Fake News, Deepfakes und der große Spuk im Netz

Laut Bitkom nehmen fast alle Desinformation wahr, und die Hälfte leitet sie weiter

Bild: KI-generiert mit chatGPT

Desinformation ist digitaler Alltag. Laut einer aktuellen Bitkom-Studie sind bereits 91 Prozent der Bevölkerung auf Fake News gestoßen. Deepfakes nehmen zu, soziale Medien werden bevorzugter Nachrichtenkanal und, was Wunder, die Unsicherheit bei der Bewertung von Informationen wächst.

Was wirklich alarmiert, ist, wenn ein Profiteur vor seiner eigenen Wirkung warnt. So hat YouTube jüngst ein Werkzeug für die Allgemeinheit geöffnet, das bisher Hollywood-Stars, Journalisten und Politikern vorbehalten war: die "Likeness Detection". Eine KI-gestützte Ähnlichkeitserkennung, die die Plattform automatisch nach gefälschten Videos der eigenen Person durchsuchen lässt.

Falschinformationen sind längst kein Randphänomen mehr. Wie eine aktuelle Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt, haben bereits 91 Prozent der Menschen in Deutschland Erfahrungen mit sogenannten Fake News gemacht. Damit erreichen absichtlich verbreitete Falschmeldungen heute nahezu alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten.

Besonders auffällig ist die Dynamik der Entwicklung: Während 2023 noch 21 Prozent angaben, bislang keine Fake News wahrgenommen zu haben, liegt dieser Wert inzwischen nur noch bei vier Prozent. Unter aktiven Internetnutzern sinkt der Anteil sogar auf zwei Prozent.

Die Themen sind dabei nicht unerheblich: Laut einer älteren Bitkom-Studie aus dem Jahr 2024 gaben 67 Prozent an, Desinformationen zu politischen Themen wie Migration, Gaza-Konflikt und Ukraine-Krieg wahrgenommen zu haben.

Für Unternehmen, Medienhäuser und öffentliche Institutionen bedeutet dies eine zunehmende Herausforderung. Denn die Verbreitung manipulierter Inhalte beeinflusst nicht nur politische Debatten, sondern auch das Vertrauen in digitale Informationsquellen insgesamt. Anzumerken bleibt indes auch, dass zu den 100 Prozent auch ideologisch Verstrahlte gehören, die die „Lügen-Presse“ mit Fake News bekämpfen.

51 Prozent leiten Fake-verdächtige News weiter

Parallel zur wachsenden Verbreitung von Desinformation steigt die Unsicherheit bei der Bewertung von Nachrichten. Laut Bitkom geben 63 Prozent der Befragten an, Schwierigkeiten bei der Einschätzung der Glaubwürdigkeit von Informationen zu haben. 41 Prozent stoßen regelmäßig auf Inhalte, bei denen unklar bleibt, ob diese korrekt sind.

Besonders problematisch: Rund die Hälfte (51 Prozent) derjenigen, die Fake News erkennen oder vermuten, teilt Inhalte trotz bestehender Zweifel weiter. Dadurch können sich Falschinformationen innerhalb kürzester Zeit über soziale Netzwerke, Messenger-Dienste oder Online-Plattformen verbreiten.

„Desinformationen verzerren den öffentlichen Diskurs, beschädigen unsere Demokratie und verunsichern viele Menschen zutiefst“, erklärt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. „Mit KI-generierten Deepfakes kommt eine neue Qualität der Täuschung hinzu: Inhalte wirken immer authentischer, obwohl sie es nicht sind. Wir alle müssen in der Lage sein, Inhalte zu checken, Quellen zu prüfen und Falschinformationen zu erkennen.“

Deepfakes entwickeln sich zum Massenphänomen

Besonders stark wächst die Aufmerksamkeit für Deepfakes. Drei Viertel der Befragten kennen den Begriff inzwischen, nachdem dies im Vorjahr erst auf 56 Prozent zutraf. Der prominente Fall der Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes und deren „outing“ mögen traurigerweise dazu beigetragen haben.

Bereits 61 Prozent geben an, manipulierten KI-Inhalten begegnet zu sein oder dies zumindest zu vermuten. Die größte Verbreitung weisen manipulierte Videos auf. Danach folgen Bildmanipulationen, während gefälschte Audio-Inhalte bislang noch eine geringere Rolle spielen.

Die Sorge vor den Folgen ist groß: 89 Prozent halten Deepfakes für gefährlich. Gleichzeitig trauen sich lediglich 34 Prozent zu, solche Inhalte zuverlässig zu identifizieren.

Politik, Konflikte und Wirtschaft besonders betroffen

Desinformation konzentriert sich vor allem auf gesellschaftlich relevante Themenfelder. Am häufigsten nennen die Befragten die USA und die US-Politik, gefolgt von internationalen Konflikten, Kriegen sowie wirtschaftlichen Entwicklungen und Preissteigerungen.

Doch auch andere Themen geraten zunehmend in den Fokus. Migration, Kriminalität, Gesundheit, Klima oder Unterhaltung werden regelmäßig für die Verbreitung manipulativer Inhalte genutzt. Selbst Warnmeldungen rund um Schulen oder vermeintliche Gefahren für Kinder werden häufig über Messenger-Dienste weiterverbreitet.

Mehrheit fordert strengere Maßnahmen

Die Bevölkerung sieht die Bekämpfung von Desinformation zunehmend als gesellschaftliche Aufgabe. 87 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, die bewusste Verbreitung von Fake News zu bestrafen. 84 Prozent fordern Konsequenzen bereits für die gezielte Erstellung solcher Inhalte.

Gleichzeitig wächst der Wunsch nach mehr Medienkompetenz. 85 Prozent befürworten entsprechende Bildungsangebote bereits in Schulen. Zudem wünschen sich viele spezielle Unterstützungsangebote für ältere Menschen, die nicht mit digitalen Medien aufgewachsen sind.

Soziale Medien bleiben wichtigste Informationsquelle

Trotz aller Risiken gewinnen soziale Netzwerke als Nachrichtenquelle weiter an Bedeutung. Besonders jüngere Nutzer kommen heute häufig zuerst über Social-Media-Feeds oder Messenger-Dienste mit aktuellen Informationen in Kontakt.

Damit steigt die Bedeutung von Transparenz und Herkunftsnachweisen. Zwar gelten klassische Medienmarken weiterhin als wichtigste Informationsquelle, dennoch gibt etwa die Hälfte der Nutzer an, bei einzelnen Inhalten nicht eindeutig erkennen zu können, wer tatsächlich hinter einer Nachricht steht.

Desinformation wird zur dauerhaften Herausforderung

Die Bitkom-Studie verdeutlicht, dass sich die digitale Informationslandschaft grundlegend verändert. Fake News, Deepfakes und KI-generierte Inhalte werden immer professioneller und schwieriger zu erkennen. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit vieler Menschen von sozialen Netzwerken als Nachrichtenquelle.

Aus Sicht von Bitkom sind deshalb sowohl technische Maßnahmen wie Herkunftsnachweise als auch langfristige Investitionen in Medienkompetenz notwendig. Nur so lässt sich verhindern, dass Desinformation dauerhaft Vertrauen in Medien, Institutionen und demokratische Prozesse untergräbt.

Nehmen wir es also mit Max Frisch mehrdeutig mit dem berühmten ersten Satz des Romans „Stiller“. Der lautet: „Ich bin nicht Stiller“.