunktionen bereitstellen.
Fazit
Mit dem "Model Garden at Platform 37" etabliert Google Cloud eine hochprofessionelle, kontrollierte Umgebung, die auf technologische Tiefe, vertrauliche Executive-Workshops und enge Kundenbindung ausgelegt ist. Die Einrichtung bedient den wachsenden Bedarf an skalierbaren Agentic-AI-Architekturen auf Enterprise-Level und verknüpft diesen mit Googles breiter Cloud-, Daten-, Sicherheits- und Entwicklerplattform.
Auf der anderen Seite stehen europäische Initiativen wie eco, Gaia-X/GXFS und eIDAS-Testumgebungen, die stärker auf horizontale Integration, offene Schnittstellen, Vertrauensdienste und europäische Regelkonformität ausgerichtet sind.
Auch der Bitkom Cloud Report 2026 verweist auf diese strategische Spannung: 85 Prozent der Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern, 80 Prozent wünschen sich große Cloud-Anbieter aus Deutschland oder Europa, und 64 Prozent der Cloud-nutzenden Unternehmen fühlen sich durch die US-Politik gezwungen, ihre Cloud-Strategie zu überdenken.
Für IT-Verantwortliche entsteht damit eine strategische Abwägung: Hyperscaler-Hubs können Geschwindigkeit, technische Tiefe und integrierte Plattformen liefern; föderierte europäische Ökosysteme adressieren dagegen Souveränität, Interoperabilität und regulatorische Anschlussfähigkeit. In Enterprise-Architekturen dürfte künftig entscheidend sein, wie beide Ansätze miteinander kombiniert werden können, ohne neue Abhängigkeiten oder Compliance-Risiken zu schaffen.