EU will AWS und Microsoft Azure stärker regulieren
EU-Kommission weitet Digital Markets Act erstmals auf Cloud-Dienste aus
Mit Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure geraten erstmals die beiden größten Cloud-Plattformen Europas in den Fokus des Digital Markets Act (DMA). Die EU-Kommission plant, beide Anbieter als Gatekeeper einzustufen. Für Unternehmen könnte dies weitreichende Folgen für Interoperabilität, Cloud-Wechsel, Markttransparenz und die europäische Cloud-Souveränität haben.
Die Europäische Kommission plant, den Digital Markets Act (DMA) erstmals auf den Cloud-Markt anzuwenden. Nach den Plänen der Wettbewerbshüter sollen Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure künftig als sogenannte Gatekeeper eingestuft werden. Damit würden die beiden größten Cloud-Plattformen Europas denselben regulatorischen Anforderungen unterliegen wie bereits verschiedene Plattform-, Suchmaschinen- und Betriebssystemdienste.
Eine endgültige Entscheidung wird nach Abschluss des laufenden Konsultationsverfahrens für November erwartet.
Cloud wird zur kritischen digitalen Infrastruktur
Die geplante Einstufung verdeutlicht den Stellenwert, den Cloud-Dienste inzwischen innerhalb der europäischen Digitalwirtschaft einnehmen. Rechenleistung, Speicher, Datenplattformen und KI-Services bilden heute die Grundlage zahlreicher Unternehmensanwendungen und öffentlicher Verwaltungsprozesse.
EU-Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera begründete den Schritt damit, dass Cloud-Computing für Wirtschaft und Verwaltung zunehmend unverzichtbar werde. Deshalb müsse ein funktionierender und wettbewerbsorientierter Markt mit gleichen Rahmenbedingungen für alle Anbieter gewährleistet werden.
Für die Kommission ist Cloud damit nicht mehr lediglich ein Infrastrukturmarkt, sondern ein strategischer Bestandteil der europäischen Digitalpolitik.
AWS und Azure dominieren den europäischen Markt, und Google?
Nach Angaben der EU-Kommission entfallen derzeit rund 28 Prozent des europäischen Cloud-Marktes auf AWS. Microsoft Azure folgt mit 21 Prozent, während Google Cloud auf etwa 14 Prozent kommt.
Damit kontrollieren allein AWS und Azure nahezu die Hälfte des europäischen Cloud-Marktes.
Bemerkenswert ist, dass Google Cloud zunächst nicht als Gatekeeper eingestuft werden soll. Diese Entscheidung stößt bereits auf Kritik. Wettbewerber warnen davor, dass insbesondere die zunehmende Verzahnung von Google Cloud mit den eigenen KI-Diensten den Wettbewerb künftig ebenfalls erheblich beeinflussen könnte.
Was eine Gatekeeper-Einstufung bedeutet
Der DMA richtet sich an Unternehmen, die aufgrund ihrer Marktstellung als zentrale Vermittler digitaler Märkte gelten. Für sie gelten besondere Verpflichtungen, um Wettbewerb und Marktöffnung sicherzustellen.
Welche konkreten Auflagen künftig für AWS und Azure gelten würden, hat die EU-Kommission bislang nicht veröffentlicht. Erfahrung aus anderen DMA-Verfahren deutet jedoch darauf hin, dass insbesondere folgende Bereiche in den Fokus rücken könnten:
- Interoperabilität zwischen Cloud-Diensten
- faire Vertragsbedingungen
- Transparenz bei Preisen und Leistungsmerkmalen
- Einschränkungen bei Self-Preferencing
- vereinfachte Wechselmöglichkeiten zwischen Cloud-Anbietern
- geringere Hürden beim Datenexport
Gerade der letzte Punkt besitzt für viele Unternehmen erhebliche Bedeutung. Der Wechsel zwischen Hyperscalern gilt aufgrund proprietärer Dienste, APIs und Plattformfunktionen häufig als technisch und wirtschaftlich aufwendig.
Cloud-Lock-in dürfte stärker in den Fokus rücken
Für IT-Verantwortliche könnte die geplante Regulierung vor allem beim Thema Vendor Lock-in relevant werden.
