Arbeitsmarkt: KI-bedingter Stellenabbau geringer als befürchtet

Laut einer aktuellen McKinsey-Studie steigert KI die Produktivität und verändert Rollen sowie Prozesse – doch der befürchtete massive Stellenabbau bleibt bislang aus.

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Die Debatte um künstliche Intelligenz wird von einer zentralen Sorge dominiert: der Vorstellung, dass fortschrittliche Algorithmen und automatisierte Systeme die menschliche Arbeitskraft in großem Stil obsolet machen könnten. Der "Global Survey on the state of AI" von McKinsey & Company zeichnet jedoch ein differenziertes Bild. Zwar schreitet die Implementierung von künstlicher Intelligenz in Unternehmen mit hoher Geschwindigkeit voran, doch die oft prophezeite Welle an Entlassungen ist bisher weitgehend ausgeblieben.

Ein Ergebnis einer aktuellen McKinsey-Studie betrifft die Fehleinschätzung hinsichtlich der personellen Auswirkungen künstlicher Intelligenz. 2025 gingen noch 32 Prozent der befragten Entscheidungsträger davon aus, dass die Einführung von KI in ihren Unternehmen zeitnah zu einer signifikanten Reduzierung der Belegschaft führen würde. Die zugrundeliegende Logik damals: Wenn KI-Modelle in der Lage sind, komplexe Texte zu verfassen, Code zu generieren, Datenmengen zu analysieren und Kundenanfragen autonom zu beantworten, müssten konsequenterweise weniger Menschen für diese Aufgaben benötigt werden.

Ein Jahr später zeigt sich eine andere Realität. Lediglich 14 Prozent der befragten Unternehmen meldeten tatsächlich einen Abbau von Arbeitsplätzen, der direkt auf die Nutzung von künstlicher Intelligenz zurückzuführen ist. Laut McKinsey sind unterschiedliche Faktoren für diese Diskrepanz verantwortlich – von technologischen Hürden über veränderte Arbeitsprozesse bis hin zu unerwarteten ökonomischen Dynamiken.

Ein Grund für den geringeren Stellenabbau liegt in der Natur der KI-Integration selbst. Viele Organisationen haben in der anfänglichen Phase der Technologie-Adaption den strategischen Fehler begangen, die Fähigkeiten isolierten KI-Tools direkt mit der Bewältigung komplexer Geschäftsprozesse gleichzusetzen. Ein KI-Modell, das Softwarecode generiert, ersetzt jedoch noch keinen erfahrenen Softwareentwickler oder -architekten. Die Untersuchung von McKinsey ergab, dass künstliche Intelligenz zwar die individuelle Produktivität steigert – 80 Prozent der Befragten geben an, dass der Einsatz von KI ihre persönliche berufliche Effizienz messbar verbessert hat –, dies jedoch nicht zwangsläufig in gestrichenen Planstellen resultiert.

Eine wertschöpfende Implementierung der Technologie erfordert das Redesign bestehender Workflows. Sogenannte High-Performer im KI-Bereich zeichnen sich laut der Datenbasis dadurch aus, dass sie Kernprozesse von Grund auf neu denken, anstatt KI lediglich als weiteres additives Werkzeug in historisch gewachsene Strukturen zu integrieren. Dieser Umstrukturierungsprozess ist arbeitsintensiv und erfordert zwingend menschliches Fachwissen sowie strategische Weitsicht. Die bestehenden Mitarbeiter übernehmen neue Aufgaben. Anstatt den ersten Rohentwurf eines Textes oder Codes zu erstellen, verschiebt sich ihre Rolle in Richtung Orchestrierung, kritischer Überwachung und Qualitätssicherung der KI-generierten Outputs. Das Konzept des "Human in the Loop" erweist sich in der Praxis als unverzichtbar, um rechtliche, ethische und qualitative Standards dauerhaft zu wahren.

Ein weiterer Aspekt, der den ausgebliebenen Stellenabbau erklärt, ist eine signifikante Verschiebung der internen Kapazitäten. Wenn Arbeitsprozesse durch Automatisierung beschleunigt werden, steigt der tatsächliche Output des Unternehmens. Wenn beispielsweise ein Programmierer dank Agentic Coding Tools, z. B. KI-Agenten, die eigenständig Teilaufgaben der Programmierung übernehmen können, schneller liefert, nutzte das Unternehmen die freigewordene Arbeitszeit in der Regel, um mehr Software zu produzieren. Technische Schulden können abgebaut, und neue digitale Produkte schneller zur Marktreife gebracht werden.

