»Der Anfang muss nicht die Zukunft bestimmen.«

Führung, Resilienz und Diversität neu denken - Interview mit Sandie Small Duberry, CIO der Prudential Regulation Authority bei der Bank of England

Sandie Small Duberry, Deputy Governorship CIO der Prudential Regulation Authority (PRA) bei der Bank of England. Bild: Bank of England

Die Deputy Governorship CIO der Prudential Regulation Authority (PRA), Sandie Small Duberry, sprach mit Computing auf dem everywoman in Tech Forum über die Modernisierung kritischer Infrastrukturen, Führung in Zeiten des Wandels sowie darüber, warum Neugier und Vielfalt für moderne IT-Führungskräfte unverzichtbar sind.

Wer die Bank of England beschreiben sollte, würde vermutlich Begriffe wie »traditionell«, »konservativ« oder vielleicht sogar »männlich geprägt« nennen. Tatsächlich bildet die britische Zentralbank jedoch einen wesentlichen Pfeiler der nationalen kritischen Infrastruktur und damit die Grundlage des Finanzsystems des Vereinigten Königreichs.

Die nach der Finanzkrise 2008 gegründete Prudential Regulation Authority (PRA) arbeitet gemeinsam mit der Financial Conduct Authority (FCA) daran, die Stabilität von Banken, Bausparkassen, Versicherungen und weiteren Finanzinstituten im Königsreich sicherzustellen.

Als Deputy Governorship Chief Information Officer der PRA gehört Sandie Small Duberry zu vier geschäftsbereichsorientierten CIOs, die direkt an CIO und Executive Director of Technology Nathan Monk berichten. Ihre Aufgabe liegt an der Schnittstelle zwischen Geschäftsstrategie, Regulierung und IT. Ziel ist es, technologische Entscheidungen so auszurichten, dass sie die wirtschaftspolitischen Aufgaben der Zentralbank unterstützen.

Modernisierung des britischen Zahlungsverkehrs

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Modernisierung des Real-Time Gross Settlement Systems (RTGS), die Anfang dieses Jahres abgeschlossen wurde.

»Dass Sie wahrscheinlich noch nie davon gehört haben, freut mich«, sagt Small Duberry. »Denn genau das zeigt, dass das System unauffällig und zuverlässig funktioniert. Es bildet die Infrastruktur für Interbankenzahlungen im Vereinigten Königreich. Jedes Mal, wenn Geld überwiesen oder bezahlt wird, arbeitet im Hintergrund das Zahlungssystem der Bank of England. Dort werden täglich Transaktionen im Wert von rund 680 Milliarden Pfund abgewickelt.«

Der digitale Kern dieses geschäftskritischen Systems wurde im Rahmen eines mehrjährigen Modernisierungsprogramms vollständig erneuert. Das Projekt gilt innerhalb der britischen Verwaltung inzwischen als Beispiel dafür, dass auch komplexe Transformationsvorhaben im öffentlichen Sektor termingerecht und innerhalb des Budgets umgesetzt werden können. Das Projektteam wurde sogar eingeladen, seine Erfahrungen in einer Anhörung der britischen Regierung vorzustellen.

Der Grundstein für diesen Erfolg wurde bereits Jahre zuvor gelegt. Small Duberry wechselte damals nach einer internationalen Infrastrukturposition bei HSBC zur Bank of England. Ausschlaggebend war die Möglichkeit, an der Auswahl des Technologiepartners für das neue RTGS-System mitzuwirken und gleichzeitig den Übergang der Infrastruktur zu Cloud-Diensten zu begleiten.

»Es war eine Aufgabe, wie sie vielleicht einmal pro Generation entsteht«, sagt sie.

»Es gibt kaum etwas Besseres, als jemanden einzustellen, der nicht dem üblichen Klischee entspricht«

Der Weg von Sandie Small Duberry in die IT verlief anders als bei vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen. Sie entschied sich bewusst gegen ein Universitätsstudium und begann ihre Laufbahn im Helpdesk von Reader's Digest. Von dort wechselte sie über den Desktop-Support in Infrastruktur- und später Führungspositionen bei Aviva und HSBC.

»Ich habe alles in der Praxis gelernt«, sagt sie.

Gleichzeitig verweist sie darauf, dass Schwarze Frauen in Führungspositionen der IT nach wie vor stark unterrepräsentiert sind. Eine gemeinsame Studie der British Computer Society (BCS) und der Organisation Coding Black Females zeigt, dass Schwarze Frauen lediglich 0,7 Prozent der britischen IT-Beschäftigten ausmachen. In Führungspositionen liegt ihr Anteil nochmals deutlich darunter.

