#unpluggedit: Zwischen Tech-Protektionismus und Energiewende

In ihrer Kolumne beschäftigt sich die Computing-Herausgeberin mit den zentralen Fragen rund um Regulierung, Innovation und Verantwortung.

Bild: KI

In Zeiten globaler Umbrüche stehen digitale Infrastruktur, technologische Souveränität und Energieversorgung im Fokus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Debatten. Der zunehmende Tech-Protektionismus sowie die Herausforderungen der Energiewende zeigen, wie stark politische Entscheidungen und technologische Entwicklungen unser tägliches Leben beeinflussen. In dieser Ausgabe von #unpluggedit beschäftigen unsere Herausgeberin die zentralen Fragen rund um Regulierung, Innovation und Verantwortung im Spannungsfeld zwischen Effizienz und gesellschaftlicher Gestaltungsmacht.

Manchmal beginnen geopolitische Verschiebungen mit der eigenen Haustür. Was wie ein Slogan aus dem Wahlkampf klingt, kann handfeste Folgen für die gesamte Infrastruktur haben. Wenn Hard- und Software zunehmend protektionistisch geprägt werden, stellt das unsere Vorstellung eines offenen Internets auf eine harte Probe.

Digitale Infrastruktur ist längst kein neutraler Unterbau mehr – sie ist ein Machtinstrument. Wer Standards setzt, definiert die digitale Realität. Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert Verhalten, Abhängigkeiten und Wertschöpfung. Dass der Bundestag nun die nationale Umsetzung des EU Data Act beschlossen hat, ist deshalb mehr als ein technokratischer Akt.

Daten sollen fließen, nicht in Silos verrotten

Es ist der späte Versuch Europas, in einem Spiel mitzuspielen, das andere längst entschieden haben. Der Data Act verspricht Zugriff, Portabilität, Interoperabilität von Informationen – kurz: digitale Selbstbestimmung. Doch er zeigt auch ein europäisches Grundproblem: Wir regulieren, wo andere industrialisieren – und schreiben Gesetze für Märkte, die wir selbst kaum besitzen.

Aus „Privacy by Design“ wird „Responsibility by Design“

Aktuelle Urteile, die Meta und Alphabet für suchtförderndes Software-Design verantwortlich machen, könnten einen Wendepunkt markieren. Zum ersten Mal wird nicht nur Inhalt oder Datenschutz bewertet, sondern die Architektur der digitalen Verführung selbst. Dark Patterns, endlose Feeds, algorithmische Belohnungssysteme – das alles ist kein Kollateralschaden, sondern eine bewusste Produktentscheidung.

Was bedeutet das für Software im Allgemeinen? Und vor allem: für Unternehmen? Es bedeutet, dass „User Engagement“ kein neutraler KPI mehr ist. Dass Produktmanager, Entwickler und Vorstände sich nicht länger hinter A/B Tests verstecken können. Design wird zur ethischen Frage – und zur Haftungsfrage. Wer Software baut, gestaltet Verhalten. Und wer Verhalten gestaltet, trägt Verantwortung.

Augen zu, Tankdeckel auf

Haben Sie heute schon auf die Preistafel an der Tankstelle geschaut? Tun Sie es lieber nicht. Während die Politik mit mäßigem Erfolg versucht, die Spritpreise durch regulatorische Pflaster zu bändigen, wird eines immer deutlicher: Europa sitzt in der energetischen Zwickmühle. Zwischen eskalierenden Konflikten und globalen Abhängigkeiten wird Treibstoff zur härtesten Währung unserer Zeit.

Die politischen Reflexe wirken dabei oft hilflos: Tankrabatte, Preisdeckel, symbolische Eingriffe am Ergebnis – nicht an der Ursache. Mit Maßnahmen, die den Wähler beruhigen sollen – und langfristig nichts lösen.

Und bevor wir in trüber Stimmung ins Wochenende gehen, werfen wir einen Blick nach Greifswald. Ausgerechnet eine Kommune am Rande der Republik demonstriert Zukunft.

Mehr als ein Polarlicht

Die frisch gekürte Energie-Kommune des Jahres 2025 macht vor, wie Energie nicht nur verteilt, sondern auch gedacht werden kann. Langfristig. Systemisch. Mit Technologien, die heute noch nach Science Fiction klingen, aber unsere Rettung sein könnten: die Kernfusion. Während wir weiter über das Verbrenner-Aus und die ewig steigenden Spritpreise streiten, wird dort an einer Zukunft gearbeitet, in der Energie sauber, sicher und nahezu unbegrenzt verfügbar ist. Es ist dieser technologische Optimismus, den wir brauchen, um zwischen den Blöcken der Weltmächte nicht nur zu bestehen, sondern auch voranzugehen.

Fazit

Wir leben in einer Zeit, in der Infrastruktur politisch, Software normativ und Energie strategisch ist. Wer das ignoriert, verliert Gestaltungsmacht – im Unternehmen ebenso wie im Staat. Europa steht vor einer Wahl: weiter reagieren oder endlich gestalten. Nicht mit Aktionismus, sondern mit Haltung. Nicht nur mit Regulierung, sondern vor allem mit eigener technologischer Substanz. Nicht gegen Abhängigkeiten, sondern mit echten Alternativen.

Unsere Antwort auf die Herausforderungen der Zeit muss größer sein als ein Gesetzestext – und mutiger als ein Tankrabatt. Greifswald zeigt uns, dass technologische Souveränität nicht durch Preisbremsen erreicht wird, sondern durch Investitionen und Geduld.

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