Die McKinsey-Studie stützt diese These: Nahezu ein Drittel (32 Prozent) der befragten Unternehmen gibt an, bewusst auf den Kauf externer Softwareprodukte verzichtet zu haben, weil sie diese Funktionalitäten mithilfe von KI-Agenten nun effizient intern selbst entwickeln können. Dieses KI-gestützte Insourcing von Entwicklungsarbeit bindet weiterhin interne Personalressourcen, schafft neue digitale Unternehmenswerte und sichert langfristig bestehende Arbeitsplätze.

Eine weitere Erklärung für die Zurückhaltung beim Stellenabbau ist die tatsächliche Wirtschaftlichkeit von KI-Systemen. Die Nutzung von KI auf Enterprise-Level bringt neue Kostenstrukturen mit sich. Fortlaufende Betriebskosten wie Token-Kosten für Abfragen bei großen Sprachmodellen und die dafür benötigte Rechenleistung beginnen die flächendeckende Nutzung inzwischen spürbar einzuschränken. Etwa 20 Prozent der befragten Organisationen geben an, dass KI-bedingte operative Kosten ihre weitere technologische Expansion einschränken.

Zudem lässt der unternehmensweite finanzielle Durchbruch in den Bilanzen oft noch auf sich warten. Obwohl die individuelle Produktivität der Mitarbeiter ansteigt, verharrt der Anteil der Unternehmen, die einen signifikanten positiven Effekt auf ihr operatives Ergebnis (EBIT) verzeichnen, bei lediglich 37 Prozent. Dieser Wert hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert. Wenn die erhofften Gewinnmargen oder Kosteneinsparungen durch KI auf oberster Unternehmensebene ausbleiben, fehlt oft auch der wirtschaftliche Druck für weitreichende Umstrukturierungsprogramme, die klassischerweise mit einem Stellenabbau einhergehen.

Die Analysten beobachten stattdessen eine Verschiebung der Anforderungsprofile: Etwa die Hälfte der Befragten gab an, dass die Interaktion mit KI ihnen dabei hilft, neue, zukunftsfähige Fähigkeiten zu entwickeln und datengestützt bessere Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig berichten insbesondere Führungskräfte der mittleren Ebene sowie Fachexperten über neue berufliche Belastungen. Fast die Hälfte (47 Prozent) dieser Mitarbeitergruppe hat bereits Reibungsverluste durch die forcierte KI-Nutzung im Arbeitsalltag erfahren. Dies deutet darauf hin, dass das professionelle Management von KI-Systemen und die Interpretation der Ergebnisse neue Herausforderungen mit sich bringen, deren erfolgreiche Bewältigung weiterhin menschliche Expertise erfordert.

Fazit

Aus dem McKinsey-Report lassen sich für IT-Verantwortliche in deutschen Organisationen klare Schlüsse ziehen: Die unmittelbare, ausschließlich KI-getriebene Entlassungswelle ist nach aktuellem Stand ausgeblieben. Künstliche Intelligenz ist im aktuellen Reifegrad vor allem ein Werkzeug für zeitaufwendige und repetitive Aufgaben. Unternehmen, die KI als reines Instrument zur radikalen Personalkostensenkung betrachten, riskieren, das eigentliche Potenzial der Technologie zu verfehlen. Die Management-Herausforderung der kommenden Jahre liegt im strukturierten Management des Wandels: der Weiterbildung der Belegschaft, der Neugestaltung von Arbeitsabläufen und der systematischen Verknüpfung von maschineller und menschlicher Intelligenz.

Dennoch ist die grundlegende Erwartungshaltung in den Führungsetagen weiterhin von einer gewissen Skepsis geprägt: Für das kommende Jahr erwarten 39 Prozent der Befragten einen KI-bedingten Rückgang der Gesamtbeschäftigung in ihren jeweiligen Organisationen. Es bleibt abzuwarten, ob der Markt erneut einen Zyklus der Überschätzung kurzfristiger technologischer Auswirkungen bestätigt. Die Historie der industriellen und digitalen Automatisierung hat gezeigt, dass Werkzeuge, die den Menschen in seiner Arbeit produktiver machen, langfristig eher zur Entstehung neuer Berufsbilder führen.