#unpluggedit: Zwischen AGI-Hype, autonomen Agenten und Massenüberwachung
Wenn die Zukunftsversprechen schneller wachsen als die Bugfix-Backlogs, die Milliardeninvestitionen höher ausfallen als die Produktivitätseffekte und wir noch immer nicht genau wissen, was eigentlich in unseren Netzwerken passiert
Während OpenAI, Anthropic, Google, Meta und eine wachsende Zahl weiterer Akteure um die Vorherrschaft bei der künstlichen Intelligenz kämpfen, stellt sich zunehmend die Frage, ob wir tatsächlich auf Artificial General Intelligence zusteuern oder vor allem auf ein Wettrüsten um Investorengelder. Glaubt man den AI-Bros aus dem Silicon Valley, steht die Artificial General Intelligence bereits vor der Tür. Zwar weiß noch keiner, vor welcher Tür und wo die genau sein soll, aber Hauptsache, man kann weiter Milliarden verbrennen, um Modelle zu trainieren, die flüssig Gedichte schreiben, regelmäßig Sicherheitsrichtlinien umgehen und Halluzinationen mit erstaunlicher Überzeugungskraft als Fakten verkaufen. Nur eines haben selbst die kühnsten Agenten um Mythos, Fable und ChatGPT noch nicht verstanden: wie man eine korrekte Spesenabrechnung in SAP erstellt.
Wo wir gerade bei Hype sind: Palantir hat wieder Zahlen vorgelegt. Wenn Alex Karp zum Earnings Call bittet, ist das selten eine trockene Finanzpräsentation, sondern eher eine Mischung aus geopolitischem Manifest und Cyberpunk-Symphonie. Die Zahlen stimmen, die Börse feiert, und die Botschaft an den Markt ist gewohnt dezent eine feurige Warnung vor der Abhängigkeit von Frontier-Modellen und das Versprechen, der Welt digitale Souveränität zu bringen. Das ist genau der Sinn von Humor, den wir an der Branche lieben. Wer könnte Staaten besser in die Unabhängigkeit führen als ein Konzern, dessen Fundament auf Massenüberwachung und Spionage – pardon – Aufklärung beruht? Die Botschaft ist von bestechender Logik: Digitale Autonomie ist auch nur eine Frage des Standpunkts. Ob Kunden im Detail verstehen, was die Plattform eigentlich tut, bleibt nebensächlich – solange das Dashboard nach Souveränität aussieht, überweist man gerne.
In der Produktmanagement-Riege träumt man derweil unverdrossen weiter vom heiligen Gral: der SuperApp. Eine Anwendung zum Bezahlen, Chatten, Pizza bestellen, zur Steuererklärung und zum Mieten von E-Scootern. Weil wir schließlich alle morgens aufstehen und denken: „Mensch, ich hätte gerne eine einzige App, die bei einem Serverausfall mein gesamtes digitales Leben auf einen Schlag lahmlegt.“ Was in Asien mit WeChat oder Alipay längst Realität ist, soll nun auch die westlichen Märkte erobern. Der Traum dahinter ist ebenso verlockend wie gefährlich: weniger App-Chaos, mehr Produktivität und eine einzige gigantische Angriffsfläche. Monolithen waren schon vor Cloud und Frontier-Modellen keine gute Idee.
Dass eine verteilte App-Landschaft auch so ihre Tücken hat, zeigt eine weitere Schlagzeile. Während wir in Keynotes voller Begeisterung ausmalen, wie autonome KI-Agenten demnächst komplexe Systeme ganz ohne menschliches Zutun steuern, wirkt die Realität erschreckend nüchtern. Und da rede ich nicht von den “Ausbrüchen” aus schlampig administrierten Testumgebungen. Der Fall Estée Lauder erinnert daran, dass Unternehmen auch 2026 noch Vorfälle entdecken, die weit länger zurückliegen, als jedem CISO lieb sein kann. Das führt zu einer bemerkenswerten Schizophrenie der Branche: Auf der einen Seite malen wir uns aus, wie autonome KI-Agenten Entscheidungen treffen, Lieferketten steuern und Arbeitsabläufe orchestrieren werden. Auf der anderen Seite wissen wir noch nicht einmal, wer sich seit Monaten in unserem Active Directory herumtreibt.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion: Innovation bleibt wichtig, Visionen ebenfalls. Doch die größten Wettbewerbsvorteile entstehen durch belastbare Prozesse, gute Datenqualität, funktionierende Sicherheitskonzepte und die Fähigkeit, Hype von Realität zu unterscheiden.
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#unpluggededit ist die ungefilterte Sicht unserer Herausgeberin Kerstin Stief auf Enterprise-IT und die Industrie dahinter.
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