Viele moderne Cloud-Anwendungen nutzen heute proprietäre Datenbanken, Messaging-Dienste, Identitätsplattformen oder KI-Services der jeweiligen Hyperscaler. Dadurch entstehen enge technische Abhängigkeiten, die Migrationen erheblich erschweren können.
Bereits heute beschäftigen sich zahlreiche Unternehmen mit Exit-Strategien, Cloud-Portabilität und Multi-Cloud-Architekturen. Eine Ausweitung des DMA auf Cloud-Dienste könnte diesen Trend zusätzlich verstärken.
Insbesondere Betreiber regulierter Infrastrukturen sowie Unternehmen mit hohen Compliance-Anforderungen beobachten die Entwicklung aufmerksam.
Europäische Anbieter bleiben deutlich kleiner
Die geplante Regulierung erfolgt vor dem Hintergrund einer anhaltend hohen Marktkonzentration.
Nach Berechnungen der Synergy Research Group erreichten sämtliche europäischen Cloud-Anbieter zusammen im Jahr 2025 lediglich einen Marktanteil von rund 15 Prozent. Noch 2017 lag dieser Wert bei etwa 29 Prozent.
Die größten europäischen Anbieter bleiben die Deutsche Telekom und SAP mit jeweils rund zwei Prozent Marktanteil.
Gleichzeitig investieren die internationalen Hyperscaler massiv in ihre europäische Infrastruktur. Nach Schätzungen von Synergy Research fließen inzwischen pro Quartal rund zehn Milliarden Euro in neue Rechenzentren, Netzwerkinfrastruktur und Cloud-Kapazitäten innerhalb Europas.
Diese Investitionen vergrößern den technologischen Vorsprung gegenüber kleineren Anbietern zusätzlich.
Technologie-Souveränität gewinnt an Bedeutung
Die Cloud-Regulierung fügt sich in eine breitere europäische Strategie zur Stärkung digitaler Souveränität ein.
Mit Initiativen wie dem Technologie-Souveränitätspaket, dem Cyber Resilience Act, dem Data Act, dem AI Act sowie dem European Cloud Rulebook verfolgt die EU das Ziel, Abhängigkeiten von einzelnen Technologieanbietern zu reduzieren und gleichzeitig Wettbewerb sowie Innovation zu fördern.
Für Unternehmen entsteht dadurch ein zunehmend komplexes regulatorisches Umfeld, in dem technische Architekturentscheidungen immer häufiger auch unter Compliance- und Governance-Gesichtspunkten bewertet werden müssen.
Microsoft und AWS weisen Vorwürfe zurück
Microsoft erklärte, man wolle weiterhin konstruktiv mit der Europäischen Kommission zusammenarbeiten. Der europäische Cloud-Markt sei innovativ, wettbewerbsintensiv und ein wichtiger Wachstumstreiber für die Wirtschaft.
AWS kritisierte die geplante Einstufung dagegen deutlicher. Das Unternehmen sieht die Gefahr, dass zusätzliche Regulierung Investitionen in Europa bremsen könnte. Aus Sicht von AWS herrscht bereits heute ein funktionierender Wettbewerb, der Kunden zugutekomme und für wettbewerbsfähige Preise sorge.
Europäische Regulierung für Wettbewerb – ist das Souveränität?
Die geplante Ausweitung des Digital Markets Act markiert einen neuen Abschnitt der europäischen Cloud-Regulierung. Erstmals richtet sich der DMA unmittelbar gegen die dominierenden Infrastrukturplattformen der Hyperscaler.
Für Unternehmen stehen dabei weniger kurzfristige Preisänderungen im Vordergrund als langfristige Fragen nach Interoperabilität, Portabilität und technischer Unabhängigkeit. Gerade mit Blick auf KI-Plattformen, Datenräume und Cloud-native Anwendungen gewinnt die Fähigkeit, Workloads zwischen unterschiedlichen Umgebungen zu migrieren, zunehmend an strategischer Bedeutung.
Ob die Gatekeeper-Einstufung tatsächlich zu mehr Wettbewerb führt, wird wesentlich davon abhängen, welche konkreten Verpflichtungen die EU-Kommission in den kommenden Monaten formuliert und wie konsequent diese anschließend durchgesetzt werden.