Digital-souveräne Behörden: Man könnte, wenn man wollte

Im Rahmen von Phoenix bot Dataport Office-Anwendungen aus Open-Source-Lösungen für Behörden an. Technisch top, wirtschaftlich ein Flop? Nein, sagt der kommunale Dienstleister, der das Programm dennoch beendet. Die Lage ist – wie so oft – komplex.

Dataport-Unternehmenssitz in Altenholz (Quelle: Dataport)

Über 70 Prozent aller Unternehmen in Deutschland setzen laut dem diesjährigen Open Source Monitor des Branchenverbands Bitkom Open-Source-Software ein. Für Befürworter quelloffener Lösungen ein positives Signal. Dennoch ist das Ergebnis differenziert zu betrachten.

Im Report wird nämlich nicht erwähnt, wo Open-Source-Software eingesetzt wird. Wirft man einen Blick in die angehängten Case Studies, wird schnell offenbar, dass Linux am Desktop oder generell Office-Produkte definitiv (noch) nicht gemeint sind.

Ist Open Source am Desktop gescheitert? Gibt Dataport deswegen auf?

Die Crux mit Open Source

Bei Dataport ist man nicht zerknirscht, dass es mit seiner Version eines digitalen Verwaltungsarbeitsplatzes nichts wird. Von einem Flop will der IT-Dienstleister der öffentlichen Hand nichts wissen.

Erste Pilotprojekte der dPhoenixSuite gab es bereits 2020. Der norddeutsche IT-Dienstleister kombinierte mehrere quelloffene Komponenten, u. a. NextCloud, Matrix oder Jitsi zu einer Office-Suite als Alternative zu den proprietären Produkten von Microsoft.

2023 hagelte es harsche Kritik am Projekt Phoenix, und zwar ausgerechnet aus der Open-Source-Szene. Laut der Free Software Foundation Europe (FSFE) kritisierte Markus Feilner für das Linux Magazin verschiedene Punkte. Dazu gehörten “der fehlende dPhoenixSuite-Quellcode, Dataports mangelndes Verständnis von Freier Software und der Zusammenarbeit innerhalb der Freien Software-Gemeinschaft, eine Tendenz zum Open-Washing durch die Behauptung, auf Open-Source-Basis zu arbeiten, unklare Zuständigkeiten und ein undurchsichtiges Verhältnis zum Projekt Souveräner Arbeitsplatz des BMI.”

Ungefähr zur gleichen Zeit wie Phoenix entstand das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS). Dort bündelte man verschiedene Open-Source-Komponenten zur Kollaborations-Suite openDesk.

Fluch und Segen zugleich

Offene Software ermöglicht jedem, den Code zu verwenden, zu verbessern und zu verbreiten. Das Ziel ist es, Expertise zu bündeln und Kosten zu teilen. Die Realität sieht anders aus. Statt gemeinsam das Bestmögliche aus einer Codebasis herauszuholen, werden Projekte forked oder der Code komplett neu geschrieben. Not invented here ist die Devise.

Insofern ist es durchaus positiv, dass am Ende Teile des Programms Phoenix in das openDesk-Projekt von ZenDiS überführt wurden.

Dataport leistete Pionierarbeit und setzte Impulse für die digitale Souveränität. Freilich habe man als First Mover Lehrgeld gezahlt, "aber gleichzeitig auch für kommende Vorhaben eine Menge für sich im Interesse seiner Träger und Kunden mit auf seinen weiteren Weg mitgenommen".

Investition in ein freies Europa

In der IT-Branche sorgt Dataport mit dem Aus für Projekt Phoenix für unterschiedliche Reaktionen. Sind 90 Mio. Euro Verlust für die Entwicklung einer Open-Source-Office-Suite fehlgeleitete Verschwendung von Steuergeldern? Oder ist es eher eine vergleichsweise geringe Summe, wenn man überlegt, dass nichts Geringeres als die Abhängigkeit von den Launen einer unberechenbaren US-Regierung auf dem Spiel steht?

Jendrik Stahnke, DevOps-Entwickler bei Solero Technologies, betrachtet den Verlust von 90 Mio. Euro als Entwicklungskosten für initiales Prototyping einer digitalsouveränen Office-Lösung als eine Investition für ein freies Europa.

"Phoenix war der Beweis im Labor, dass es technisch geht. OpenDesk ist der Beweis in der Praxis, dass es wirtschaftlich und nachhaltig funktionieren kann. Ohne Prototyp kein Produkt. Ohne Phoenix kein OpenDesk. Und ohne OpenDesk keine souveräne digitale Zukunft. Und ohne digital souveräne Zukunft kein selbstbestimmtes Europa. Kein selbstbestimmtes Europa ist kein freies Europa", kommentiert Stahnke die Dataport-Meldung.

