Wenn Giganten auf tönernen Füßen tanzen
Warum der KI‑Boom gefährlich nach Dotcom riecht – und doch alles ganz anders ist
Nvidia liefert Rekordzahlen, AMD meldet 100-Milliarden-Deals – und doch reagiert der Markt nicht nur euphorisch, sondern teils auch skeptisch. Was wie der Beginn eines goldenen Zeitalters klingt, erinnert in Struktur und Tonfall verdächtig an eine andere Epoche. Hinter der glänzenden Fassade der KI-Revolution mehren sich die Anzeichen für ein Dotcom-Déjà-vu. Damals wie heute galt: Die Zahlen waren groß, die Versprechen größer – und die Realität kam ... später. Eine Wiederholung wird es mit KI jedoch nicht geben. Das hat verschiedene Gründe.
Vor allem die Hyperscaler drehen den Geldhahn auf. 650 Milliarden Dollar für KI‑Rechenzentren und Hardware allein in den USA sind keine strategische Entscheidung. Es ist eine Wette auf eine Realität, die erst noch gebaut werden muss und diese Investitionen rechtfertigen – betriebswirtschaftlich wie physisch. Das ist kein Wachstum mehr, sondern ein Rausch.
Und genau hier beginnt der Vergleich: In den 1990ern herrschte im Telekommunikationsmarkt eine ähnliche Aufbruchstimmung, und es wurde Infrastruktur auf Basis von Visionen und Versprechen aufgebaut, die der Realität nicht lange standhalten konnten.
Investionsrausch
Die Dotcom‑Ära war ein wahres Festival aus Forecasts, die so taten, als wäre die Zukunft bereits bilanziert. Leitungen wurden verlegt und Rechenzentren gebaut, bevor die Erlöse kamen – und es geschah, was geschehen musste: Es herrschten Überkapazitäten und die Einnahmen blieben weit hinter den Investitionen zurück.
Im KI-Zeitalter sind es gigantische Rechenzentren, Kühlsysteme, Netzwerktechnik, Speicher, GPUs etc. Und genau wie damals sind die Baustellen real – der Business‑Case jedoch (noch) nicht.
Analysten von Bloomberg ziehen einen ähnlichen Vergleich: Damals wurde Infrastruktur gebaut – bezahlt mit der Gewissheit, dass „das Internet alles verändern wird“. Heute ist es KI. Bloomberg betont das systemische Ausmaß: Das Wachstum sieht real aus, weil so viel Beton gegossen wird, nicht weil so viel Wertschöpfung entsteht.
Am deutlichsten zeigt sich das anhand einer Grafik aus einem aktuellen Blogpost von Anthropic: „Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt: Ein neuer Maßstab und erste Erkenntnisse“.
Die Bilanzen der Anbieter spiegeln das Bild wider, insbesondere die von OpenAI. Der ChatGPT-Erfinder verzeichnete im Jahr 2025 einen Nettoverlust von schätzungsweise 27 Milliarden US-Dollar. Prognosen gehen für das Geschäftsjahr 2026 von einem weiteren Milliardenverlust aus – konservativen Schätzungen zufolge von mindestens 14 Milliarden US-Dollar.
Zu den Gründen gehören Zahlungsverpflichtungen aus früher abgeschlossenen Verträgen (u. a. mit Microsoft, Oracle und Chipherstellern) in Höhe von insgesamt rund 130 Milliarden US-Dollar bis Ende 2027. Mehr als 80 Milliarden US-Dollar davon sind aufgeschobene Zahlungsverpflichtungen, die im Laufe des Jahres 2026 fällig werden.
Das Unternehmen hat daraufhin seine langfristigen Pläne angepasst: Statt der ursprünglich avisierten 1,4 Billionen US-Dollar will man nun bis 2030 nur noch rund 600 Milliarden US-Dollar in den Ausbau der KI-Infrastruktur investieren. Ein Kurswechsel mit Signalwirkung – aber nicht das Ende.
Hypes kommen in Wellen, überschreiten einen Zenit und irgendwann kehrt die Normalität ein. Und wie bei jedem anderen Hype wird es auch bei KI die Gewinner und die Verlierer geben. Neu sind die Komplexität und die Tragweite. Das unterscheidet KI von jedem anderen bisherigen Hype.
Eyeballs und Pageviews vs. Tokens und Agents
Die Dotcom-Profiteure waren im Wesentlichen Finanzdienstleister (Investmentgesellschaften bzw. -banken) und Analysten. Auch Handelsmärkte wie die Deutsche Börse AG profitierten massiv vom Volumen und den Notierungsgebühren des extra dafür neu geschaffenen Segments, dem “Neuen Markt”.
Zur zweiten Gruppe der Gewinner zählten Infrastrukturanbieter, die die Hardware für das wachsende Netz lieferten, sowie Baugesellschaften, die die Rechenzentren bauten, Leitungen vergruben oder Masten aufstellten.
Auch aktuell kommen die Gewinner – neben den obligatorischen Investmentgesellschaften – aus dem Bereich Infrastruktur: Halbleiterindustrie & Chiphersteller, Rechenzentrumsbetreiber, Baufirmen (die die Rechenzentren planen und bauen). Es gibt aber auch neue Profiteure: Energieversorger und Rohstofflieferanten bzw. Produzenten von für die Hardwareproduktion essenziellen Materialien und Komponenten.
