KI wird zum Stresstest für die Cybersicherheit deutscher Unternehmen
KI-Agenten, Shadow-AI und nichtmenschliche Identitäten erweitern die Angriffsfläche. Cybersicherheit wird zur Governance-, Dokumentations- und Führungsaufgabe.
Künstliche Intelligenz ist für deutsche Unternehmen ein konkretes Betriebsrisiko. KI-Agenten, generative Anwendungen, Shadow-AI und nichtmenschliche Identitäten erweitern die Angriffsfläche, während Phishing, Schwachstellenausnutzung und Ransomware durch Automatisierung schneller und schwerer zu beherrschen sind. Für IT- und Sicherheitsverantwortliche rücken damit KI-Nutzung, Datenzugriffe, Berechtigungen und der Umgang mit Vorfällen in den Mittelpunkt: all das muss kontrollierbar, nachvollziehbar und regulatorisch belastbar sein.
Laut dem aktuellen ExtraHop Global Threat Landscape Report 2026 sind KI-Risiken längst Teil des Unternehmensalltags. 90 Prozent der befragten deutschen IT- und Sicherheitsverantwortlichen berichten von KI-bedingten Sicherheitsvorfällen, Datenexponierungen oder Beinahe-Vorfällen innerhalb der vergangenen zwölf Monate; 80 Prozent bewerten KI-Agenten, agentenbasierte Infrastrukturen und generative KI inzwischen als größtes Cyberrisiko. Nur 1 Prozent gab mit absoluter Sicherheit an, keinen KI-bezogenen Vorfall oder Datenabfluss erlebt zu haben. Am häufigsten tauchen kompromittierte KI-Identitäten und Session-Diebstahl mit 41 Prozent, KI-gestützte externe Angriffe mit 38 Prozent sowie Shadow-AI-Risiken mit 37 Prozent auf.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Unternehmenssicherheit: KI vergrößert die Angriffsfläche. Global nannten 55 Prozent der Befragten KI-Agenten, agentenbasierte Infrastruktur und GenAI-Anwendungen als wesentliches Risiko; 85 Prozent berichteten von Sicherheitsvorfällen, Datenexponierungen oder Beinahe-Vorfällen, bei denen ein KI-System als Ursache identifiziert wurde.
Die häufigsten Ursachen liegen in bereits bekannten Risikofeldern: Global entfallen laut ExtraHop 35,8 Prozent der Einstiegspunkte auf Phishing und Social Engineering, 22,3 Prozent auf Software-Schwachstellen und 14 Prozent auf kompromittierte Zugangsdaten beziehungsweise Brute-Force-Angriffe – dazu kommen Shadow-AI sowie Fehler in der Agenten- oder API-Logik.
Für deutsche Unternehmen wiegt diese Entwicklung besonders schwer, weil sie auf eine ohnehin angespannte Bedrohungslage trifft. Das BSI bewertet die IT-Sicherheitslage in Deutschland weiterhin als angespannt und weist auf unzureichend geschützte digitale Angriffsflächen hin.
Die unsichtbare Gefahr
Wie KI die Cybersicherheitslage verändert, wird anhand jüngster Vorfälle deutlich: Schwachstellen können in kurzer Zeit erkannt, analysiert und in Angriffspfade überführt werden. Verteidiger arbeiten dagegen mit engen Betriebsgrenzen: Testaufwand, Freigabeprozesse, Wartungsfenster, Herstellerabhängigkeiten und knappe Kapazitäten. Shadow AI verschärft das Risiko.
Viele technische Risiken sind inzwischen bekannt, in vielen Unternehmen fehlen jedoch passende Kontrollen. Gerade RAG-Systeme, interne Wissensdatenbanken und agentenbasierte Workflows sind für Unternehmensumgebungen kritisch, weil dort sensible Dokumente, Berechtigungen und operative Aktionen zusammenlaufen.
Für Organisationen geraten damit klassische Patch- und Freigabeprozesse unter Druck. Laut Mandiant nutzen Angreifer sowohl Zero-Day- als auch bekannte Schwachstellen im Schnitt bereits 7 Tage vor Veröffentlichung eines offiziellen Patches aus. Bei relevanten exponierten Systemen ist die verfügbare Reaktionszeit entsprechend kurz.
