#unpluggedit: Alien- und andere Invasionen
Wenn Ablenkung zum Markenzeichen wird, Abhängigkeit zum Haushaltsrisiko und LoL das neue Schach ist
Wenn ein Politiker plötzlich Aliens auf die Tagesordnung setzt, geht es selten wirklich um Außerirdische, sondern fast immer um Aufmerksamkeit als Waffe. Donald Trump kündigte an, er wolle den Pentagon-Chef Pete Hegseth und andere Behörden anweisen, Akten zu UFOs und außerirdischem Leben zu veröffentlichen. Verkauft wird es als Reaktion auf den öffentlichen Hype – in Wirklichkeit wedelt hier der Schweif mal wieder mit dem Hund. Mediale Ablenkungsmanöver verschieben zuverlässig wichtigere Debatten – und was eignet sich besser dazu als Außerirdische: unendlich faszinierend, unmöglich zu widerlegen und immer eine Schlagzeile wert. Ob die Akten etwas Neues enthüllen, ist fast nebensächlich. Die Ablenkung selbst ist die Botschaft.
Etwas Ablenkung könnte derzeit auch unserer Bundesregierung nützen: Die deutsche Bundesverwaltung hat gerade ein Paradebeispiel dafür geliefert, wie Anbieterabhängigkeit in der Praxis aussieht. Eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Rebecca Lenhard ergab, dass die Ausgaben für Microsoft-Lizenzen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind: von 274,1 Millionen Euro im Jahr 2023 auf 347,4 Millionen Euro im Jahr 2024 und zuletzt auf 481,1 Millionen Euro.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Höhe der Zahlen, sondern auch der Grund dafür: nicht etwa gestiegene Nutzerzahlen oder höhere Produktivität, sondern ein extrem hohes Maß an Abhängigkeit der Bundesverwaltung von Microsoft-Produkten. Für 2026 werden bereits weitere Steigerungen erwartet. Das ist keine Digitalisierung mehr, sondern eine bedingungslose Kapitulation vor der Marktmacht eines einzelnen Anbieters (aka Vendor-Lock-in).
Spätestens jetzt ist digitale Souveränität kein abstraktes Konzept mehr, sondern ein sehr realer Posten im Bundeshaushalt. Hinzu kommt die geopolitische Dimension: Große Mengen an sensiblen Daten inkl. Defense und KRITIS unterliegen der rechtlichen Kontrolle einer ausländischen Regierung. Da können BSI & Co. noch so oft betonen, dass Souveränität in erster Linie Kontrolle bedeutet. Die haben Bund und Länder schon lange verloren.
Verloren hat auch Blue Jay. Das von Amazon im Herbst 2025 als hochambitioniert vorgestellte „Physical AI“-System wurde bereits nach wenigen Monaten wieder verworfen. Das Ziel war beeindruckend. Das Ergebnis ist eher ernüchternd. Gescheitert ist Blue Jay an sich selbst: Atome sind schlicht und ergreifend weniger nachsichtig als Pixel und Bytes. Während sich KI mit ein paar Chips und ein bisschen Speicher begnügt, müssen sich Roboter immer noch in so profane Dinge wie Gebäude einfügen, in denen Statik, Wartungsfenster und CAPEX plötzlich eine ganz andere Dimension annehmen können.
Die Technologie von Blue Jay wird zwar in anderen Systemen weiterleben, aber diese Episode erinnert uns daran, dass der Fortschritt in der körperlichen KI weniger an Hype-Zyklen gemessen wird, sondern eher an blauen Flecken und Bilanzen.
Weniger blaue Flecken holt man sich beim E-Sport. Und was wäre unsere Woche ohne IHN? Sein von xAI entwickeltes KI-Modell Grok 5 soll 2026 in einem League-of-Legends- Showmatch gegen das E-Sport-Weltmeisterteam T1 antreten. Das Setting ist bewusst gewählt: Kamerasicht auf den Monitor statt direktem API-Zugriff und „human equivalent constraints“, also menschliche Reaktions- und Klicklimits. Das Ziel ist nicht, menschliche Spieler mit roher Geschwindigkeit zu überwältigen, sondern strategisches Denken und Lernen auf höchstem Wettbewerbsniveau zu demonstrieren.
In einem Spiel, das von Teamwork, Improvisation und Psychologie geprägt ist, bleibt es ein offenes – und faszinierendes – Experiment. Ob Grok gewinnt oder verliert, spielt fast keine Rolle. Die eigentliche Frage ist, was passiert, wenn KI nicht mehr danach beurteilt wird, ob sie Menschen übertrifft, sondern danach, wie überzeugend sie sich wie ein Mensch verhalten kann.
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