#unpluggedit: Zwischen Effizienz und gesellschaftlicher Verantwortung

KI verspricht Effizienz, Wachstum und Automatisierung. Aber wofür sind Organisationen bereit zu zahlen? Für Technik offensichtlich immer. Für Menschen zunehmend selektiv.

Bild: KI

Während Konzerne mit KI‑Wetten und Effizienzprogrammen auf Wachstum setzen, bedrohen geopolitische Risiken und industrialisierte Cyberangriffe unseren ganz realen Alltag. Dafür macht Deutschland in Sachen Souveränität Fortschritte.

Amazon etwa wagt ein bemerkenswertes Comeback. Mehr als ein Jahrzehnt nach dem spektakulären Scheitern des Fire Phone plant der Konzern erneut ein eigenes Smartphone – diesmal als KI‑getriebenes, hochpersonalisiertes Gerät, tief verzahnt mit Alexa und dem Amazon‑Ökosystem. Die Idee: weniger Apps, mehr Assistent, mehr Nähe zum Nutzer – und mehr Daten. Klar ist: Auf keinen Fall will man das Feld Apple und Samsung überlassen.

Gleichzeitig zeigt sich auf den Finanzmärkten eine andere Seite der Wachstumslogik. Goldman Sachs stellt sein traditionelles Ritual der großen Frühjahrs‑Kahlschläge um und setzt stattdessen auf rollierende, performancebasierte Entlassungen über Frühjahr und Sommer hinweg. Das mag betriebswirtschaftlich rational wirken – für Beschäftigte bedeutet es vor allem permanente Unsicherheit. „Continuous performance management“ klingt sauber. Fühlt sich aber selten so an.

Noch deutlicher wird der Widerspruch bei Meta. Der Konzern plant massive Stellenstreichungen, um die explodierenden Kosten für KI‑Infrastruktur abzufedern. Gleichzeitig reagierten die Märkte positiv – der Aktienkurs legte nach Bekanntwerden der Pläne zu.

Moralisch ist das mindestens ambivalent: Tausende Jobs gelten als verzichtbar, und Effizienzgewinne durch KI werden vor allem als Renditehebel interpretiert. In der öffentlichen Debatte mehrt sich die Kritik an Börsenlogik vs. gesellschaftlicher Verantwortung, und die Frage, ob Shareholder Value endgültig über allem steht, wird immer lauter gestellt.

Unternehmen investieren Milliarden in Technologie, Automatisierung und KI, um effizienter, schneller und profitabler zu werden. Gleichzeitig verschwinden Arbeitsplätze dort, wo soziale Sicherungssysteme ohnehin bereits unter Druck stehen. Entlassungen betreffen auch die Länder, in denen diese Unternehmen kaum oder gar keine Steuern zahlen.

Die gesellschaftlichen Folgen dieser Entscheidungen trägt die Allgemeinheit: Arbeitslosigkeit, Umschulung, soziale Absicherung und politische Stabilisierung werden öffentlich finanziert, während Gewinne privatisiert bleiben. Hinzu kommt, dass viele der global agierenden Konzerne ihre Steuerlast – dort, wo es möglich ist – durch legale, aber aggressive Gestaltung minimieren. Der Staat, der die sozialen Folgen abfedert, ist oft nicht derselbe, der an den Gewinnen beteiligt wird.

Angesichts der geopolitischen Lage ist das aber wahrscheinlich sowieso eine Wette, bei der am Ende jeder verliert.

Trumps Krieg mit dem Iran droht, den energiehungrigen KI‑Hype auszubremsen, bevor er überhaupt in die Nähe seines Zenits kommt. Hohe Öl‑ und Gaspreise könnten Investitionen verteuern, Rechenzentren unter Druck setzen und die derzeitige Wachstumsdynamik dämpfen, warnt der Chefökonom der WTO. KI ist eben nicht nur Software – sie hängt vor allem von Strom, Silizium und Lieferketten ab. Und von politischer Stabilität.

Daran ändert auch nicht, dass der IT‑Planungsrat diese Woche zwei zentrale Weichen gestellt hat: Die Deutschland‑Architektur wurde einstimmig beschlossen, ebenso die Standards des Deutschland‑Stacks – verbindlich für Bund, Länder und Kommunen, für Neuentwicklungen und perspektivisch auch für Bestandslandschaften. Erstmals gibt es damit eine gemeinsame, verpflichtende Grundlage für föderale IT: klare Architekturprinzipien, ein definiertes Zielbild, Governance sowie einen Plattformkern für Identität, Datenaustausch, Zahlungen und digitale Kommunikation. Weniger Wildwuchs, mehr Struktur. Ein seltenes Signal von Einigkeit.

Was bleibt?

Technologischer Fortschritt soll Gesellschaften entlasten – faktisch aber externalisiert er Risiken, konzentriert Gewinne und verlagert Verantwortung. Effizienz auf Unternehmensseite verursacht nicht selten Instabilität auf gesellschaftlicher Ebene.

Am Ende stellt sich die Frage: Wenn Technologie immer produktiver wird, Arbeit aber systematisch abgebaut und Gemeinwohl nicht mitfinanziert wird – wer profitiert dann wirklich vom Fortschritt?

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