Gleichzeitig warnt das BSI davor, sich allein auf CVSS-Basisscores zu verlassen, weil KI-gestützte Verkettungen mehrerer Schwachstellen umgebungsabhängige Risiken erhöhen können. Nach Angaben von ExtraHop verzögern Angreifer kritische Alarme, indem sie verschlüsselte Kanäle nutzen, legitime Workflows imitieren oder gültige hochprivilegierte Berechtigungen missbrauchen.
Ransomware bleibt der operative Härtetest
Global bemerkten 49 Prozent der Organisationen Ransomware-Aktivität erst nach Datenabfluss oder in späteren Phasen; im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei rund 31 Prozent. 14 Prozent erkannten den Angriff erst mit der Lösegeldforderung. Die durchschnittliche Verweildauer von Ransomware-Akteuren lag bei nahezu zweieinhalb Wochen, die durchschnittliche Ausfallzeit pro Vorfall bei knapp 30 Stunden.
Deutschland fällt in der ExtraHop-Studie zusätzlich auf: In der globalen Befragung meldeten deutsche Organisationen mit durchschnittlich 4,8 Ransomware-Angriffen pro Organisation den höchsten regionalen Wert. Bei Lösegeldzahlungen lag Deutschland mit 3,7 Millionen US-Dollar hinter Frankreich auf Platz zwei der genannten Länderwerte. Auch ENISA ordnet Deutschland als hoch exponiert ein: Unter den EU-Mitgliedstaaten, die in Ransomware- und Data-Breach-Claims referenziert wurden, entfielen 23,4 Prozent auf Deutschland. Besonders betroffen waren hier unter anderem Fertigung und digitale Dienstleister.
Die gesamtwirtschaftliche Dimension lässt sich an der Bitkom-Wirtschaftsschutzstudie ablesen. Danach waren 87 Prozent der deutschen Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten von Datendiebstahl, Spionage oder Sabotage betroffen; der Gesamtschaden wurde auf 289,2 Milliarden Euro beziffert.
Dokumentations- und Nachweispflicht
Auch regulatorisch rückt Cybersicherheit näher an Unternehmensführung und Nachweisbarkeit heran. Die NIS2-Richtlinie umfasst 18 kritische Sektoren, erweitert den Kreis regulierter Unternehmen, verlangt angemessene Risikomanagementmaßnahmen und nimmt die oberste Leitungsebene stärker in die Verantwortung. AI-Act und Cyber Resilience Act können zusätzliche Pflichten mit sich bringen.
Für Unternehmen ist das vor allem eine Dokumentationsaufgabe. Sie müssen erfassen, wo KI genutzt wird, welche Daten einfließen, welche Systeme angebunden sind und welche Identitäten oder Agenten Aktionen ausführen dürfen. Im Risikomanagement müssen Shadow-AI, Drittanbieter-KI, RAG-Datenbestände, SaaS-Integrationen und nicht-menschliche Identitäten berücksichtigt werden. IAM muss sich von statischen Berechtigungen hin zu stärker kontextbezogener, zeitlich begrenzter und kontinuierlich überprüfter Autorisierung entwickeln. Netzwerksicherheit muss Datenflüsse, API-Nutzung, verschlüsselte Kanäle und laterale Bewegungen sichtbar machen. Vorfälle müssen früher klassifiziert werden, ohne auf vollständige forensische Gewissheit zu warten. Das BSI formuliert dafür die operative Prämisse „Assume Breach“ und fordert bessere Protokollierung, Netzwerk- und Systemmonitoring sowie belastbare Incident-Response-Kapazitäten.
Fazit
Mit KI steigen Tempo, Komplexität und Nachweisdruck in der Unternehmenssicherheit. Entscheidend sind Inventare, klare Berechtigungen, überwachte Datenflüsse und belastbare Incident-Response-Prozesse. Unternehmen, die KI-Agenten, Shadow-AI, Tokens, RAG-Datenbestände und SaaS-Abhängigkeiten nicht im Griff haben, verlieren im Ernstfall wertvolle Zeit. Wenn jedoch Angreifer schneller werden und Regulatoren zugleich mehr Nachweise verlangen, wird Cybersicherheit endgültig zur Führungsaufgabe.