Das Auswärtige Amt, das RKI und Bundesländer wie Baden-Württemberg, Thüringen oder Schleswig-Holstein sehen in der Abhängigkeit von Konzernen wie Microsoft durchaus ein Risiko und wollen Open-Source weiterhin aktiv fördern. Eine Absichtserklärung, die sich auch in den Ergebnissen des aktuellen Open-Source-Monitors widerspiegeln.

“Die Richtung stimmt. Die Verbreitung und Akzeptanz von Open Source nimmt zu. Viele Unternehmen erkennen, dass quelloffene Lösungen mehr als nur Kosteneinsparungen bedeuten. Sie sind auch ein Schritt hin zur digitalen Souveränität und zur Zusammenarbeit”, kommentiert Rico Barth, Mitgründer und CEO von KIX Service Software, die Ergebnisse der Bitkom-Studie.

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Rico Barth, Mitgründer und CEO von KIX Service Software, stetzt sich seit Jahren für die Verbreitung von Open Source ein.

So wird es sicher nur eine Frage der Zeit bleiben, bis Open Source auch am Desktop ankommt.

Johannes Loxen, Co-Founder der SerNet GmbH und Business Angel, gefällt der Ansatz von ZenDis, die komplett auf Webanwendungen setzen: “In der Vergangenheit war es erforderlich, Anwendungen spezifisch auf Betriebssysteme zuzuschneiden. Mit dem Wandel hin zu browserbasierten Anwendungen verliert das zugrundeliegende Betriebssystem an Relevanz. Viele Funktionen können vollständig über browserbasierte Anwendungen abgebildet werden, sodass spezielle Client-Software entbehrlich ist.”

Alle wollen digitale Souveränität

Alle? Nein! Ein von einem unbeugsamen Franken regiertes Bundesland hört nicht auf, der Abhängigkeit Vorschub zu leisten.

Die Staatsregierung in Bayern positioniert sich pro Abhängigkeit. Das Finanzministerium des Freistaats soll Medienberichten zufolge mit Microsoft über ein Enterprise Agreement verhandeln. Ziel sei es, in allen Ministerien und Behörden die Cloud-Dienste von Microsoft einzusetzen. Ein Kommunalvertrag soll den Einsatz von Microsoft 365 auch in den Verwaltungen der Städte und Gemeinden durchsetzen.

Bayerns Partnerschaft mit Microsoft hat Geschichte. Als Ende 2003 Microsoft den Support für Windows NT 4.0 einstellte, begann die Landeshauptstadt München, u. a. in der Verwaltung, mit der Umstellung der Arbeitsplatzsysteme auf Open-Source-Betriebssysteme und Anwendungen. Selbst ein Besuch von Microsoft-Chef Steve Ballmer und Dumpingpreise konnten die damaligen Verantwortlichen nicht umstimmen.

Die Wende kam Ende 2013, als Microsoft bekannt gab, mit seiner Deutschland-Zentrale aus Unterschleißheim ins Münchner Stadtgebiet umziehen zu wollen. Im Manager-Magazin spekulierte man über einen Zusammenhang zwischen dem Umzug – und den damit verbundenen Gewerbesteuereinnahmen – und Münchens Rückkehr zu Windows. Es war sicher nur Zufall, dass ungefähr zur gleichen Zeit der als Microsoft-Anhänger bekannte spätere Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter als Wirtschaftsreferent der Stadt tätig war.

Doch inzwischen hat sich viel getan und gegen den Plan Zunftskommission 5.0 des Finanzministeriums in Bayern regt sich Widerstand. IT-Unternehmer, deutsche Softwarehersteller und die Open Source Business Alliance Bundesverband für digitale Souveränität e.V. (OSBA) haben einen offenen Brief gegen die aus ihrer Sicht Zwangseinführung von MS365 veröffentlich und zur Mitunterzeichnung aufgerufen (endete am 10. November 2025).

Sie führen Datenschutzbedenken, das Umgehen von Ausschreibungen, hohe Kosten sowie eine gezielte Diskreditierung von Open-Source-Alternativen wie OpenDesk von ZenDiS ins Feld. "Immer wieder berichten bayerische Unternehmen von einer gezielt gesetzten Mauer bei Ausschreibungen und Gesprächen, weil die US-Konzerne bereits gesetzt sind. Die Mühe einer nachvollziehbaren Marktanalyse hat man sich bei der Zukunftskommission erst gar nicht gemacht, weshalb auch völlig unklar ist, wie viel der Ausbau existierender Lösungen auf das Niveau der milliardenschweren US-Clouds kosten würde. Weite Teile der bayerischen Softwareindustrie sind erbost und fühlen sich erneut übergangen – sieht so die Zukunft der Digitalisierung in Bayern aus?", heißt es von den Initiatoren.

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag unserer Schwester-Website CRN.