Das Muster zieht sich durch die Geschichte wie ein roter Faden: Schon beim Goldrausch wurden selten die Goldsucher reich, sondern vor allem die Hersteller und Verkäufer von Spitzhacken, Sieben und Schaufeln. Im goldenen Eisenbahnzeitalter waren es die Eisen- und Stahlindustrie sowie der Kohlebergbau.
Blase oder nur ein ganz normaler Hype?
Wie bei jedem Hype weckt ein neuer Markt Begehrlichkeiten. Jeder will ein möglichst großes Stück vom Kuchen abbekommen. Die Blase bläht sich unweigerlich auf – bis sie irgendwann platzt. Das geschieht selten aus nur einem Grund. Oft ist es ein Zusammenspiel aus Lieferketten, Kosten und Zeitverzug – und irgendwann kippt die Erwartung.
Wie schon bei Dotcom folgt auch KI einem Hype-Cycle. Allerdings gibt es auch Unterschiede. Während Dotcom vorrangig ein Infrastruktur-Boom war (ähnlich dem Eisenbahnbau), ist KI sowohl ein Infrastruktur- als auch ein Technologie-Hype-Cycle. Das führt zu parallelen Entwicklungen, die sich gegenseitig beeinflussen. Zwar kann eine Entwicklung die andere schwächen – sie kann sie aber auch stärken. Ein Platzen der Blase wie bei Dotcom ist äußerst unwahrscheinlich.
Statt plötzlicher Insolvenzen der Superlative wird es eher auf eine Cashflow-Margin-Durststrecke hinauslaufen. Das liegt vor allem daran, dass die Technologie in entscheidenden Teilen als reif gilt und in der Praxis angekommen ist. KI wird im Wesentlichen verstanden und ist in vielen Bereichen bereits länger etabliert (Cybersecurity, Analytics). Die Träger des KI-Hypes sind ganz anders kapitalisiert als zu Dotcom-Zeiten.
Entlüftung statt Big Bang
Lieferketten- und Infrastrukturprobleme zeigen, dass das Ökosystem nicht beliebig elastisch ist. Genau diese Constraints zwingen zur Priorisierung. Die Investitionen werden hoch bleiben, verschieben sich jedoch stärker auf Effizienz, Modellqualität und Spezialisierung. Dieser Prozess hat bereits begonnen.
Business‑Modelle ohne belastbaren Nutzen und Anbieter ohne klaren ROI verschwinden. Die Infrastruktur bleibt; der Markt konsolidiert und bereinigt sich.
Hersteller im Halbleitermarkt bleiben stark, aber die Bewertungen normalisieren sich wieder. Das hat zum einen mit Einkaufskorrekturen zu tun (siehe oben), zum anderen mit gezieltem Einsatz von Technologie und effizienteren Modellen. Auch hier sind erste Anzeichen am Markt sichtbar.
Die Skalierung von KI ist stark von der Energieversorgung und der Herstellung bzw. Lieferung systemfähiger Kapazitäten (Prozessoren, Netzwerk, Memory, Racks, Kühlung etc.) sowie der Verfügbarkeit geeigneter Standorte abhängig. Vor allem Energieversorgung und Genehmigungsverfahren können dazu beitragen, dass Projekte scheitern oder zumindest teurer werden als geplant.
Hier unterscheidet sich KI fundamental von früheren Hypes: Sie muss elektrisch passieren. Wenn Dotcom ein Ozean ohne Boote war, droht KI ein Boot ohne Treibstoff zu werden. Das wiederum zieht einen weiteren Hype nach sich: den Hype um neue Technologie zur Energiegewinnung (Stichwort Fusion – darüber werden wir in einem separaten Beitrag berichten).
KI – Das Ende von "Software-as-a-Service" (SaaS)?
Einen großen Verlierer könnte es dennoch geben: die Hersteller von Software. Die größten Gefahren für etablierte Softwareunternehmen sind Start-ups, Vibe-Coding (DIY-Lösungen) und die Ausweitung von KI auf die Anwendungsebene.
Laut einem Report von Redpoint Ventures könnte Horizontal-SaaS am stärksten getroffen sein, da es sich leichter durch KI ersetzen lässt. Vertical-SaaS und Infrastruktur-Software gelten aufgrund ihrer proprietären Datenbasis, Compliance oder integrierten KI-Workloads als robuster. Dennoch könnte auch hier der langfristige Wert sinken.
Fazit
Moderne Hypes kommen in Wellen und immer seltener allein. Dafür werden sie stärker von Unternehmen getragen, die grundsätzlich profitabel sind. Frühere Hypes lehren uns, dass aus übertriebenen Erwartungen eine sehr reale Produktivität entstehen kann. Die Infrastruktur der Dotcom-Ära ist heute ein wesentlicher Bestandteil des KI-Fundaments. KI könnte zum wichtigsten Treiber der Energiewende werden.
Trivia: Der ewige Gewinner
Damals wie heute wird die Technologie tatsächlich alles verändern – außer den auf dem Weg dorthin unvermeidlichen Verlusten. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Nvidia ist der sichtbarste Profiteur eines bis dato beispiellosen Investitionsprogramms.
Das Unternehmen ging kurz vor dem Dotcom-Crash an die Börse und gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Tech-Aktien der Geschichte. Nach dem Krypto-Hype erlangte die Aktie mit dem Hype um künstliche Intelligenz einen neuen Höhepunkt. Wer damals investiert hätte, könnte sich heute über eine Rendite von mehr als 100.000 % freuen. Allein in den letzten fünf Jahren stieg der Aktienkurs um über 1.300 %.