»Man kennt mich für Transformationsprojekte und disruptive Technologien«, sagt Small Duberry. »Es gibt kaum etwas Besseres, als jemanden einzustellen, der nicht dem üblichen Klischee entspricht und damit zeigt, dass Veränderung möglich ist.«

Sie ergänzt:

»Während meiner gesamten Laufbahn war den Menschen bewusst, dass ich eine andere Perspektive einbringe. Wahrscheinlich denke ich anders, weil ich keinen klassischen Werdegang habe. Diejenigen, die mich eingestellt haben, wollten Veränderungen erreichen. Heute kann ich offen darüber sprechen, was das konkret bedeutet.«

Ethnische Vielfalt und Inklusion bei der Bank of England

Die Bank of England arbeitet seit mehreren Jahren daran, ihre Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. Bereits 2021 veröffentlichte sie einen Bericht zur ethnischen Vielfalt und Inklusion, in dem konkrete Ziele für die Repräsentation ethnischer Minderheiten auf Managementebene sowie bei Neueinstellungen definiert wurden. Über die Fortschritte berichtet die Bank regelmäßig in ihrem Jahresbericht.

Der ungewöhnliche Karriereweg prägt auch Small Duberrys Führungsstil. Während die Bank of England traditionell als eher hierarchisch gilt, setzt sie auf Offenheit, Zugänglichkeit und aktives Zuhören.

»Ich werde von Neugier geleitet«, sagt sie. »Kein einzelner Mensch kann auf alle Fragen eine Antwort haben – schon gar nicht angesichts der komplexen Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind. Deshalb versuche ich, ein Umfeld zu schaffen, in dem jede und jeder eine Stimme hat. Was das konkret bedeutet? Ich bin ansprechbar und offen.«

»Wer behauptet, alles über KI zu wissen, sagt nicht die Wahrheit«

Gerade in einer Zeit rasanter technologischer Veränderungen hält sie es für einen Fehler, wenn Führungskräfte den Eindruck vermitteln wollen, sie hätten auf jede Frage bereits die passende Antwort.

»Wer behauptet, alles über KI oder neue Technologien zu wissen, sagt schlicht nicht die Wahrheit«, erklärt Small Duberry.

Viel wichtiger sei es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem unterschiedliche Perspektiven ausdrücklich erwünscht sind und Mitarbeitende bestehende Annahmen hinterfragen können.

Digitale Souveränität und Abhängigkeit von Hyperscalern

Neben Künstlicher Intelligenz zählt für Small Duberry vor allem die digitale Souveränität zu den großen strategischen Herausforderungen.

»Als Technologin bereitet mir unsere Abhängigkeit von einigen wenigen großen Anbietern Sorgen. Wir wissen alle, wer sie sind und wo sie ihren Sitz haben. Mich beschäftigt die Frage, was passiert, wenn dort einmal etwas grundlegend schiefläuft. Ich glaube, die meisten Organisationen bereiten sich inzwischen auf solche Szenarien vor – ähnlich wie auf Naturkatastrophen oder andere Krisen.«

Nach ihrer Einschätzung lassen sich diese Herausforderungen jedoch nicht von einzelnen Unternehmen allein lösen. Resilienz werde künftig stärker von der Zusammenarbeit ganzer Branchen abhängen. Gleichzeitig werde Transparenz immer wichtiger. Kunden, Regulierungsbehörden und weitere Anspruchsgruppen dürften künftig deutlich mehr Einblick in technologische Abhängigkeiten, Datenmanagement und Maßnahmen zur operativen Resilienz verlangen.

KI zwischen Innovation und Verantwortung

Auch ihre Einschätzung zu Künstlicher Intelligenz ist von einem ausgewogenen Blick geprägt.

»Ich halte KI für eine faszinierende Technologie«, sagt Small Duberry. »Gleichzeitig erinnere ich mich noch gut an den Dotcom-Boom und den Hype, der damals entstanden ist. Kritisches Denken bleibt deshalb unverzichtbar – ebenso wie klare ethische Leitlinien, die von einem ausgewogen besetzten Führungsgremium getragen werden.«

Besonders wichtig sei dabei Vielfalt in den Teams, die KI-Systeme entwickeln und verantworten.

»Wenn nicht unterschiedliche Menschen an Entscheidungen beteiligt sind und Modelle entwickeln, kann das gefährlich werden. Niemand möchte, dass Lebenswege oder Chancen auf Grundlage eines verzerrten Modells vorhergesagt werden, das weder den jeweiligen Kontext berücksichtigt noch akzeptiert, dass Menschen sich verändern.«

Führung ist keine Frage des Lebenslaufs

Obwohl Führungspositionen in der IT nach wie vor wenig vielfältig besetzt sind, zeigt die Laufbahn von Sandie Small Duberry nach Ansicht von Computing, dass erfolgreiche Technologie-Führung nicht an einen bestimmten Ausbildungsgang oder beruflichen Hintergrund gebunden ist.

Zum Abschluss fasst sie ihre Überzeugung in einem Satz zusammen:

»Der Anfang muss nicht die Zukunft bestimmen.«

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf unserer Schwester-Website Computing - The UK leading source for the analysis of business technology.